Dramatische Schilderungen

Kriegsende vor 75 Jahren: Für Gertrud Rosemann gehörten Hunger und Tod zum Alltag

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Die Begründerin und langjährige Leiterin des Puppenmuseums Gertrud Rosemann berichtet aus ihrer Zeit in einem russischen Internierungslager.

Der 8. Mai als Tag der Kapitulation und damit Tag der Befreiung von der Nazidiktatur beschäftigt landauf landab nicht nur die Historiker, die jetzt, zur 75-jährigen Wiederkehr dieses Datums, darüber diskutieren, ob dieser Tag zum bundesweiten Gedenk- und Feiertag erklärt werden solle.

Jedem Einzelnen von uns bietet der 8. Mai die Chance, uns mit den noch lebenden Zeitzeugen über die Schrecken und die Folgen des Krieges zu unterhalten. Gertrud Rosemann, Begründerin und langjährige Leiterin des Hessischen Puppenmuseums in Wilhelmsbad, ist eine solche Zeitzeugin.

Die gebürtige Rheinländerin hat uns ihre Fluchtgeschichte erzählt, die sie ihren vier Kindern und ihren Enkeln in ihren Aufzeichnungen „Erzähltes Leben“ vor 17 Jahren anlässlich ihres 80. Geburtstages geschenkt hat. „Diese Erinnerungen wachzuhalten, um das Bewusstsein der jungen Menschen zu schärfen, ist wichtig“, sagt die 97-Jährige und erinnert sich.

„Nach dem ersten pädagogischen Staatsexamen in Koblenz im Frühjahr 1943 wurde mir meine erste Lehrerstelle zugewiesen: an einer einklassigen Schule in einem Dorf in Masuren (Südostpreußen), an der schon zwei Jahre wegen des kriegsbedingten Lehrermangels kein Unterricht mehr stattgefunden hatte. Ende Januar 1945 begann der große Flüchtlingstreck, Ende Februar der Transport und Aufenthalt in verschiedenen russischen Internierungslagern.

Dramatische Schilderungen aus dem Gefängnis

So kam ich im März von Heilsberg ins Gefängnis Bartenstein. Anzeichen von Ruhr machen sich bemerkbar. Die mit 25 Frauen belegte Einer-Zelle bietet nur einen Sitzplatz auf dem Eimer, den wir einer Hochschwangeren überlassen. Wir anderen stehen, eine Reihe kann abwechselnd hocken, Tag und Nacht, acht Tage lang.

Wenn die Reihe vor mir sich hockt, kann ich die Läuse knacken, deren Hinterteil aus den Maschen meines Pullovers herausragt. Kopfläuse haben aus Platzgründen eine ungestörte Zeit. Um den Kessel mit Suppe, der einmal täglich in die Zelle geschoben wird, bildet sich – abwechselnd – ein Ring der Essenden. Immer ist jemand da, der mir seinen Löffel leiht. Die gekälkte, mit Laufbrettern belegte Grube, zu der wir vormittags und abends geführt werden, ist bedeckt mit deutschen Geldscheinen, die großzügig zu diesem Zweck verschenkt werden.

Russische Soldaten machen Witze über Deutschland

Beim Heraufklettern auf den Lastwagen zeigen uns die russischen Wachsoldaten feixend ein kleines Kärtchen, das sie alle in der Tasche tragen: die Sowjetunion und Deutschland, farbig eingezeichnet. Das Größenverhältnis macht eine deutliche Aussage, auch für Analphabeten. Die Fahrt geht nach Nordosten, 'Insterburg' erkennen einige die Ruinen der Stadt. 'Gefängnis', flüstert jemand, als wir in einen weitläufigen Gebäudekomplex fahren.

Der Kirchenraum füllt sich mit Frauen, der Steinboden ist kalt. Nach zwei Tagen freuen wir uns, in einen großen Raum unter dem Dach verlegt zu werden, über 300 Frauen, aber alle haben Platz zum Liegen. Die Bretter vor den Fenstern halten die Kälte ab. Gegen Mittag werden täglich 20 Liter-Kannen mit 'Gurken in Wasser' in den Raum geschoben. Manchmal kippt eine beim heftigen Eroberungsversuch um. Für jede gibt es eine Scheibe Trockenbrot. Die zustehenden zehn Gramm Zucker und zehn Gramm Käse vergibt die Wachmannschaft nach besonderen Diensten, dann in größeren Portionen.

Ich kann nicht mehr aufstehen, habe Fieber, auch ist meine rechte Hüfte durchgelegen und eitert. Täglich werden Namenslisten verlesen, Ostkommandos zusammengestellt. Mit Andacht singen wir religiöse Lieder, Sterbe- und Notlieder, meist aus dem evangelischen Gesangbuch, aber auch 'O Maria, hilf' und '. . . bald geht’s nach Haus ins Vaterhaus, wer weiß, vielleicht schon morgen' – ein großer Chor.

Gefangene denken, sie werden von deutschen Soldaten befreit

Gerüchte machen die Runde, täglich neue. Alle erzählen sie von deutschen Siegen, russischen Niederlagen, Rückeroberungen der ostpreußischen Gebiete in Masuren und um Treuburg, Standhalten in Königsberg, von Kriegsschiffen und neuen Waffen, die schon im Einsatz seien. Und täglich: Die deutschen Truppen sind auf dem Vormarsch, kommen, holen uns hier heraus, bald, sind schon ganz nahe, befreien uns, nur durchhalten die paar Tage noch.

Es liegt eine große Spannung in der Luft. Da, eines Tages, Schüsse sind zu hören, Detonationen, erst weiter weg, dann näher. Die Deutschen kommen, die Deutschen kommen! Alle drängen sich vor den verbretterten Fenstern, liegen da, hocken. Die Schüsse sind jetzt ganz nah am Haus. Sie sind da! Sie holen uns! Ganz klein machen, damit uns nicht im letzten Augenblick noch eine Kugel erwischt durch Ritzen und Bretter.

Vermeintliche Befreiung entpuppt sich als russische Freude

Auf unserem Hof wird geschossen, es ist zu Ende, unsere kommen, wir sind frei! Es würgt im Hals, Freudentränen laufen. Ein Offizier kommt herein mit ein paar Soldaten. Wir sehen nicht weiter hin, was sollen uns die jetzt noch. Aber dann sagt eine Stimme laut und ruhig: „Njet Strach, Frau. Woina kaput. Skoro damoi.“ („Keine Angst, Frau. Krieg kaputt. Bald nach Hause.“) Ganz langsam verstehen wir. Der Krieg ist zu Ende. Deutschland hat kapituliert. Keiner holt uns hier heraus. Es waren Freudenschüsse der Russen.

Noch lange sind leises Weinen und Schluchzen zu hören. Viel später ordnen wir diesem Tag das Datum zu: der 8. Mai 1945. Der Transport am nächsten Tag geht in ein neu errichtetes Lager. Ich habe ihn ohne Bewusstsein mitgemacht. Im Gefangenenlager 7533 / A werde ich erst Tage (oder Wochen?) später wieder wach. Hier treffe ich auch Frauen aus meinem Dorf und Kinder aus meiner Schule. Die Gemeindeschwester aus Krutinnen klärt mich auf: 'Alle in dem Raum sind an Typhus gestorben, nur Sie nicht. Und Sie haben ihn doch mitgebracht.' Am 4. Oktober 1948 kam ich nach Hause, nach Wuppertal. Gertrud Rosemann“

Quelle: Hanauer Anzeiger

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