GEW-Umfrage zur Arbeitsbelastung an Schulen:

Lehrer sehen sich am Limit

Hanau/Main-Kinzig-Kreis - Viele Lehrerinnen und Lehrer, quer durch alle Schulformen, fühlen sich zunehmend überfordert und von der Politik weitgehend alleingelassen. Von Dirk Iding 

Das ist das Ergebnis einer anonymen Befragung, die der Kreisverband Hanau der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW) im Dezember 2015 unter Lehrkräften an Schulen in Stadt und Altkreis Hanau durchgeführt hatte. Gestern hat der GEW-Kreisvorstand die Ergebnisse bei einer Pressekonferenz im DGB-Jugendheim am Freiheitsplatz vorgestellt.

Mit der Georg-Büchner-Schule in Erlensee ist nun erstmals eine Schule aus dem Main-Kinzig-Kreis dem Beispiel anderer Schulen in Gießen, Frankfurt, Offenbach und Marburg gefolgt und hat eine so genannte Überlastungsanzeige ans Hessische Kultusministerium verfasst. Darin weisen die unterzeichnenden Lehrkräfte darauf hin, dass für sie „die Grenzen der Belastbarkeit erreicht sind“. Und das ist offenbar nicht nur bei den Lehrkräften an der Georg-Büchner-Schule so, wie das Ergebnis der GEW-Umfrage belegt. Daran hatten sich fast 500 Lehrerinnen und Lehrer von 43 Schulen aus der Stadt und dem Altkreis Hanau beteiligt.

Ein Ergebnis der Befragung: Über 90 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer, die den Fragebogen der GEW beantwortet haben, empfinden die Belastung im Lehrerberuf als stark oder übermäßig belastend. Für mehr als ein Drittel derjenigen Lehrkräfte, die Teilzeit arbeiten, war das auch der Hauptgrund, ihre Arbeitszeiten zu reduzieren. GEW-Chef Heinz Bayer: „Die Kolleginnen und Kollegen nehmen also Gehaltseinbußen in Kauf, weil sie sich den Belastungen einer Vollzeitstelle nicht mehr gewachsen sehen.“

Wer sich das aber nicht leisten könne, der fühle sich erst recht überfordert. Über 75 Prozent der Lehrer gaben an, abends von der Schule nicht mehr abschalten zu können. Fast 90 Prozent erklärten, selten oder nie ein freies Wochenende zu haben. Die bundesweit höchsten Pflichtstundenzahlen, die Lehrer in Hessen zu leisten haben, die Heraufsetzung des Rentenalters auf 67 Jahre und die faktische Abschaffung der Altersteilzeit seien Faktoren, die von der Lehrerschaft als zusätzlich erschwerend wahrgenommen würden. „Wertschätzung für den Lehrerberuf, wie sie von der Politik so oft propagiert wird, sieht anders aus“, kritisiert der GEW-Vorstand.

Protest gegen Lehrer-Umstrukturierung: Fotos 

Ein wesentlicher Faktor für die in den letzten Jahren deutlich gewachsene Arbeitsbelastung der Lehrerinnen und Lehrer sei die vom Gesetzgeber geforderte inklusive Beschulung. Dabei machten die Lehrervertreter deutlich, dass sie im Prinzip die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Handicaps befürworten, die personelle Ausstattung dafür aber an den allgemeinbildenden Schulen völlig unzureichend sei, um die je nach Leistungsvermögen der Kinder geforderte differenzierte Beschulung zu gewährleisten. So ist die Forderung nach mehr Ressourcen und Unterstützung für Inklusion der bei der GEW-Befragung am häufigsten genannte Wunsch. Grundsätzlich sollte es in Inklusions-Klassen eine Doppel-Besetzung mit allgemeinbildendem Lehrer und Förderschulpädagogen geben. Auch fehle es an Sozialarbeitern, Schulpsychologen und Sozialpädagogen. So wie die Schulen derzeit in Sachen Inklusion personell ausgestattet seien, erfülle Hessen noch nicht einmal die selbst gesteckten Mindestanforderungen, kritisiert GEW-Chef Heinz Bayer.

Entlastung wünschen sich viele Lehrerinnen und Lehrer auch bei den vielen außerunterrichtlichen Aktivitäten und Sonderaufgaben wie Konferenzen, Tagen der offenen Tür, Beratungen und ähnlichem. Immerhin mehr als 60 Prozent der Befragten empfinden das als „stark belastend“.

Rubriklistenbild: © dpa

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