Stadtteilmütter berichten aus Erfahrungen

Goethe an der Schultafel

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Sevim Soydas, Meryem Tasan-Özbölük und Giulia Maria Bradaran (von links) diskutierten offen über ihre Erfahrungen als Hanauerinnen mit Migrationshintergrund.

Hanau - Der Schlüssel zur Integration ist die Sprache. Doch selbst wenn Migranten perfekt Deutsch sprechen und ihr Leben in Deutschland verbracht haben, fühlen sie sich manchmal fremd. Von Steffen Müller 

Drei Frauen, für die Hanau Heimat bedeutet und die sich für Migranten sozial engagieren, berichten in unsere Serie „Hürden im Alltag“ über unangenehme Erfahrungen und was sie sich für das Zusammenleben zwischen Deutschen und Migranten wünschen. Meryem Tasan-Özbölük ist ein Musterbeispiel für gelungene Integration. In Langenselbold geboren und aufgewachsen, Abitur, Studium der Germanistik und Pädagogik. Heute arbeitet sie als Fachberaterin für Fremdsprachen an Kitas und Grundschulen. Nebenbei ist sie in Hanau bei den Stadtteilmüttern engagiert, eine Gruppe von Frauen aus unterschiedlichen Herkunftsländern, die neben ihrer Muttersprache auch Deutsch sprechen und Familien mit Migrationshintergrund bei der Integration und bei Fragen im Alltag unterstützen.

Und dennoch hat Meryem Tasan-Özbölük mit Vorurteilen zu kämpfen. Das fing schon während der Schulzeit an, als sie in der 7. oder 8. Klasse im Deutschunterricht an die Tafel gerufen wurde, und ohne Zusammenhang zum Unterricht den Namen Goethe aufschreiben sollte. „Wollen wir doch mal sehen, ob das türkische Mädchen Goethe schreiben kann. Es hat sich angefühlt wie ein Test“, sagt Tasan-Özbölük rückblickend. Auch im Erwachsenenalter sah sie sich immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert. Bei einem Arztbesuch wegen eines Tinnitus’ wurde Tasan-Özbölük gefragt, ob denn die Hausarbeit so stressig sei. Dass eine türkisch aussehende Frau einen Beruf ausübt, schien für den Arzt völlig unvorstellbar.

„Menschen verfallen schnell in ein Raster. Ich würde mir wünschen, dass es eine gleiche Behandlung für alle gibt. Denn wenn man sich ausgeschlossen fühlt, zieht man sich zurück“, sagt Tasan-Özbölük. Deshalb hat sie gemeinsam mit Sevim Soydas und Giulia Maria Bradaran an der neuen Homepage www.menschen-in-hanau.de in der Fokusgruppe Menschen mit Migrationshintergrund mitgearbeitet. Die Website soll der Inklusion dienen und sowohl Menschen mit Migrationshintergrund und mit Behinderungen die Teilhabe am öffentlichen Leben vereinfachen.

„Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration“

„Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration“, weiß Giulia Maria Bradaran, die als Logopädin arbeitet und so viel Kontakt zu Menschen mit Migrationshintergrund bekommt. Die Sizilianerin hat die Erfahrung gemacht, dass Menschen bei Misserfolgen schnell nach Ausreden suchen. Ein Schutzmechanismus, den sie selbst auch schon angewandt hat. „Wir Italiener sind halt so“, rechtfertigt sie sich dann und beugt somit auch möglichen Beleidigungen vor. „Wenn ich selbst sage, dass wir Italiener alle Spaghetti essen, steuere ich ein Klischee bewusst selbst.“ So müsse sich Bradaran keine Vorurteile gefallen lassen. Als Logopädin kennt sie das Problem, dass mit Menschen mit Migrationshintergrund anders gesprochen wird. „Oft reden Deutsche extra langsam und deutlich, weil von vornherein davon ausgegangen wird, dass der Migrant kein Deutsch versteht.“

Von solchen Erlebnissen kann auch Sevim Soydas berichten. „Es wäre hilfreich, wenn der Gegenüber erst fragen würde, ob man Deutsch spricht und nicht sofort annimmt, dass man nichts versteht.“ Als Stadtteilmutter ist Soydas häufig mit „Schubladendenken“ konfrontiert. Immer wieder erlebt sie, dass Familien mit Migrationshintergrund - selbst wenn sie Deutsch sprechen - bei Behördengängen mit Anträgen scheitern, die eigentlich angenommen werden müssten. „Wenn eine Stadtteilmutter dabei ist, klappt es aber plötzlich ganz einfach.“ Ihr Wunsch: „Es wäre schön, wenn alle Menschen als Individuum betrachtet und nicht pauschal einer Gruppierung zugeordnet werden.“

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