Angefangen vor 50 Jahren

Onkel Paolo war sein Lehrmeister:  Tradition in der Gelateria "Dolce & freddo"

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Familie Schiffo kam vor 50 Jahren aus den Dolomiten nach Großauheim und widmet sich seither dem Eisgeschäft.

Angefangen hat alles vor 50 Jahren mit Paolo, Giuseppe und Giulio Schiffo. Die Brüder aus dem italienischen Belluno suchten in Deutschland ihr Glück. Und sie fanden es in Großauheim – in Form einer Eisdiele, die sie in der Hauptstraße eröffneten. Diese bestand 49 Jahre. Heute setzt Paolos Neffe Marco die Tradition mit der „Gelateria Dolce & freddo“ fort.

Großauheim – Davon können Kinder heute nur träumen: „Vor 50 Jahren kostete ein Bällchen Eis zehn Pfennig. Für eine Mark gab es sooo ein Eis“, erinnert Christa Schiffo, Witwe des inzwischen verstorbenen Eisdielen-Gründers Paolo, an die Anfänge der Großauheimer Traditionseisdiele, die noch immer in Familienhand ist. Damals war aber nicht nur der Preis deutlich kleiner – heute kostet die Kugel in der „Gelateria Dolce & freddo“ 1,20 Euro – auch die Auswahl an Eissorten war es: Neben den „Dauerbrennern“ Vanille, Schoko, Erdbeer und Haselnuss gab‘s noch Banane, Melone und Heidelbeer, dazu Mokka und „Malaga-Eis mit in Alkohol eingelegen Rosinen“.

Und einen „Klassiker“, der 1969 in einer Mannheimer Eisdiele erstmals angeboten wurde, gab es kurze Zeit später auch beim „Paolo“ in Großauheim: das Spaghetti-Eis. „Das wurde damals noch mithilfe einer Kartoffelpresse gemacht. Heute haben wir dafür eine Maschine“, erzählt Christa Schiffo, die sich darüber freut, dass heute Paolos Neffe, Marco Schiffo, die Eisdiele in der Großauheimer Waldsiedlung unter neuem Namen weiterführt.

Marco hat das Eisgeschäft als „Gelati-Fachkraft“ von der Pike auf gelernt. Sein wichtigster Lehrmeister war natürlich sein Onkel Paolo, der allerdings schon 1996 verstarb.

„Ich bin im Alter von 15 Jahren im Mai 1987 nach Großauheim gekommen und habe von da an mit Onkel Paolo zusammen gearbeitet“, erinnert sich Marco Schiffo. „Ab 1996 habe ich das Eiscafé auf der Hauptstraße dann allein weitergeführt“, erzählt der 48-jährige Eiskonditor, während er zwischendurch immer wieder Kunden bedient: „In der Waffel oder im Becher?“

Marco Schiffo ist heute der Chef in der „Gelateria Dolce & freddo“. Sein großer Lehrmeister war Onkel Paolo. (hoh)

„Am besten läuft Vanille, das geht weg wie warme Semmeln“, freut sich Marco. „Beliebte Sorten sind zudem Schokolade, Haselnuss und Stracciatella. In diesem Sommer laufen auch Cookies und Don Vito, meine neueste Sorte, sehr gut.“ Früchteeis sei dagegen etwas weniger gefragt.

„Ganz früher hatten wir auf der Hauptstraße mehr Laufkundschaft. Mit der Euro-Einführung 2002 wurde es aber von Jahr zu Jahr weniger. Hinzu kam das Geschäftesterben auf der Hauptstraße. Das hat sich auch bei uns bemerkbar gemacht“, erinnert sich Marco Schiffo. Nach 49 Jahren war deshalb in der Hauptstraße 11 Schluss für den Traditionsbetrieb. Seit 1. August vergangenen Jahres gibt es nun als Nachfolger das „Dolce & freddo“ in der Vosswaldestraße.

„Der Eisgeschmack meiner Kundschaft hat sich im Laufe der Jahre verändert“, hat Marco Schiffo festgestellt. Klassische Eissorten wie Vanille, Schoko, Erdbeer und Nuss laufen zwar immer noch sehr gut, aber die Kundschaft verlange zunehmend auch Ungewöhnliches. „Die Geschmacksrichtung geht hin zu ausgefallenen Sorten: After Eight, Tartufo oder Gianduia, eine Nougatart. Doch in Richtung Basilikum, Knoblauch oder Zwiebeleis, womit andere Eisdielen experimentieren, dahin werde ich mich nicht bewegen“, grinst der Eismann.

Wurde 1969 in Mannheim erfunden und kam kurz danach auch nach Großauheim: das Spaghetti-Eis. Fotos: hoh

„Früher hatten wir auch nur eine Handvoll Eisspezialitäten wie Spaghetti-Eis, Bananensplit, Erdbeerbecher, Eiskaffee oder den Fruchtbecher mit Dosenfrüchten“, erinnert sich Schiffo. „Heute stehen 19 verschiedene Eisbecher in meiner Karte, zudem gibt es verschiedene Milkshakes.“

Wenn Gelati-Fachkraft Marco mal nicht hinterm Tresen steht, macht er Eis. „Ganz, ganz früher wurde das Eis noch selbst gerührt und am Ende mit der Eisspachtel aus dem Rührgerät herausgeholt. Heutzutage geht das maschinell. Ich mache den Deckel auf und das Eis läuft langsam heraus“, erklärt Schiffo.

Wichtig ist allerdings, was in die Maschine kommt. Dabei hat jeder Eiskonditor so seine eigenen Rezepte, die er nicht gerne verrät. Der Klassiker Vanille-Eis, so viel gibt Schiffo preis, bestehe zu 80 Prozent aus Milch. „Hinzu kommen Zucker, Vanille, Sahne und auch Zitronenschale.“ Die Fruchteissorten bestünden hingegen aus Saft, frischen Früchten, Fruchtpüree.

Heutzutage wird der Eismann von seinen Kunden öfter mal gefragt, ob er denn auch veganes Eis habe. „99,9 Prozent meiner Fruchteissorten sind vegan - aber nur so lange keine Wespe hinein fliegt“, grinst Gelati-Fachkraft Marco und widmet sich seinem nächsten Kunden: „In der Waffel oder im Becher...?“

VON HOLGER HACKENDAHL

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