Großauheim

Nähen gegen das Virus

Grit Stadler (rechts), Tanja Petry und Sohn Marvin (links) nähen ohne Unterlass Behelfsmasken, die sehr stark nachgefragt werden. Das Großauheimer Hilfsprojekt hat inzwischen große Kreise gezogen. Foto: Hackendahl
+
Grit Stadler (Mitte), Tanja Pety und Sohn Marvin (links) nähen ohne Unterlass Behelfsmasken, die sehr stark nachgefragt werden. Das Großauheimer Hilfsprojekt hat inzwischen große Kreise gezogen. Foto: Holger Hackendahl

Not macht erfinderisch: Der große Mangel an Schutzmasken in Krankenhäusern, Pflege- und Betreuungseinrichtungen sorgt für eine Welle der Hilfsbereitschaft.

Großauheim – So hat sich in Großauheim ein aus 15 engagierten Frauen und Männern bestehender und stetig wachsender Kreis gebildet, der Behelfsschutzmasken näht. Diese Behelfsmasken schützen nach Expertenmeinung zwar nicht davor, sich selbst mit dem Coronavirus zu infizieren, können aber die Ausbreitung des Virus verlangsamen, wenn Menschen solche Masken tragen, die unwissend selbst infiziert sind.

Der Großauheimer Helferkreis verarbeitet gespendete Stoffe zu bunten Schutzmasken, die stark nachgefragt sind. „Seit 21. März sind wir keinen Abend mehr vor 2 Uhr ins Bett“, erzählen Tanja Petry und Grit Stadler, die unermüdlich an ihren Nähmaschinen sitzen, aber auch die Abholung, Weitergabe und Auslieferung der Behelfsmasken koordinieren.

Das Besondere: Die Großauheimer „Näh-Bienen“ geben die Behelfsmasken kostenlos ab. „Natürlich freuen wir uns über eine Spende wie Süßigkeiten oder eine Geldspende, die wir für den Kauf neuer Stoffe verwenden“, erzählen die Helferinnen bei einem Besuch in Tanja Petrys zur Nähstube umfunktionierten Küche.

Auf dem Küchentisch surren drei Nähmaschinen. Stoffbahnen werden auf einem Bügelbrett vorbereitet, Kartons und Stoffschnitte zeugen von emsiger Tätigkeit. Sogar am Sonntag, an dem sie eigentlich frei machen wollten, saßen sie von 9 Uhr in der Frühe bis zwei Uhr nachts an ihren Maschinen. Und das Engagement zieht Kreise: „Sogar Ortsvorsteher Reiner Dunkel näht inzwischen zuhause mit. Und mein Sohn Marvin hat auch das Nähen für sich entdeckt“, ist Tanja Petry stolz, dass ihre Aktion so viele Mitstreiter findet.

Während andere aus dem Mangel an Schutzmasken Profit schlagen wollen, arbeiten der Großauheimer „Näh-Bienen“ kostenlos. „Wenn man sieht, wie sich die Leute freuen, wenn sie eine Maske bekommen, das ist uns Belohnung genug“, erzählt Petry. Auch die Stadt Hanau empfiehlt inzwischen das Tragen von Schutzmasken für Mund und Nase im öffentlichen Raum.

Der Kreis der seit zehn Tagen aktiven Näherinnen und Näher erweitert sich ständig. Es gibt die Facebook-Gruppe „Behelfsmasken Nähen Großauheim / Hanau“ und reichlich Mund-zu-Mund-Propaganda. In Großauheim, Hanau und Großkrotzenburg sitzen engagierte Menschen daheim und nähen unermüdlich Behelfsmasken. Die werden bei Tanja Petry in Großauheim vorbeigebracht, die sie dann weiterverteilt, so auch unlängst per Fahrrad an Seniorinnen und Senioren in der Waldsiedlung.

Die private Maskeninitiative hat sich rasend schnell herumgesprochen. „George Fritz vom Kesselstädter Getränkehandel ist eine große Stütze. Er sponsort Stoff und Nähgarn, ist immer da, wenn man ihn braucht. Und auch „Wohnsinn“ am Freiheitsplatz in Hanau hat uns bereits 18 Meter Stoff gespendet“, erzählen Tanja Petry und Grit Stadler.

Nachdem sie anfänglich rund 30 Minuten für das Nähen einer Maske benötigten, haben sie inzwischen den Dreh raus und haben innerhalb von fünf Minuten eine bei 95 Grad waschbare Baumwollstoffmaske hergestellt. Die Damen schneiden Stoffstücke (17 x 18 Zentimeter) zu, bügeln drei Falten für den Mundbereich hinein, nähen mit Schrägband um und befestigen je nach Wunsch Gummis oder Bänder an die Masken. Besser eine Stoffmaske aus Heimarbeit als gar keine - davon sind inzwischen die meisten Experten überzeugt.

Am Montagabend nähten die Helferinnen und Helfer Masken für das Großauheimer Demenzzentrum „Haus am Brunnen“. Gut 50 Masken wurden dorthin gestern geliefert.

Mittlerweile rund 500 Masken haben die 15 Näherinnen und Näher seit Gründung der Gruppe bereits fertiggestellt, die Nachfrage ist stetig wachsend, das Telefon klingelt ständig.

Bisher nähte die Gruppe bereits Masken für das Seniorenzentrum Bernhard-Eberhard, die Hanauer Zulassungsstelle, für die Hebammen des St.-Katharinen-Krankenhaus in Frankfurt, für die Palliativstation St. Mauritius bei Meerbusch, sogar für ein Kloster bei Erbach im Odenwald, fürs Klinikum Hanau, für das Großauheimer Lidl-Personal, für eine Kinderkrebsstation und natürlich für Großauheimer Senioren.

Solange der neuartige Virus grassiert, wollen die Großauheimer Näh-Bienen dagegen annähen. „Und wenn das alles mal vorbei ist, dann gibt’s garantiert ‘ne große Grillparty“, freuen sich die Helferinnen und Helfer darauf schon heute.

VON HOLGER HACKENDAHL

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare