Kanal in Großauheim

Es geht auch ohne großen Aufriss

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Mitarbeiter der Kanalsanierungsfirma beginnen damit, den GFK-Schlauch in den Kanal einzuziehen.

Großauheim - Seit einigen Tagen tauchen in Großauheim immer wieder Arbeiter mit Spezialfahrzeugen auf, die sich am Kanal zu schaffen machen. Der muss nämlich saniert werden. Aber was genau machen sie da eigentlich, und vor allem: Wie machen sie es? Von Sebastian Schilling 

An der Ecke Hauptstraße und Bahnhofstraße steht ein Baustellenfahrzeug. Zwei Arbeiter lassen eine weiße, etwa ein Meter breite Folie in den geöffneten Kanalschacht hinab. Unten im Kanalrohr nimmt ihr Kollege die Folie entgegen, er trägt einen weißen Schutzanzug und hat eine LED-Stirnlampe auf dem Kopf. Er muss mit der Folie den Boden des nur 60 cm hohen Kanalrohrs auslegen. Ungefähr 100 Meter weiter, an der Ecke Patershäuser Straße klettert er einige Zeit später wieder aus dem Untergrund nach oben. Dort steht ein weiteres Team mit zwei Lkw, einem Kompressor und einer Seilwinde. Mit der Winde hilft es dabei, die Folie durch den Kanalabschnitt zu ziehen.

In Großauheim werden die Kanalrohre erneuert. Seit dem 12. Februar sind deswegen an immer anderen Stellen Fahrzeuge der Firma Aarsleff zu sehen. Die Betonrohre sind marode, sie haben über die Jahre Risse bekommen. Wodurch genau die Schäden entstanden sind, kann sich Erwin Buss vom städtischen Eigenbetrieb Hanau Infrastruktur Service nicht erklären. „Ich habe den Eindruck, dass das Material, das man damals verwendet hat, nicht dem entsprach, was man heute nehmen würde. Aber man kann es nicht genau sagen, es gibt Leitungen, die zur selben Zeit verlegt wurden, bei denen alles in Ordnung ist.“ Der Großauheimer Kanal stammt laut Buss aus den 60er bzw.- 70er Jahren.

Um die Rohre zu sanieren, kommt eine spezielle Technik zum Einsatz. Nachdem der Kanalboden mit der weißen Gleitschutzfolie abgedeckt ist, wird eine weitere Folie in den Kanalschacht hinabgelassen. Genauer gesagt handelt es sich dabei um einen sogenannten GFK Schlauchliner – einen mit Glasfasern und Polyesterharz verstärkten Plastikschlauch. Das Material ist grau und dick. Wenn der Schlauch, durch die Gleitschutzfolie vor Beschädigung geschützt, im Kanal verlegt ist, wird er mit Luft aufgeblasen. Dadurch wird das Kanalrohr mit dem Schlauch komplett ausgekleidet. Dann wird eine UV-Lichtquelle langsam durch den aufgeblasenen Schlauch gezogen, wodurch das Material aushärtet. Auf einem der Pritschenwagen liegen Stücke der ausgehärteten Folie. Das Material macht einen stabilen Eindruck und ähnelt eher Keramik als Plastik.

Im nächsten Schritt kommt ein Roboter zum Einsatz. Der hat vorher schon den Kanal vermessen und sich gemerkt, wo die Seitenzuläufe liegen. Diese Zugänge werden durch den neu verlegten Schlauch verschlossen. Daher müssen sie nach der UV-Behandlung wieder freigefräst werden. Das erledigt der Roboter. Nach 18 bis 20 Tagen werden die Verbindungen ordentlich „verpresst“, wie Buss erklärt.

Den Kanal auf diese Weise zu sanieren, hat viele Vorteile, sagt Buss. „So kann man das Rohr ausbessern, ohne monatelang die Straße sperren zu müssen.“

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Auf der Hauptstraße hält sich die Verkehrsbehinderung an diesem Tag in Grenzen. Die Arbeiten nehmen jeweils nur eine Fahrbahnhälfte in Anspruch. Lediglich in den Seitenstraßen ist die Durchfahrt zeitweise unmöglich. „Es ist immer ärgerlich, wenn die Straße gesperrt werden muss, aber wenn es über Monate geht, ist es noch ärgerlicher,“ so Buss.

Auch die Kosten dieses Sanierungsverfahrens sind ungleich niedriger, als wenn man neue Kanalrohre verlegen würde. Buss schätzt die Kosten auf etwa 450.000 Euro. „Demgegenüber stehen einige Millionen, wenn man es in offener Bauweise machen würde.“ An der Haltbarkeit der auf diese Weise sanierten Kanalrohre hat Buss keinen Zweifel. „Ich gehe davon aus, dass hier in den nächsten 20 Jahre nichts passiert.“

Weniger erfreulich ist die Sanierung dagegen für die Großauheimer Ratten. Die hatten sich nämlich hinter den Rissen in der Kanalwand ihre Höhlen im Erdreich gebaut, und lebten so recht komfortabel. „Für die war das ein Paradies“, sagt Buss. Doch damit ist es nun erst einmal vorbei.

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