Türchen NR. 5

HA-ADVENTSKALENDER: Die Gruft unter der Marienkirche

Bis der Blick auf die Tür unseres fünften HA-Adventskalender-Türchens freigegeben wird, ist eine enorme Kraftanstrengung nötig. 200 Kilo gilt es zu bewegen. Um die dicken Sandsteinplatten im Altarraum der Hanauer Marienkirche zur Seite zu schieben, müssen mehrere starke Männer ihre Muskeln spielen lassen.

Dicht an dicht reihen sich die Särge in der Gruft der Marienkirche.

Hanau – Eine Steintreppe kommt zum Vorschein. Sie führt mehrere Stufen hinab, die zur heutigen Kalendertür führen. Groß, schwer und eisern präsentiert sie sich und ist mit einem Riegel verschlossen. Dahinter zunächst nichts als Dunkelheit. Es riecht ein wenig muffig, wie in den Kellern alter Häuser. Horst Rühl, der viele Jahre Gemeindepfarrer an der Marienkirche war und uns heute den Gang in die Unterwelt ermöglicht, knipst das Licht an.

Wir stehen inmitten der Gruft unter der Marienkirche. Sarg an Sarg reiht sich in dem Kellergewölbe aneinander. Die Särge erzählen ein Stück Hanauer Geschichte. Hier ruht zum Beispiel die Tochter von King George II., die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Maria, Landgräfin von Hessen-Kassel, hieß sie. Von ihr hat die Marienkirche ihren Namen. Auf dem Sarg ist eine herzförmige eiserne Schatulle angebracht. Pfarrer Rühl hebt den Deckel ab. Zum Vorschein kommt vertorfte Erde. „Wir gehen davon aus, dass es englische Erde ist. Sie hat sich unter englischer Erde bestatten lassen. Weil nicht nur an Hanau, sondern auch an England ihr Herz hing.“

Alle Särge in der Gruft sind luftdicht verschlossen. „Die Eingeweide der Toten wurden vor der Bestattung entfernt, die Leichen einbalsamiert, dann die Särge luftdicht verlötet. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Leichname relativ wohlbehalten sind“, informiert der Pfarrer.

Graf Philipp Ludwig II. hat die Gruft zu Lebzeiten bauen lassen und ist selbst in der Ruhestätte unter der Kirche bestattet. Seit dem Jahr 1612 liegt er dort. Über die Jahre kamen 19 weitere Särge dazu.

Leider haben in der Gruft zu früherer Zeit auch Grabräuber ihr Unwesen getrieben, weshalb manche Särge beschädigt sind. Der Großteil allerdings ist unversehrt. Bis auf einen: Von dessen Schicksal zeugt Ruß an der Decke. Er stammt von der Bombennacht im März 1945, als das Feuer sich seinen Weg bis in die Gruft gebahnt hat. Die Flammen zerstörten den Sarg des Kurfürsten Wilhelm II. Erst im Jahr 1997 haben seine verbrannten Überreste in einem neuen Sarg ihren Platz gefunden.

Direkt über der Gruft stand einst der Hochaltar, noch weiter darüber findet sich der Schlussstein des Chorgewölbes, auf dem Maria Magdalena und der auferstandene Jesus zu sehen sind. „In dieser vertikalen Achse spiegeln sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, wie Pfarrer Rühl es ausdrückt. Der Graf habe theologisch gedacht, und die Hoffnung, dass der Leib aufersteht, sei mit dieser Art von Bestattung untermauert worden.

Die Gruft wird nur selten geöffnet. Rühl: „Das ist immer eine Abwägung zwischen historischem Interesse und dem Recht der hier unten Bestatteten ihre Ruhe zu behalten.“ Deshalb ist die Grabstätte nur alle zwei bis drei Jahre zugänglich.

Von Kerstin Biehl

Rubriklistenbild: © Patrick Scheiber

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare