Der rätselhafte Eremit

HA-Adventskalender: Stadtführerin Ellen Gudath öffnet uns die Tür zum Einsiedler

Der Einsiedler in Wilhelmsbad saß schon vor 250 Jahren an seinem Tisch und studierte die Bibel. Die Figur hat schon etliche Generationen.
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Der Einsiedler in Wilhelmsbad saß schon vor 250 Jahren an seinem Tisch und studierte die Bibel. Die Figur hat schon etliche Generationen.

Ein weiteres Türchen des HA-Adventskalender öffnet sich: Versteckt im Wald, weit ab von den übrigen Attraktionen des Landschaftsparks in Wilhelmsbad, haust der Einsiedler. Schon der Anblick seiner Behausung hat etwas Mystisches: Denn auf dem Dach des gemauerten Steingewölbes ist eine stattliche Buche in die Höhe gewachsen. Ihre Wurzeln sind quasi untrennbar mit dem Bau verbunden.

Hanau – Hinter vergitterten Türen und Fenstern sitzt der einsame Mönch an seinem Tisch und ist in seine Bibel versunken. Wer ihn sehen will, späht in der Regel durch die Gitter. Heute öffnen wir die Tür. Eine, die den Schlüssel hat, ist Stadtführerin Ellen Gudath, die auch erklären kann, was es mit dem rätselhaften Gesellen auf sich hat. „Hier hat nie wirklich ein Einsiedler gelebt“, sagt sie. Der Eremit sei tatsächlich nur eine der Attraktionen des Kurparks gewesen, den Erbprinz Wilhelm um 1780 für seine Gäste mit einem Karussell, dem Schneckenberg, Gondeln auf dem Weiher und vielen mehr ausgestattet hatte. Der Einsiedler sollte ein romantisierendes Gegenstück zum Überfluss auf der anderen Seite des Parks darstellen.

Heute sitzt am Tisch eine geschickt umgestaltete Schaufensterpuppe. Nur die zarten Füße, die unter dem Tisch herausragen, verraten dieses Geheimnis. Assistiert wird der Mönch von einem Reh aus Styropor. „Früher waren es Holz- oder Steinpuppen“, erklärt Gudath. Einsiedler als Attraktion waren im 18. Jahrhundert en vogue.

Stadtführerin Ellen Gudath besitzt den Schlüssel zum Gewölbe, mit dem sie auch eine persönliche Geschichte verbindet.

„Manche Parkeigentümer beschäftigten hier sogar Menschen, die zur Unterhaltung der Gäste den Einsiedler spielen sollten. Sie durften sich nicht waschen und mussten sich dort zu bestimmten Tageszeiten in Mönchskleidung sehen lassen.“

Geöffnet wird die alte Eisentür nur selten, zum Beispiel bei Führungen an „Verborgene Orte“ oder zu besonderen nächtlichen Lesungen. Dann bekommen die Gäste, wie wir jetzt, auch einen Einblick in die Räume, die man durch die Fenster nicht so gut erspähen kann.

Zur Eremitage gehören neben einem Altarraum auch eine Küche samt Esse, eine Werkstatt und ein Schlafzimmer. Heute sind diese Kammern unmöbliert, zu Zeiten Wilhelms mag das noch anders gewesen sein. Hinter der Küche führt ein neun Meter langer Gang auf der Rückseite des Gewölbes zurück ins Freie. Und direkt vor dem Tisch sind die Bodensteine so gemauert, dass sich ein Kreuz ergibt.

„Bei Regen sieht man das besonders gut“, erklärt Gudath. Anders als heute war das Gewölbe vor Jahrzehnten noch frei begehbar. „Viele ältere Menschen, die ich hier her führe, erinnern sich noch daran, dass sie als Kind hier gespielt haben“, erklärt Gudath. Einem Herrn seien beim Gang durch die Kammern sogar die Tränen gekommen. Heute ist die Figur für den normalen Spaziergänger unerreichbar. Und das weckt offenbar eine unstillbare Neugier und den Wunsch, mit dem Mönch irgendwie in Kontakt zu kommen. Davon zeugen etliche Kastanien und lange Holzstäbe auf dem Boden. Kinder haben versucht, den Einsiedler zu treffen oder anzuschubsen.

Hier sitzt der Eremit.

Ellen Gudath verbindet mit dem Eremiten auch eine ganz eigene Geschichte: Er war der Auslöser, dass die Rodenbacherin überhaupt Stadtführerin geworden ist. „Als Kind war ich mit meinen Eltern immer nur im vorderen Teil des Parks“, erinnert sie sich. Erst die Familie ihres früheren Freundes habe ihr den Einsiedler auf der anderen Seite gezeigt. Das war in den 80er Jahren. „Ich war ganz neugierig. Aber keiner wusste, was es mit der Figur auf sich hat.“

Kurzerhand buchte sie sich in einem Stadtführer-Lehrgang ein. Denn hier müsste man es ja wissen. Es war der Beginn einer langen Leidenschaft. Denn seit 34 Jahren zeigt Gudath ihren Gästen inzwischen Sehenswürdigkeiten – neben ihren Hauptberuf als Versicherungskauffrau.

„Rund 800 Führungen dürften es gewesen sein“, schätzt sie. Vor einigen Jahren hat sie sich auf den Staatspark Wilhelmsbad spezialisiert. Ein schöner Zufall: Ellen Gudath wird uns auch das 14. Adventskalendertürchen öffnen. Welches das ist, wird aber noch nicht verraten.

Von Christine Semmler

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