INTERVIEW Langjähriger Helfer Karl-Heinz Leister spricht über die Integration von Flüchtlingen

Haben wir es geschafft?

Mit Willkommens-Plakaten haben die Hanauer in der Nacht vor fünf Jahren die Neuankömmlinge am Nordbahnhof begrüßt.
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Mit Willkommens-Plakaten haben die Hanauer in der Nacht vor fünf Jahren die Neuankömmlinge am Nordbahnhof begrüßt.

Steinheim – Anlässlich der Flüchtlingsankunft vor fünf Jahren haben wir den Steinheimer Karl-Heinz Leister interviewt, der sich in verschiedenen Helfergruppen seit Langem für Geflüchtete engagiert. Der 70-Jährige äußert sich zum Thema Integration und berichtet von schönen, aber auch frustrierenden Erfahrungen.

Die Bundeskanzlerin hat vor fünf Jahren über die Aufnahme von Flüchtlingen gesagt: Wir schaffen das. Was meinen Sie: Haben wir es geschafft?

Ich denke, dass diese Aussage der Bevölkerung viel Mut und Energie gegeben hat. Deutschland steht noch heute relativ gut da bezüglich der Integration von geflüchteten Menschen. Inzwischen leben die Neubürger hier, ein Großteil fand Arbeit, Kinder gehen zur Schule und machen Ausbildungen, andere studieren. Besonders ältere und traumatisierte Menschen haben Mühe, hier anzukommen. Wir sind auf einem guten Weg, aber ich erwarte, dass es eine Generation dauert, bis die Wunden einigermaßen verheilt und die Gräben zugeschüttet sein werden.

Konkreter: Was haben wir denn geschafft? Und was sind noch Aufgaben für die Zukunft?

Fast alle haben Wohnungen gefunden, niemand lebt in notdürftig hergerichteten Turnhallen. Es gibt aber noch viel zu tun: So gibt es zu wenige Kitaplätze, um die Kinder frühzeitig mit der deutschen Sprache vertraut zu machen. Wir müssen darauf achten, dass sich keine Gettos aus geflüchteten Menschen bilden und weiterhin für die Integration kämpfen. Und der Übergang vom Asylantenstatus zum Einbürgerungsstatus muss geregelt werden.

Was hat sich in der Flüchtlingsarbeit in den letzten Jahren geändert?

Während es am Anfang wirklich um die Grundversorgung ging, gibt es jetzt neue Aufgaben. Wir müssen amtliche Briefe verstehen, in einfache Sprache übersetzen und Fragen dazu beantworten, mit Firmen aus dem Kommunikationsbereich Dinge zurechtrücken, Anträge ausfüllen, Gespräche mit Lehrern führen, Verträge mit Geschäftsleuten überprüfen und bei der Beschaffung von Wohnungen helfen.

Was sind Ihre schönsten Erfahrungen mit Geflüchteten in den letzten Jahren? Gab es ein besonderes Erfolgserlebnis?

Erfolgserlebnisse gab es viele, die eigenen Ansprüche wachsen damit. Vielleicht spreche ich neuere Konsequenzen aus unserer Arbeit an: Viele junge Menschen haben inzwischen Schulabschlüsse gemacht, andere haben Ausbildungen abgeschlossen und reguläre Jobs gefunden. Es ist natürlich nicht messbar, inwieweit unsere Unterstützung dazu beigetragen hat, denn das waren zunächst einmal die enormen Leistungen der betroffenen Menschen selbst. Aber die Unterstützung hat sich gelohnt. Junge Männer aus meiner ersten Gruppe aus der Gemeinschaftsunterkunft Sportsfield boten zu Beginn des Lockdowns wegen Covid-19 sofort ihre Unterstützung für uns alte Menschen an.

Manche Flüchtlingshelfer berichten auch von frustrierenden Erfahrungen – mit Ämtern, aber auch mit Flüchtlingen. Haben Sie so etwas erlebt oder von anderen mitbekommen?

Ja, es gab auch frustrierende Erfahrungen, oftmals aufgrund von Missverständnissen oder unterschiedlichen Ansprüchen. Wenn es auf eine ausführliche Frage nur ein Daumenzeichen als Antwort gibt, ist das einigermaßen frustrierend. Der Umgang mit unseren Behörden ist teilweise schwierig; wir spüren die verdeckte und manchmal auch offensichtliche Ablehnung der neuen Mitbürger, was zum Teil sicher darauf zurückzuführen ist, dass die Mitarbeiter komplizierte Fälle zu bearbeiten haben, die natürlich das Bild in gewisser Weise prägen.

Sind die Helfer noch so motiviert wie am Anfang? Und gibt es noch genügend, die sich engagieren?

Wir erinnern uns an die Bilder von 2015 und die nicht für möglich gehaltene Hilfsbereitschaft weiter Teile der Bevölkerung. Das gibt es nicht mehr. Wir müssen uns aber auch vergegenwärtigen, dass viele Helfer schon damals – wie ich auch – im Rentenalter waren. Einige sind aus persönlichen Gründen, auch krankheitsbedingt, ausgestiegen, neue kaum gekommen. Jüngeren Menschen fehlt durch die berufliche, familiäre und anderweitige Belastung die Zeit, sich auf Dauer um fremde Menschen zu kümmern. So sind in den Organisationen, in denen ich mich engagiere, jetzt deutlich weniger Aktive, auf die sich die Anforderungen verteilen. Das macht es uns nicht leichter.

Gibt es in Steinheim (noch) ein Angebot für geflüchtete Familien und Einzelpersonen?

Die Ökumenische Flüchtlingshilfe Steinheim gibt es noch immer, wobei auch hier die Fluktuation deutlich ist. Zunehmend erwarten wir, dass die Neubürger selbst aktiv werden, um Treffen und gemeinsame Aktivitäten vorzubereiten. Soweit sind wir jedoch noch lange nicht, und das führt bei uns zu einer gewissen Müdigkeit. Warum das letztlich so ist, wissen wir nicht. Und der Corona-Lockdown erzeugte einen herben Einschnitt bei der Unterstützung, denn viele unserer Mitglieder gehören zu Risikogruppen.

Wie beurteilen Sie die Integration der geflüchteten Menschen, die in Hanau und Steinheim geblieben sind?

Mir scheint die Integration teilweise gelungen, wobei wir definieren müssten, was Integration eigentlich bedeutet. Sicher ist es nicht die Übernahme einer „deutschen Leitkultur“, die es letztlich nicht gibt. Erwachsene Menschen werden ihre ursprüngliche Kultur nie ganz ablegen, vergessen und sich typisch deutsch verhalten können. Wir sind vielfältiger geworden, das ist schön und bereichernd. Wir können uns mit vielen Neubürgern inzwischen gut verständigen und einander verstehen lernen. Und das passiert täglich. Man sollte es wollen, und man kann es wahrnehmen.

Soweit man das pauschal sagen kann: Ist es den Flüchtlingen gelungen, sich beruflich und gesellschaftlich, etwa in Vereinen, zu integrieren?

Jungen Leuten fällt der Anschluss leichter, weil sie Sprachen schneller lernen, andere junge Menschen unterschiedlicher Herkunft kennenlernen und zur Arbeit gehen. Vielen ist es inzwischen gelungen, auch in Vereinen Fuß zu fassen. Das betrifft allerdings hauptsächlich Männer. Frauen sind in der Berufswelt deutlich weniger integriert. Familienarbeit nimmt sie voll in Anspruch, Der Erwerb der deutschen Sprache bleibt auf der Strecke, auch bedingt durch das Fehlen von Kita-Plätzen.

Das Fragen stellten Holger Hackendahl und Christian Spindler

Karl-Heinz Leister

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