Peter Jüngling fasst Ergebnisse von Grabungen aus Jahr 2004 in Buch zusammen

Spektakuläre Funde in Hanaus Altstadt

Peter Jüngling hat ein Buch zu den Grabungen von 2004 vorgestellt, die er einst leitete. Hier präsentiert der geschichtskundige ehemalige Polizist eines der Fundstücke – ein Bruchstück eines Weinkruges.
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Peter Jüngling hat ein Buch zu den Grabungen von 2004 vorgestellt, die er einst leitete. Hier präsentiert der geschichtskundige ehemalige Polizist eines der Fundstücke – ein Bruchstück einer Ofenkachel.

Dass Hanauer Boden buchstäblich getränkt ist mit Geschichte, bis in prähistorische Zeiten hinein, machte kürzlich wieder eine Publikation des Hanauer Geschichtsvereins 1844 (HGV) deutlich, die als siebte der Reihe „Hanauer Schriften zur Archäologie und Geschichte“ ein Schlaglicht auf die Grabungen am Goldschmiedehaus im Herzen der Altstadt wirft.

Hanau - 2004 fanden sie statt, anlässlich der jüngsten Erweiterung des heute als Museum dienenden, spätgotischen Fachwerkgebäudes, das einst das Rathaus des historischen Hanau zwischen Altstädter Markt und Marienkirche beherbergte. Peter Jüngling, Polizeibeamter im Ruhestand und seit 1976 HGV-Mitglied, leitete die Ausgrabungen und ist sowohl Autor als auch Mitherausgeber des rund 230 Seiten starken Bandes.

Jüngling wartete bei seiner Präsentation vergangene Woche in just jenem Anbau auf der Rückseite des Goldschmiedehauses, in dessen Baugrube die Funde archäologisch gewonnen und festgehalten wurden, mit einigen Überraschungen und Parallelen zu Ereignissen der Gegenwart auf. Denn eine ähnliche Überschwemmungskatastrophe wie vor wenigen Wochen an Ahr und Erft hatte wohl auch im Sommer des Jahres 1342 die Stadt am Main heimgesucht. Und selbst am höchsten Punkt wdes damaligen Hanau, dem Altstädter Markt, sorgte das „Magdalenenhochwasser“ wohl für Schlammlawinen und tagelange Überflutungen zwischen zwei und drei Metern, so Jüngling.

Frühe Nachweise einer Hanauer Konditorei

Dieser „Zerstörungshorizont“ gehe auch aus den unterschiedlichen Lehmschichten hervor, die in der Grube aufgefunden wurden. In einer dieser Schichten, die einen früheren, steinummantelten Brunnen umgeben, und im Brunnen selbst wurde für Archäologen und Historiker Außergewöhnliches geborgen. Nebst Funden, die auf eine Besiedlung des Areals bereits in vorchristlicher Zeit hindeuten, fanden Jüngling und sein Team im Verfüllungsmaterial des um 1537 zugeschütteten Brunnens Reste von Gebrauchskeramik und Handwerksgeräten, die wohl aus dem späten 13. oder frühen 14. Jahrhundert datieren. Und damit Rückschlüsse auf die recht ländliche Lebensweise der Hanauer Bevölkerung in dieser Zeit zulassen. Außerdem fand sich in den Lehmschichten Eisenschlacke, die auf einen Schmelzofen an dieser Stelle hindeuten könnten.

Für eine genaue Zeitbestimmung – Jüngling vermutet das 12. oder 13. Jahrhundert als Entstehungszeitraum – fehle jedoch das Geld. „Wie bei fast allen archäologischen Arbeiten“, stellte der Hobbyarchäologe bedauernd fest. Während jene Zeiträume um den Bauernkrieg (1525) oder den Dreißigjährigen Krieg (1646-1648) für Hanau recht gut dokumentiert seien, fehlt allerdings laut Jüngling ein fundiertes Wissen über die Lebensweise der Bevölkerung vor dieser Zeit. Hier gäben die Funde aus dem Jahr 2004 jedoch einige Aufschlüsse. Unter vielem anderen förderte das Team einen sogenannten „Kuchenstain“ als kleines Backmodel zutage; laut Jüngling „der älteste Nachweis einer Hanauer Konditorei“.

Fund wirft Fragen auf

Ein Weinkrug aus glasiertem Ton zeugt von der Töpfereikunst und den Getränkevorlieben des ausgehenden Mittelalters, und eine Ofenkachel könnte sogar dazu angetan sein, die politische Geschichte Hanaus neu zu bewerten. Denn das gelb glasierte Bruchstück zeigt wohl ein Wappen: jenes des Kurfürsten Dietrich von Erbach (1390-1459).

Doch dieser Fund wirft so einige Fragen auf. „Wie kommt ein Kachelofen mit einem Kurmainzer Wappen nach Hanau? Die Beziehungen zu den Mainzer Erzbischöfen waren in dieser Zeit – gelind gesagt – nicht die besten“, weiß Jüngling. Er definiert eigentlich „eine gepflegte Feindschaft“ als Grundlage der Beziehungen „quer durch die Geschichte“.

Dank an Sponsoren

Wie auch immer: der siebte Band der Reihe „Hanauer Schriften zur Archäologie und Geschichte“ ist weit mehr als nur eine dröge Dokumentation von Scherben und Knochen. Liebevoll gestaltet, geben Jüngling und sein Team einen lebendigen Überblick über das Ausgrabungsgeschehen in der heutigen Brüder-Grimm-Stadt, für die es bei der Präsentation auch großes Lob vom städtischen Kulturchef Martin Hoppe gab. Neben den Arbeiten im Jahr 2004 am Goldschmiedehaus sind Grabungen der Jahre 1958 bis 2019, reich bebildert, dokumentiert. Eine Einordnung in die historischen Zusammenhänge vieler Funde findet ebenso statt wie eine generelle Bewertung der archäologischen Forschung, die seit der Nachkriegszeit vor allem von einem geprägt ist, von Hobbyarchäologen wie von Profis immer wieder bestätigt: von Geldmangel. Daher zeigten sich Jüngling wie auch der Vorsitzende des HGV, Michael Sprenger, äußerst angetan vom Sponsoring unter anderem der Sparkasse Hanau.

Der Band 7 der „Hanauer Schriften zur Archäologie und Geschichte“ mit dem Titel „Archäologische Forschung am Goldschmiedehaus in Hanau“ von Peter Jüngling und dem Hanauer Geschichtsverein 1844 (HGV) hat rund 230 Seiten (Format A4 Hochglanz mit hunderten von Abbildungen), trägt die ISBN-Nummer 978-3-935395-37-3, ist 2021 im Selbstverlag des HGV erschienen und für 20 Euro im Buchhandel sowie beim HGV erhältlich.

Von Rainer Habermann

Kuchenstain, Ofenkachel und Gebrauchskeramik: Die Bandbreite der damaligen Funde ist groß.

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