Corona-Pandemie

Abstand wider Willen: Corona erschwert das Leben im Hospiz Louise de Marillac für das Pflegeteam und die Gäste

Ein Stück bunten Hanauer Alltag vom Wochenmarkt nach drinnen holen - so lautet der Anspruch im Hospiz. Eine Kooperation mit Blumen am Markt macht’s möglich. Jede Woche sorgt die Floristin aufs Neue für Farbtupfer und Aufmunterung.
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Ein Stück bunten Hanauer Alltag vom Wochenmarkt nach drinnen holen - so lautet der Anspruch im Hospiz. Eine Kooperation mit Blumen am Markt macht’s möglich. Jede Woche sorgt die Floristin aufs Neue für Farbtupfer und Aufmunterung.

Gespräche leben von Gestik und Mimik. Umso mehr, wenn das Gegenüber beeinträchtigt ist, schlecht hört oder krank und schwach ist. Die Masken, die vor Corona schützen sollen, schränken diese Lebendigkeit und Verstärkung von Worten aber ein. Das – und die Tatsache, dass die Pflegenden möglichst Abstand halten sollen von den ihnen Anvertrauten – erschwert die Arbeit auch im Hospiz Louise de Marillac in Hanau. „Die Masken sind für uns zurzeit die größte Herausforderung“, sagt die stellvertretende Leiterin der Einrichtung, Jeannette Marquardt.

Hanau –Die acht Patienten, die aktuell im Hospiz untergebracht sind und hier Gäste genannt werden, sind am Ende ihres Lebensweges mit schwersten Erkrankungen besonders auf Nähe und Zuwendung angewiesen. Wie also auffangen oder ausgleichen, dass in der Coronazeit die Masken vertraute Gesichter jeden Tag aufs Neue wieder zu fremden machen und das Leise und Behutsame der Kontakte verhindern? Und wie für die Gäste möglichst viel Normalität herstellen in einer Zeit, da nichts mehr normal ist. Nicht der Schnupfen und nicht die vertrauten Umgangs- und Begrüßungsformen?

Während des Waschens oder der medizinischen Versorgung ist nach den Worten Marquardts Abstand gar nicht möglich. Auf die Masken legt man in der Einrichtung der St. Vinzenz Soziale Werke gGmbH, Fulda, dennoch großen Wert, wenngleich es für das Pflegeteam eine große Belastung bedeutet, im Dienst dauerhaft einen Mund- und Nasenschutz zu tragen. Auch vielen Bewohnern wäre es lieber, statt eines halben Gesichts das ganze vor sich zu haben. Manch einer verweist darauf, dass man ihr oder ihm doch überlassen könne, was schwerer wiegt: Lieber auf Abstand zu gehen, um keinen der verbleibenden kostbaren Lebenstage durch eine Infektion zu gefährden oder das Gefühl von Nähe und Geborgensein auf die Gefahr hin, sich anzustecken.

Hospizmitarbeiter sind in zwei Teams eingeteilt

Jeannette Marquardt ist die Vize-Leiterin des Hospiz.

„Wir haben nicht nur eine Sorgfaltspflicht gegenüber den Bewohnern, sondern auch gegenüber unseren Mitarbeitern“, betont Marquardt mit Blick auf die 15 Mitarbeiterinnen im Hospiz. Sie arbeiten – unterstützt durch Alexander, der ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert und zwei Hauswirtschaftskräften – in zwei Teams, damit im Fall einer Ansteckung nicht alle gleichzeitig in Quarantäne müssen. Ihnen anvertraut sind derzeit sieben Frauen und ein Mann, zwischen 58 und 95 Jahre alt, die alle an nicht heilbaren Erkrankungen leiden, häufig Krebs.

Es gilt also besondere Vorsicht. Das heißt nicht, dass nicht mal eine Umarmung oder Berührung möglich sind. „Wenn die Gäste selbst es brauchen und es sich wünschen, überlassen wir es jeder einzelnen Mitarbeiterin, ob sie das zulässt oder nicht“, sagt Marquardt. Für die Angehörigen, die sich an die vorgegebenen Regeln hielten – nicht zu viele Besucher gleichzeitig und stets mit Maske – gilt: Was hinter der geschlossenen Zimmertür geschieht, ist Privatsache. Glücklicherweise hat es bisher nur einen einzigen Corona-Verdachtsfall gegeben. Die Bewohnerin blieb in Quarantäne und wurde getestet, das Ergebnis war aber glücklicherweise negativ.

Alltag im Hospiz soll an zuhause erinnern

Zum Alltag, der an den zuhause erinnern soll, gehören für die Gäste gemeinsame Mahlzeiten in der Küche. An diesem Tag haben sich sechs der acht Patienten versammelt „Das ist für uns ungewöhnlich und sehr schön“, freut sich Marquardt über so viel Leben. Oft gehe es den Menschen im Hospiz so schlecht, dass sie ihre Einzelzimmer kaum verlassen können. Neben der Alltagsnormalität ist es Marquardt auch wichtig, ein Stück Leben von draußen nach drinnen zu holen. Davon zeugen die bunten Farbtupfer, die die Mitarbeiterin eines Blumenstandes vom Hanauer Wochenmarkt gerade zu einem Bild komponiert. Aus dunkelroten Dahlien, Hagebutten, Gladiolen und zarten Gräsern arrangiert sie ein Gesteck und einen Blumenstrauß, die anschließend im Foyer und „Wohnzimmer“ des Hospizes die Anwesenden erfreuen.

Die Maske stellt für das Team um die stellvertretende Leiterin des Hospizes, Jeannette Marquardt, eine große Herausforderung dar.

Für die 43-jährige stellvertretende Leiterin des Hospizes und ihr Team sind die Zeiten nicht nur wegen der Arbeitsbedingungen schwierig. Auch die finanzielle Unterstützung sei zurückgegangen, sagt Marquardt, deren Einrichtung sich jedes Jahr zu fünf Prozent aus Spenden finanzieren muss. „Das sind etwa 70 000 Euro“, rechnet sie vor. 95 Prozent der Kosten tragen die Kranken- und Pflegekassen. „Wenn Unternehmen und Privatpersonen wegen der Krise kämpfen müssen, können sie auch nicht mehr so viel spenden“, meint Marquardt. Besonders großes Kopfzerbrechen bereitet ihr aber die Tatsache, dass das Hospiz derzeit keine Fachkräfte findet. Die Zusammenarbeit mit den beiden Hanauer Krankenpflegeschulen sei wegen Corona seit Monaten ausgesetzt. Somit kommen keine angehenden Pflegekräfte mehr „auf Probe“. „Vielleicht liegt es daran, dass junge Menschen nicht mehr erleben, wie erfüllend hier die Arbeit bei aller Belastung auch sein kann“, sagt die einst aus Berlin nach Hanau gezogene Krankenschwester. Außerdem wüssten die Anwärter oft nicht, dass die Arbeitsbedingungen sich im Hinblick auf Entlohnung und Sozialleistungen im Vergleich sehen lassen könnten.

Patientin singt ein Loblied auf die Mitarbeiter

Ein Loblied auf die Mitarbeiterinnen singt die 81-jährige Irmgard Heeg. Sie erlebt die Krankenschwestern als liebevoll und umsichtig und fühlt sich im Hospiz bestens aufgehoben. Von Distanz spüre sie nichts, betont die kernige Seniorin, die sich ihren Humor bewahrt hat. Aber das mit den Masken sei wirklich schlimm: „Das ist eine Strafe Gottes. Wer schlecht hört, versteht gar nichts mehr, wenn jemand mit Maske mit einem spricht.“

Hospiz Luise de Marillac

Das Hospiz Louise de Marillac in Hanau, eine Einrichtung der St. Vinzenz Soziale Werke gGmbH liegt nahe dem St. Vinzenz Krankenhaus am Frankfurter Tor. Es begleitet schwer kranke Menschen auf ihrem letzten Lebensweg. 15 Pflegekräfte kümmern sich dort um die in acht Einzelzimmern untergebrachten Gäste. Wer das Hospiz, das sich zum Teil aus Spenden finanziert, unterstützen möchte, kann dies tun über das Spendenkonto IBAN: DE42 5305 0180 0000 0769 55. BIC: HELADEF1FDS. ju

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