19. Februar

Acht Monate nach dem Anschlag gedenken die Opfer-Familien auch der Mutter des Attentäters

Verneigung vor den Opfern des Anschlags vom 19. Februar: Vertreter von sieben Familien, die einen Angehörigen verloren haben, bekunden auch der getöteten Mutter des Attentäters ihren Respekt.
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Verneigung vor den Opfern des Anschlags vom 19. Februar: Vertreter von sieben Familien, die einen Angehörigen verloren haben, bekunden auch der getöteten Mutter des Attentäters ihren Respekt.

Zu einer solidarischen Geste des Respekts – ausdrücklich auch für die Mutter des Attentäters vom 19. Februar – versammelten sich gestern Angehörige von sieben der neun Opferfamilien am Brüder-Grimm-Denkmal. Dort legten sie gemeinsam mit Oberbürgermeister Claus Kaminsky je eine weiße Rose für die zehn Getöteten nieder und legten eine Schweigeminute für sie ein. Die kleine Zeremonie erhielt vor dem Hintergrund des Mordes an dem französischen Lehrer in Hanaus Partnerstadt Conflans am vergangenen Freitag eine noch stärkere Symbolkraft.

Hanau – Am 19. Februar hatte der Täter, Tobias R., am Heumarkt und am Kurt-Schumacher-Platz (wie mehrfach berichtet) neun Menschen mit Migrationsgeschichte erschossen. Danach tötete er seine bettlägerige Mutter und anschließend sich selbst. Was genau im Haus des Attentäters geschah, warum er seine Mutter erschoss, ist bis heute nicht geklärt. Die Antwort auf diese Fragen sind die Ermittlungsbehörden bis heute schuldig geblieben. Die Angehörigen fordern diese Antworten nach wie vor ein – an ihrer Seite der Oberbürgermeister. Daher war es Armin Kurtovic, der seinen Sohn Hamza bei dem Attentat verlor, wichtig zu betonen, dass zwar die Mutter des Attentäters auch durch die Waffe von Tobis R. ums Leben gekommen sei. Anders als ihre Kinder und Angehörigen sei sie aber nicht aus rassistischen Motiven gestorben. Das gelte es bei allem Respekt auseinanderzuhalten.

An den Tagen nach der rassistisch motivierten Tat war kontrovers über die Frage diskutiert worden, ob die Mutter des Attentäters neben den neun jungen Menschen auch als Opfer gelten könne oder solle. Dass die Stadt Hanau in ihrer Todesanzeige den Namen der Mutter neben den Namen der aus rassistischen Gründen Ermordeten aufgeführt hatte, war bei manchen Betroffenen auf Unverständnis gestoßen.

Angehörige des Anschlags vom 19. Februar in Hanau gedenken auch der getöteten Mutter des Attentäters

Im Dialog mit OB Kaminsky und seinem Team reifte jedoch bei vielen der Angehörigen die Erkenntnis, dass es für den Zusammenhalt in der Stadt und im ganzen Land ein wichtiges öffentliches Signal sei, den Respekt für den Menschen bekunden, der ebenfalls sein Leben verlor. „Wir müssen als Angehörige dieses Zeichen setzen“, zeigte sich Cetin Gültekin bei einem Gespräch nach der Zeremonie überzeugt. Er verlor am 19. Februar seinen Bruder Gökhan. „Wenn ich von Menschen in Berlin, Halle oder Köln Solidarität erwarte, müssen wir auch Solidarität gegenüber dem Menschen beweisen, der auch ums Leben gekommen ist“, formulierte Gültekin seine ganz persönliche Meinung. „Vielleicht werden wir besser verstanden, wenn wir zeigen, dass wir mitfühlen“.

Vorm Niederlegen der Blumen am Denkmal dankte der OB den Angehörigen „für ihre große und bewegende Geste“. Er betonte, dass die Mutter des Attentäters allen ihm zugänglichen Informationen zufolge keinerlei rassistisches Gedankengut verbreitet habe. Sie sei acht Jahre lang ehrenamtlich in und für die Kita Dresdener Straße tätig gewesen und habe sich dort für benachteiligte Kinder eingesetzt. Kaminsky betonte, er wisse um die Verantwortung, die er übernommen habe, indem er die Angehörigen zu diesem Termin eingeladen habe. „Ich bin kein Richter. Aber ich habe Verständnis für die Mutter. Diese Frau hat unser Mitgefühl und unser Gedenken auch verdient“ , so Kaminsky.

Hanau: Oberbürgermeister Claus Kaminsky zeigt sich berührt von der Geste der Angehörigen der Opfer des 19. Februars

Ihm war anzumerken, wie sehr ihn die Geste der Angehörigen bewegte. „Von diesem Termin geht eine große Kraft aus“, erklärte er, „Ihre Kraft. Mit dieser Kraft unterstützten die Versammelten ihn als Stadtoberhaupt bei seiner Aufgabe, die Stadtgesellschaft zusammenzuhalten. „Deswegen bin ich Ihnen so dankbar für dieses kraftvolle Zeichen“.

Kaminsky drückte aber auch sein Verständnis für diejenigen unter den Angehörigen aus, die es nicht geschafft haben, gegenüber der Mutter des Attentäters ihr Mitgefühl zu zeigen. Und doch waren am gestrigen Tag von allen Familien Vertreter vor und in das Rathaus gekommen, mit Ausnahme der Familien Velkow, die in Bulgarien lebt und Saracoglu, die in Regensburg zu Hause ist. Mit diesen Familien steht die Stadt ebenfalls in engem Kontakt.

Den engen Kontakt und die Zusammenarbeit betonten die Angehörigen nach der Zeremonie im Rathaus noch einmal. Sie dankten ihrerseits dem Rathauschef dafür, dass er in den Wochen und Monaten nach dem Attentat immer an ihrer Seite gestanden hat und würdigten die Rolle des OB als Mittler.

19. Februar: Angehörige der Opfer des Anschlags sprechen von „neun Opfern plus einem“

Serpil Unvar, die ihren Sohn Ferhat bei dem Anschlag verlor, sagte, jeder 19. Kalendertag falle ihr und ihrer Familie schwer. „Aber wir wollten heute ein Zeichen in die Welt schicken, dass wir weltoffen sind. Wir stehen dafür, dass die Gesellschaft zusammengeführt wird, ungeachtet von Hautfarbe oder Religion“, so Unvar weiter. Als Mutter habe sie ihren Kindern stets gepredigt, dass sie diese notfalls bei der Polizei anzeigen werde, wenn sie sich etwas zuschulden kommen ließen. Dass die Mutter des Attentäters dazu nicht in der Lage gewesen sei, sei schwer zu begreifen. Doch sie wisse darum, dass nicht jede Frau über die Stärke und den Mut verfüge, sich gegen Mann oder Kinder zu wehren.

Etris Hashemi, dessen Bruder Said Nesar bei dem Anschlag starb, erklärte: „Nach allem, was uns vorliegt, war die Mutter auch ein Opfer. Es ist aber wichtig, dass differenziert wird.“ Damit griff er die Bemerkung Cetin Gültekins auf, dass es wichtig sei, „von neun Opfern plus einem“ zu sprechen. Damit weise man darauf hin, dass die neun Angehörigen vom Attentäter bewusst aus rassistischen Motiven ausgewählt worden seien. Bei der Mutter, die sehr wohl auch Opfer sei, liege die Motivlage anders. Mit dieser Aussage sprach er auch dem Vater des ermordeten Vili Viorel Paun, Niculescu Paun, aus der Seele. Er hatte vor der Niederlegung der Blumen noch einmal betont, wie wichtig die Rolle des OB bei der Trauerarbeit gewesen sei. Nach der Geste am Denkmal wies er darauf hin, dass die Mutter zwar Opfer sei. Dass sie aber (laut Feststellung des Sterbezeitpunkts) nicht am 19. Februar gestorben sei, sondern am 20. Februar.

Oberbürgermeister Claus Kaminksy benennt zwei Plagen mit der es die Gesellschaft zurzeit zu tun habe - nicht nur in Hanau

Bei der Verabredung zur symbolhaften Geste vor dem Rathaus war der Mord an dem Lehrer in Hanaus Partnerstadt noch nicht geschehen. Diese Tat veranlasste den OB, zwei Plagen zu benennen, mit denen es die Gesellschaft derzeit zu tun habe. Die erste sei der Rassismus, der auch in Hanau zahlreiche Opfer gefordert habe. Die zweite manifestiere sich in Taten wie die am Breitscheidplatz in Berlin, das Attentat bei der französischen Satirezeitung „Charlie Hebdo“ oder dem, was in Conflans geschah.

„Dies ist ein weiterer Schritt auf diesen furchtbaren mörderischen Irrwegen“. Der Staat und die Zivilgesellschaft müssten sich mit aller Kraft gegen solche Entwicklungen wehren.

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