Geflüchtete Menschen auf dem Mittelmeer

Verzweifelte Notrufe aus dem Schlauchboot

+
Gehört zu den Initiatoren von „Watch the Med“: Hagen Kopp, hie bei einem Vortag im Kulturforum.  

Mehr als 2800 Anrufe zumeist verzweifelter Menschen haben die inzwischen rund 200 Aktivisten des Netzwerks Alarm Phone seit der Gründung 2014 erreicht. 

Hanau – Wenn auf dem Mittelmeer ein Flüchtlingsboot zu sinken droht, klingelt oft ein Handy in Hanau. Was die Freiwilligen in solchen Fällen unternehmen und warum die nasse Südgrenze Europas aus ihrer Sicht die tödlichste der Welt geworden ist, interessierte knapp 50 Besucher bei einem Vortragsabend im Kulturforum.

Hanau: Staaten gingen mit Migranten grob und rechtswidrig um

So viel mediale Aufmerksamkeit wie die aktiven privaten Retter mit ihren Schiffen und ihrem ständigen Kampf um sichere Häfen bekommt „Watch the Med“ (zu Deutsch etwa „Mittelmeer-Wache“) in der Regel nicht. Immerhin war Hagen Kopp, Mitgründer des Netzwerks und Kopf der Hanauer Keimzelle im örtlichen Arbeitskreis Asyl, unlängst im TV-Magazin „Monitor“ zu Gast und konnte zeigen, wie rigide die Küstenwachen der Anrainerstaaten oft mit Migranten umgehen. Nicht selten grob rechtswidrig, betonen Kopp und seine Mitstreiter – etwa wenn aufgegriffene Bootsinsassen aus internationalen oder europäischen Gewässern mit Gewalt nach Libyen zurückgebracht und dort in „Folterlager“ (Kopp) gesteckt werden.

„Pushbacks“ heißen solche Aktionen unter den Alarm-Telefonisten. Nach den Erfahrungen von Marion Bayer gibt es sie nicht nur auf der zentralen Mittelmeerroute nach Malta und Italien, die dank „Sea Watch“ und ähnlicher Organisationen zwar im Fokus stehe, gemessen an gezählten Aufgriffen und Ankünften aber aktuell an Bedeutung verliere.

Hanau: Lage von Flüchtlingen in Marokko spitzt sich zu 

Nach dem Regierungswechsel in Griechenland nehme indes die Zwangsrückführung in türkische Gewässer stark zu, weiß Bayer, die selbst vor Ort in der Ägäis aktiv ist und die zunehmend dramatische Entwicklung dort im Blick behält.

Zwischen Marokko und Spanien spitzt sich die Lage nach Beobachtung von Corinna Zeitz ebenfalls zu – auch in dem nordafrikanischen Land selbst, dessen Behörden unter europäischem Druck zunehmend gewaltsam gegen Migranten aus dem eigenen Land und jene von südlich der Sahara vorgingen.

Auf solche Zustände – rohe Gewalt in Nordafrika, menschenunwürdige Verhältnisse in überfüllten Lagern auf den griechischen Inseln – aufmerksam zu machen, das sehen die Hanauer „Watch the Med“-Aktivisten als ihre Aufgabe. Aktiv ins Spiel kommt das Netzwerk, dessen Initialzündung 2014 die Bootskatastrophe mit mehr als 300 Toten vor Lampedusa war, wenn die vielfach seeuntüchtigen und fast immer überfüllten Flüchtlingsboote auf dem Wasser sind. Geraten die Menschen auf der Überfahrt in Bedrängnis, wählen immer mehr die Alarm-Nummer, die von Netz-Aktivisten oder Kontaktpersonen vor Ort in den Abfahrtsländern auf farbigen Karten in verschiedenen Sprachen verteilt wird.

Hanau: Bei Notruf von Flüchtlingen wird Küstenwache alarmiert

In der Regel landen die Hilferufe bei einem von zwei Helfern, die gerade Dienst haben. Nach einem Drei-Schicht-System rund um die Uhr werde der Anschluss von Handy zu Handy weiter geschaltet, erläutert Hagen Kopp – „wie bei einem Callcenter“. Bei einem Notruf hat der Angerufene die Aufgabe, die zuständige Küstenwache zu alarmieren oder Schiffe in der Nähe zu finden, die die Bootsinsassen aufnehmen können. „Wir halten Kontakt und begleiten sie, bis sie in Sicherheit sind“, erläutert Hagen Kopp. Werde Gewalt angewandt, könne die Initiative, etwa über Twitter, sofort Öffentlichkeit herstellen. Der Medien-Alarm habe sich auch als Druckmittel bewährt, wenn Küstenwachstellen untätig blieben oder die Rettung mutwillig verzögerten. Das kommt laut Kopp vor, ist aber nicht die Regel: „Normalerweise helfen sie, wenn wir anrufen“.

Hanau: Gruppe zur Hilfe für Flüchtlinge quer durch Europa

Nach Wahrnehmung der Hanauer Kerngruppe hat das auch mit der inzwischen internationalen Aufstellung des Netzwerks zu tun. Anfangs nur in und um Hanau organisiert, umfasst die Gruppe inzwischen Helfer quer durch Europa und Nordafrika, rund 100 davon im Notrufsystem. Hagen Kopp sieht die Expansion mit gemischten Gefühlen: „In der Welt, in der wir leben wollen, würde unser Alarm Phone nicht existieren. Es existiert noch immer, weil das Sterben auf See kein Ende findet.“

VON OLIVER KLEMT

Karin Scholl, Ressortleitung Integration und Flüchtlingshilfe bei der Stadt Dreieich, ist zufrieden. Denn in der Flüchtlingsunterkunft in der Benzstraße „läuft es eigentlich ziemlich gut". 

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare