19. Februar

Angehörige der Hanauer Terroropfer wollten sich bei Demo gegen Rassismus stark machen

Die Anti-Rassismus-Demo ist abgesagt: Serpil Unvar, Nawroz Duman und Niculescu Paun (v.l.n.r.) sprechen für die Angehörigen der Terroropfer. Auf einer Pressekonferenz erklärten sie am Freitag ihre Motivation und den geplanten Ablauf.
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Die Anti-Rassismus-Demo ist abgesagt: Serpil Unvar, Nawroz Duman und Niculescu Paun (v.l.n.r.) sprechen für die Angehörigen der Terroropfer. Auf einer Pressekonferenz erklärten sie am Freitag ihre Motivation und den geplanten Ablauf.

Am Freitagabend wurde die Gedenkdemonstation kurzfristig abgesagt. Die Angehörigen der Opfer vom 19. Februar wollten eigentlich gegen Rassismus mobil machen.

Hanau – Die Nachricht kam am Freitagabend um 20 Uhr: „Oberbürgermeister Claus Kaminsky hat wegen der akut steigenden Zahl an Corona-Neuinfektionen die für Samstag, 22. August, geplante Demonstration zum Gedenken an die Opfer des rassistischen Terroranschlags vom 19. Februar untersagt“, heißt es in einer Presseerklärung der Stadt. Bei der für den heutigen Samstag geplanten Demonstration anlässlich des Gedenkens an die Terroropfer vom 19. Februar rechneten die Organisatoren mit 3000 Teilnehmern. Die Polizei ging sogar von bis zu 5000 Demonstranten aus, die am Mittag vom Kurt-Schumacher-Platz bis zum Freiheitsplatz durch die Stadt ziehen wollten. Die Initiative kündigte an, dass die Kundgebung dennoch stattfinden soll. Details zur Umsetzung wurden am Abend noch beraten.

Vor knapp einem halben Jahr hatte ein 43-Jähriger Deutscher in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen, bevor er vermutlich seine Mutter und dann sich selbst tötete. Unter dem Motto „Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung, Konsequenzen“ wollten die Organisatoren nun – wie bereits drei Tage nach dem Anschlag – ein deutliches Zeichen gegen Rassismus setzen. Neben dem Gedenken an die Opfer wollten sie an Politik und Behörden appellieren, eine lückenlose Aufklärung zu forcieren und Konsequenzen aus dem Anschlag zu ziehen.

Veranstalter der Gedenkdemo für die Opfer vom Terroranschlag in Hanau hatten sich bereits am Freitagabend geäußert

Im Rahmen einer Pressekonferenz hatte die Sprecherin der Initiative 19. Februar Hanau, Nawroz Duman, zusammen mit Serpil Unvar, der Mutter des getöteten Ferhat Unvar, und Niculescu Paun, Vater des getöteten Vili Viorel Paun, sich bereits am Freitag zum Programm geäußert – inhaltlich wie organisatorisch.

Der Demonstrationszug sollte sich sich gegen 13 Uhr am Kurt-Schumacher-Platz sammeln, einem der beiden Tatorte, an dem sechs Hanauer mit Migrationshintergrund getötet wurden. Von dort aus war der Weg über die Philippsruher Allee zum anderen Tatort geplant, der ehemaligen Shishabar am Heumarkt, wo drei Menschen getötet wurden.

Im Anschluss daran wollten die Demonstranten weiter in Richtung Freiheitsplatz ziehen. Dort hätte ab 15 Uhr die Abschlusskundgebung stattgefunden, bei der rund 20 Wortbeiträge geplant waren. Zu Wort kommen sollten neben den Familienangehörigen der Hanauer Opfer auch Angehörige und Überlebende anderer rassistisch motivierter Anschläge in Halle, Mölln und Wächtersbach. Zudem sollte auch Peter Fischer, Präsident von Eintracht Frankfurt, ein Statement abgeben, da er sich mit seinem Verein gegen Rassismus und Antisemitismus stark macht.

Angehörige der Opfer von Hanau sagen, viele Versprechen seien nicht eingehalten worden

Paun und Unvar hatten gestern bereits ihre Anliegen vorgetragen. Viele Versprechungen seitens der Politiker, die direkt nach der Tat ihre Solidarität bekundet hatten, sehen sie nicht erfüllt. Ein wichtiges Thema sei dabei auch der Wechsel der Wohnung. „Wir wohnen 70 Meter vom ehemaligen Haus des Täters entfernt, unweit vom Kurt-Schumacher-Platz“, sagte beispielsweise Serpil Unvar. Jeden Tag müsse sie daran vorbei, werde immer wieder damit konfrontiert. Vier weiteren Familien in Kesselstadt gehe es ähnlich.

Ebenso seien bezüglich der Ermittlungsergebnisse noch viele Fragen offen. Dabei müsse man den Rassismus nicht nur beim Namen nennen, sondern auch entsprechend handeln. „Unsere Kinder kann uns keiner mehr zurückgeben“, sagte Unvar, „aber wir wollen alles dafür tun, dass andere Kinder und Eltern diese Erfahrungen nicht machen müssen.“

Seit sechs Monaten würden sie mit großem Schmerz dafür kämpfen, dass sich in Zukunft etwas ändere. „Unsere Kinder dürfen nicht umsonst gestorben sein“, sagte sie. „Ihr Tod muss ein Ende sein – das Ende rassistischer Angriffe. Und er muss ein Anfang sein von etwas Neuem – von Schulen ohne Rassismus und einem Zusammenleben, bei dem wir alle gleiche Rechte haben.“ Dieser Kampf gehe nicht nur die Familien an, sondern die gesamte Gesellschaft.

Hanau: Der Vater eines Opfers fordert Anerkennung der Zivilcourage seines Sohnes

Niculescu Paun hingegen wünschte sich vor allem eines: die Anerkennung der Zivilcourage seines Sohnes, der um andere zu retten, die Gefährdung seines eigenen Lebens in Kauf nahm. Vili Viorel Paun galt lange Zeit als Zufallsopfer – dabei hatte er Augenzeugen zufolge beim ersten Tatort am Heumarkt versucht, den Täter aufzuhalten. Dabei soll er sich dem Täter sogar mit dem Auto in den Weg gestellt haben. Der Täter Tobias R. soll da schon auf sein Auto geschossen haben. Dennoch verfolgte Vili Viorel Paun ihn weiter, rief mehrfach die Polizei. Am Kurt-Schumacher-Platz wurde er in seinem Auto erschossen.

Dass die selbstlose Zivilcourage seines Sohnes auch von Politikern anerkannt wird, fordern nun Pauns Eltern. „Für Hanau und die Welt ist er ein Held, für mich und meine Frau bleibt er unser Sohn“, sagte Niculescu Paun und rang immer wieder mit aufkommenden Emotionen.

Gedenkveranstaltung am 19. August für die Opfer des Anschlags von Hanau

Am Mittwoch, 19. August, fand bereits eine vom Verein „Institut für Toleranz und Zivilcourage – 19. Februar Hanau“ organisierte Gedenkveranstaltung auf dem Hanauer Marktplatz statt. Die Demonstration, zu der das Institut in Kooperation mit der Initiative 19. Februar Hanau aufgerufen hatte, sollte neben dem Gedenken ein Zeichen gegen Rassismus setzen und den Angehörigen die Möglichkeit geben, ihre Trauer, Sorgen und Forderungen zu Gehör zu bringen.

Oberbürgermeister Kaminsky versicherte in seiner Erklärung am Freitagabend, die Trauerbekundung nachholen zu wollen, sobald es die Corona-Infektionszahlen erlauben würden.

Für Nawroz Duman, die Angehörigen und die anderen Mitglieder der Initiative 19. Februar steht fest: „Hanau war nicht der erste rassistisch motivierte Anschlag, aber wir wollen, dass es der letzte wird.“

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