Immer neue Details zum Täter

Nach rechtsradikalem Anschlag in Hanau: Eine Spur führt nach Bayern

Die Trauer um die Opfer von Hanau ist nach wie vor groß. Immer wieder stellt sich auch die Frage, ob die Behörden nicht früher auf den Täter hätten aufmerksam werden müssen.
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Die Trauer um die Opfer von Hanau ist nach wie vor groß. Immer wieder stellt sich auch die Frage, ob die Behörden nicht früher auf den Täter hätten aufmerksam werden müssen.

Bei den Anschlägen in Hanau starben neun Menschen bei einem rechtsradikalen Anschlag. Der Täter war Sportschütze. Seine Schusswaffen hatte er auch in München aufbewahrt. Darüber informiert wurden die bayerischen Behörden nicht.

  • In Hanau tötete Tobias R. im Februar 2020 aus rassistischen Motiven neun Menschen.
  • Der Täter war aktiver Sportschütze.
  • Seine Waffen bewahrte er neben Hanau auch in München auf - informiert war die dortige Behörde nicht

Hanau – Der Mörder von Hanau, Tobias Rathjen, hat jahrelang seine Schusswaffen an seinem zwischenzeitlichen Wohnort in München aufbewahrt, ohne dass die Behörden in der bayerischen Landeshauptstadt davon wussten. Das geht aus der Antwort auf eine Anfrage der Münchner Stadtrats-Mitglieder Dominik Krause und Angelika Pilz-Strasser (Fraktion Die Grünen – Rosa Liste) an das dortige Rathaus hervor. Der Waffenbehörde des Main-Kinzig-Kreises war hingegen bekannt, dass der Hanauer Attentäter samt seiner Waffen nach München umgezogen war – ein entsprechender Hinweis in Richtung Bayern erfolgte jedoch nicht.

Rathjen hatte am Abend des 19. Februars 2020 neun Menschen in Hanau ermordet, Stunden später war er in seinem Wohnhaus im Stadtteil Kesselstadt neben seiner toten Mutter leblos aufgefunden worden. Die Ermittler gehen von einem rassistischen Motiv für die Tat aus, alle neun Opfer hatten einen Migrationshintergrund. Während der Abschlussbericht des Bundeskriminalamtes weiterhin aussteht, bemühen sich zwischenzeitlich nicht nur Medien um Aufklärung der Hintergründe der Tat, auch Politiker stellen Fragen – sogar im weit entfernten München. Dort hat der 43-Jährige, das teilte er selbst der Waffenbehörde des Main-Kinzig-Kreises mit, mehrere Jahre gelebt.

Anschlag in Hanau: Täter hatte unangemeldete Waffen in München gelagert

Laut Antwort der Stadt München hatte allerdings Rathjen zu keinem Zeitpunkt seinen Haupt- oder Nebenwohnsitz in München angemeldet. Von 2014 bis 2019 sei sein Wohnsitz nur in Hanau gemeldet gewesen. Allerdings war laut Auskunft aus München der Waffenbehörde des Main-Kinzig-Kreises bereits seit dem 3. Mai 2014 bekannt, dass sich Tobias R. in München aufhielt. Ein an seinen gemeldeten Wohnsitz in Hanau gerichtetes Schreiben habe er mit einem Schreiben aus München und der Bitte beantwortet, seine Postanschrift in München zur Antwort zu nutzen. In einem Schreiben der Waffenbehörde des Main-Kinzig-Kreises vom 23. Mai 2017 sei Rathjen danach mitgeteilt worden, dass er sich in München anmelden müsse, falls er dort Waffen aufbewahren sollte.

Rathjen hat mit Schreiben vom 5. Juni 2017 und 23. Juni 2018 dem Main-Kinzig-Kreis dann tatsächlich mitgeteilt, dass er seine Waffen in München aufbewahre, da er dort hauptsächlich schieße, so die Auskunft aus dem Münchner Rathaus.

Anschlag von Hanau: Keine Mitteilung über Waffe bei Behörde in München

„Unter den bayerischen Waffenbehörden wird bei einer auswärtigen Waffenaufbewahrung die Behörde am Aufbewahrungsort von der Behörde am gemeldeten Hauptwohnsitz unterrichtet, da die Waffenbehörde am Aufbewahrungsort (zum Beispiel durch eine Vor-Ort-Kontrolle) am besten einschätzen kann, ob die Aufbewahrung den gesetzlichen Vorschriften entspricht.

Eine Mitteilung der Waffenbehörde des Main-Kinzig-Kreises an die Waffenbehörde des Kreisverwaltungsreferates München erfolgte nicht. Da Rathjen in München einwohnermelderechtlich nie gemeldet war, konnte die Waffenbehörde des Kreisverwaltungsreferates München keine Kenntnis erlangen, dass er in München Waffen aufbewahrte. Auch dem Polizeipräsidium München lagen keine Erkenntnisse vor, welche Rückschlüsse zuließen, dass Rathjen in München Waffen aufbewahrte“, heißt es dazu aus München.

Hanau: Mehrere Überprüfungen bei dem Schützen durch Waffenbehörde

Im Antwortschreiben vom 5. Juni 2017 an die Waffenbehörde des Main-Kinzig-Kreises hat Rathjen laut Auskunft aus München angegeben, dass sich im August/September 2017 entscheiden würde, ob er weiterhin in München arbeiten werde. Daher habe er keine Anmeldung in München beabsichtigt. „Damit hat er insoweit gegen Meldepflichten verstoßen, als dass er die Anmeldung eines Zweitwohnsitzes in München unterlassen hat. Dies ist aber grundsätzlich unabhängig von der Frage, welche Waffenbehörde für ihn zuständig war. Die Waffen werden bei der Waffenbehörde des Hauptwohnsitzes registriert“, so die Stadt München.

Unklar bleibt allerdings weiterhin, wann und wie oft Waffen und Munition von Rathjen und deren korrekte Aufbewahrung in den vergangenen Jahren überprüft wurden. Die Waffenbehörde des Main-Kinzig-Kreises teilt hierzu mit: „Der Hanauer Schütze wurde von 2013 bis 2019 insgesamt viermal überprüft. Darunter auch innerhalb des Zeitraumes vom 03.05.2014 bis 23.5.2017“, diese Überprüfungen hätten allerdings keinen außergewöhnlichen Anlass gehabt.

Hanau: Unangemeldete Waffen in München - Zweitwohnsitzt wurde nicht gemeldet

Im Zuge dieser Überprüfungen sei bekannt geworden, dass Rathjen neben seiner Schießsportausübung in einem Frankfurter Schützenverein auch in einem Münchner Schützenverein geschossen und seine Waffen auch in München aufbewahrt habe. „Die entsprechenden Nachweise wurden vorgelegt. Die Pflichten zur Ummeldung nach München, dass dort ein ausschließlicher Wohnsitz begründet wird beziehungsweise ausschließlich dort der Schießsport ausgeübt wird, wurde dabei seitens der Waffenbehörde thematisiert“, so der Main-Kinzig-Kreis.

Rathjen sei durchgängig mit Hauptwohnsitz in Hanau gemeldet gewesen, ein offizieller Wohnsitz in München habe nicht bestand. Aus diesem Grund sei seine Akte durchgängig von der Waffenbehörde des Main-Kinzig-Kreises bearbeitet worden. (Von Andreas Ziegert)

Einige Monate nach dem Anschlag in Hanau haben Angehörige haben Soforthilfen aus einem Opfer-Fonds erhalten.

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