Rassistischer Terror

Zeugen und Angehörige über den Anschlag in Hanau: „Sie wollte nur Chips und Cola kaufen“

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Zeugen und Angehörige berichten von der Nacht des Terror-Anschlags in Hanau. Der Schock sitzt tief. (Symbolbild)

Hanau steht unter Schock. An den beiden Tatorten erzählen die Menschen, wie sie die blutige Nacht erlebt haben, als Tobias R. um sich schoss.

  • Bei einem rechtsextremen Terroranschlag sterben in Hanau zehn Menschen
  • Zeugen und Angehörige berichten über die Nacht 
  • Der Schock sitzt in Hanau tief

Hanau – Zwei Schulkinder kommen auf den jungen Polizisten zu, der die Absperrung am Hanauer Kurt-Schumacher-Platz bewacht. „Wissen Sie, wo der Bus jetzt fährt?“, fragen die zwei Mädchen, die in die fünfte Klasse der Lindenauschule gehen. Es ist kurz vor 8 Uhr morgens am Donnerstag (20.02.2020) und sie sind sowieso schon zu spät für die erste Stunde. Hinter dem Polizisten gehen gerade zwei Leute von der Spurensuche in weißen Ganzkörperanzügen in die Shisha-Bar, in der in der Nacht zuvor ein Mann fünf Menschen erschossen haben soll.

„Arena Bar Café“ steht in großen schwarzen Lettern auf rotem Hintergrund über dem Schaufenster, ein Kiosk ist auch dort. Die zwei elfjährigen Mädchen sind sichtbar durcheinander, überall um den Platz stehen Polizei-Mannschaftswagen und Beamte. „Ich habe schlecht geschlafen, gestern Nacht bin ich von Schüssen und von dem Hubschrauber aufgewacht“, erzählt die eine, bevor der Polizist sie mit ihrer Freundin zur nächsten Bushaltestelle schickt.

Hanau: Anschlag basierte auf rechtsextremen Gedankengut

Ein 43-jähriger Deutscher schießt am Mittwochabend (19.02.2020) in zwei Shisha-Bars und einem Kiosk am Heumarkt und am Kurt-Schumacher-Platz um sich und tötet neun Menschen. Viele Opfer sollen ausländische Wurzeln haben. Die Ermittler vermuten rechten Terror*. Der Sportschütze soll Hass auf Ausländer und Verschwörungstheorien im Netz verbreitet haben.

Der große Lidl-Markt direkt am Kurt-Schumacher-Platz wird gerade umgebaut. Eigentlich müssten die Handwerker schon längst auf der Baustelle sein. Aber erst um kurz nach 8 Uhr gibt die Polizei ihnen die Erlaubnis, den Markt zu betreten.

Anschlag in Hanau: Zeugen berichten von der Terror-Nacht

Ein Mann von der Lidl-Security koordiniert die wartenden Handwerker. Er ist an diesem kalten Morgen vor Ort, obwohl er am Vorabend selbst Zeuge der Gewalttat gewesen ist. Es sei gegen 22 Uhr gewesen, erinnert sich der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, als er im Auto vor dem Lidl-Markt Wache gehalten hat. „Ich habe über Kopfhörer Musik gehört und plötzlich so Plop-Geräusche von draußen gehört.“ Als er die Kopfhörer ablegt, merkt er, dass diese Geräusche Schüsse sind. Er steigt aus. „Neben mir hatte ein Mercedes geparkt und dann sehe ich einen Mann blutend auf der Straße liegen.“

Er ruft sofort die Polizei. Am Morgen danach ist er gefasst, aber trotzdem geschockt. „Ich komme aus Albanien und habe da schon viel gesehen. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas hier passieren würde.“ Dann weist er den nächsten Handwerker ein, sagt ihm, welcher Eingang offen ist.

Hanau: Angehörige berichten von den Toten der Anschlags-Nacht

In einem Windfang hinter dem Lidl stehen zwei jüngere Frauen und ein älterer Mann zusammen an einem Absperrband, blicken seitlich auf die Arena Bar. Plötzlich bricht eine Frau laut in Tränen aus. Sie will nicht reden, schwankt zwischen Trauer und Wut. „Meine Schwester ist tot“, bricht es aus ihr heraus, bevor sie sich abwendet. Der ältere Mann redet. „Schreiben Sie, dass sie eine Roma war, schreiben Sie, was uns hier geschieht“, sagt er eindringlich.

Er ist der Vater von Mercedes K., die 35-Jährige ist eines der fünf Opfer. „Sie wollte nur Chips und eine Cola kaufen, dann ist sie erschossen worden“, erzählt der Vater von Mercedes und blickt wieder zur Bar rüber. Er will so lange bleiben, bis die Polizei ihn zu seiner Tochter lässt. „Um sie zu identifizieren.“ Dann zeigt er auf ein Auto, in dem ein Junge auf der Rückbank sitzt. „Da sitzt ihr Sohn drin.“

Auch die Innenstadt kommt nicht zur Ruhe. Als es hell wird, rücken weitere Mannschaftswagen der Polizei mit Blaulicht von der Nussallee aus in Richtung in Heumarkt vor – dem Ausgangspunkt der Terror-Nacht. Die neuen Beamten sollen ihre Kollegen ablösen, die das Areal weiträumig abgesperrt haben. „Das ist unglaublich“, entfährt es einer Passantin. Sie hat einen Arzttermin an der Krämerstraße. Die Beamten lassen sie passieren.

Anschlag in Hanau: Anwohner spricht über die Tat - „Das ist unfassbar“

10 Uhr: Immer noch läuft die Spurensuche auf Hochtouren. Kriminaltechniker konzentrieren sich auf die Shisha-Bar „Midnight“. Fast unbemerkt hat sich unterdessen an der Ecke des Hotels „Zum Riesen“ ein erster Ort zum Trauern gebildet, einen Meter vor der Polizeiabsperrung liegen Blumensträuße.

Klaus Gutschalk hat bereits seine Einkäufe erledigt. Brot, Wurst Käse. Einen Blumenstrauß hat er deshalb „ganz spontan“ gekauft und macht einen kurzen Abstecher zum Heumarkt. Er legt die Blumen bedächtig zu den anderen dazu, die Trauerlichter brennen. „Ich habe das schon gestern Abend mitbekommen“, sagt Gutschalk. „Das hat mich sehr betroffen gemacht, dass so etwas in unserer Stadt passiert. Das ist unfassbar.“

Hanau: Angehöriger nach Anschlag - „Hätte ich nie im Leben gedacht“

Einen Block weiter, am Kanaltorplatz, haben sich einige Hanauer versammelt, die aus der Türkei stammen. Tee und Kaffee stehen auf dem Bistrotisch, doch keiner greift danach. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Kemal Kocak. Der 46-Jährige hat kein Auge zugemacht. Sein Sohn ist der Besitzer des Kiosks am Kurt-Schumacher-Platz. „Die Polizei hat mich angerufen, ich musste zum Tatort kommen“, sagt er und fährt mit leiser Stimme fort: „Es war ein Blutbad.“ Sein Sohn war an diesem Abend nicht hinter dem Tresen. „Alle sind erschossen worden. Unser Mitarbeiter und einer meiner Neffen.“ Fotos von den Opfern kursieren in der Runde. Kemal kannte sie alle, nennt ihre Namen: „Ferad, Gökan, Aris, Hamser und Mercedes.“

Kocak kann es nicht fassen: „Ich bin in Hanau* geboren. Dass so etwas passiert, hätte ich nie im Leben gedacht.“ Seine Landsleute ringsherum werfen sich vielsagende Blicke zu. Keiner kann es verstehen.

Dann kommen weitere Polizeiautos. Doch diesmal sind es schwarze Limousinen. Innenminister Peter Beuth will sich einen Überblick verschaffen, spricht mit Ermittlern. Dann verlässt er den Ort des Geschehens ohne ein Wort. Vor dem Hotel gegenüber werden derweil immer mehr Blumen abgelegt.

Von Monica Bielesch und Thorsten Becker

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*op-online.de und fr.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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