Berufstaucher überwachen Unterwasserbauarbeiten an Großbaustelle

Auf Tauchgang in Nordwest

Ab geht’s ins Wasser: Bis zu drei Stunden bleiben Berufstaucher in den Fluten.
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Ab geht’s ins Wasser: Bis zu drei Stunden bleiben Berufstaucher in den Fluten.

Ein lautes Schnaufen, ein beherzter Griff, ein Wuchten und Ruckeln – dann sitzt er auf dem Kopf. Der gelbe Tauchhelm sieht aus wie von anno dazumal. Die Funkverbindung wird gecheckt, ebenso die Luftzufuhr. Alles passt. Für Riaan van der Merwe geht’s ab ins Wasser.

Hanau - Doch der gebürtige Südafrikaner begibt sich nicht etwa hobbymäßig in die kühlen Fluten, um Fische zu beobachten. Van der Merwe ist Berufstaucher. Unter Wasser sieht er in der Regel nicht viel. Meistens nichts. Heute taucht er – bepackt mit der 70 Kilo Ausrüstung – mit seinem Arbeitgeber, dem Hanauer Tauchunternehmen Kerlen Taucher, an der Elsa-Brändström-Straße. Das klingt zunächst überraschend, denn dort finden sich weder Fluss noch See. Nicht mal ein Tümpel. Vielmehr haben Bauarbeiten dort eine riesige Seenlandschaft in Baugruben entstehen lassen. Früher standen hier Lagerhallen – bald sollen drei Mehrfamilienhäuser in die Höhe wachsen, Kleespies aus dem Jossgrund ist der Bauträger. Doch das Grundwasser steht hoch. Ein Fall für die Kerlen Taucher.

„Wir sorgen dafür, dass die Baugruben trocken gelegt werden“, erklärt Karl Kerlen. Der Tauchmeister und Wasserbauarbeiter, der mit Kerlen Taucher national wie international auf Baustellen, in Hafenanlagen, beim Suchen und Bergen, in Kläranlagen und Talsperren unterwegs ist, überwacht von außen das Einfließen des Unterwasserbetons. Er muss dafür sorgen, dass das Grundwasser, mit dem die riesigen Gruben vollgelaufen sind – aktuell steht es genau 97 Zentimeter hoch – verschwindet. „Wir setzen den Stöpsel durch den Beton“, sagt er. Kontrollieren, dass sich der Beton richtig ausbreitet, dass kein Schlamm entsteht und sich der Beton nicht zersetzt, gehört zu den Aufgaben der Taucher.

Der Sauerstoff kann nicht ausgehen

Dass das klappen wird, weiß Kerlen aus langjähriger Berufserfahrung. Fünfeinhalb Jahre Ausbildung im handwerklichen und wasserbauspezifischen Bereich, inklusive Tauchausbildung, liegen hinter ihm. Mittlerweile ist er seit Jahrzehnten im Geschäft. Teilweise sind bei Kerlen bis zu 25 Taucher beschäftigt, fest angestellt sind acht. Van der Merwe ist einer von ihnen. „Ein alter Hase, schon lange dabei, mit viel Erfahrung“, sagt Kerlen.

Drei Stunden, manchmal sogar länger, sind die Taucher unter Wasser. Darüber, dass der Sauerstoff ausgeht, müssen sie sich dabei keine Sorgen machen. Er kommt über eine dicke Versorgungsleitung, in die auch die Funkverbindung integriert ist, von außen. „Es ist eher die Blase, die irgendwann drückt und eine Unterbrechung nötig macht“, sagt Kerlen und lacht. Van der Merwe überprüft derweil, wie hoch der Beton im Becken steht.

Angst vor dem eigenen Schatten

Es gilt, die Einbauhöhe einzuhalten, 60 Zentimeter sollen es genau werden. Das wird von oben mittels Laser und Messlatte erfasst. Wenn der Beton ausgehärtet ist, wird das Restwasser abgepumpt. „Man sieht da unten so gut wie nichts. Man erwartet aber auch nichts“, sagt van der Merwe. Ob das gruselig ist? Eigentlich nicht, er sei daran gewöhnt. Nur einmal ist der Berufstaucher mächtig erschrocken. Vor vielen Jahren sei das gewesen, in einer Kläranlage. „Ich hatte das Gefühl, dass da unten irgendetwas ist. Das habe ich dann den Kollegen draußen auch per Funk mitgeteilt. Diese hatten auch eine Videoüberwachung und beruhigten mich, dass dort nichts sei. Doch dann sah ich wieder diesen Schatten“, erzählt van der Merwe. Dann lacht er: „Wie sich schließlich herrausgestellt hat, war dieser Schatten mein eigener Arm.“

Falls der Taucher doch in eine Gefahrensituation kommen sollte, hat das Team, das vor Ort mindestens aus drei Leuten besteht, immer eine weitere Ausrüstung und einen Sicherheitstaucher dabei, der im Notfall eingreifen kann. Unterdessen meldet van der Merwe per Funk die verdiente Pause an. Zu zweit wird er von der Leiter aus dem Wasser gehievt. Und ist sichtlich erleichtert, dass die 70 Kilo Balast jetzt erst einmal von ihm abfallen.

Von Kerstin Biehl

Beim Anlegen der Tauchausrüstung benötigt der Berufstaucher Hilfe – immerhin wiegt sie um die 70 Kilo.
Karl Kerlen spricht über Funk mit dem Taucher.
Während ein Arbeiter den Beton einfließen lässt, achtet Berufstaucher Riaan van der Merwe darauf, dass sich das Gemisch korrekt verteilt.
Keine Schwimmbecken sondern Baugruben: In der Elsa-Brändström-Straße herrscht Land unter.

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