Doch kein Bernsteinzimmer

Baustelle im Neustädter Rathaus hält trotzdem Überraschungen bereit

Ein Teilstück einer historischen Treppe ist bei den Bauarbeiten im Keller des Neustädter Rathauses freigelegt worden. Es soll bei der Sanierung erhalten bleiben. Fotos: Stassig
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Ein Teilstück einer historischen Treppe ist bei den Bauarbeiten im Keller des Neustädter Rathauses freigelegt worden. Es soll bei der Sanierung erhalten bleiben. 

Der Spitzname drückt die Erwartungen aus, die mit dem Fund im Gewölbekeller des Rathauses einhergingen. Wirkliche Schätze fanden sich im „Bernsteinzimmer“ allerdings nicht. Lediglich ein paar alte Zeitungen, die die Bauarbeiter in einem Pappkarton gesammelt haben. 

Hanau - Auf einem Fetzen ist die Jahreszahl 1892 zu lesen. In einer anderen Kiste bewahren sie alte Schlösser, Scherben und sogar ein paar Knochen auf, vermutlich von Tieren, und warten darauf, dass das Denkmalamt die Fundstücke abholt.

Das „Bernsteinzimmer“, ein schmaler Raum im Keller, war eine von mehreren Überraschungen, die beim Entkernen des Rathauses zutage traten – die bei der Sanierung von Bestandsgebäuden aber nicht ungewöhnlich sind, wie die Fachleute versichern. Die Sanierung des Neustädter Rathauses am Marktplatz läuft auf Hochtouren. Im Sommer 2018 hatten vorbereitende Arbeiten begonnen, seit diesem Frühjahr ist das Gebäude eingerüstet. Gestern hatten Mitglieder des Magistrats und Vertreter der Presse die Möglichkeit, die Baustelle zu besichtigen.

Fundstücke wie Scherben, alte Schlösser und sogar Knochen haben die Bauarbeiter zusammengetragen.

Das Rathaus wird derzeit komplett entkernt. Über ein Förderband wird Bauschutt aus dem Keller nach oben transportiert. Vor allem das Untergeschoss hielt für die Bauarbeiter einige Überraschungen bereit – von fehlenden Fundamenten bis zu verborgenen Räumen. Eben jenes „Bernsteinzimmer“, das in den Plänen nicht verzeichnet war und vorsichtig geöffnet wurde. „Die Vorfreude war letztlich spannender als die Entdeckung selbst“, räumt Bürgermeister Axel Weiss-Thiel (SPD) ein.

Nach außen sichtbar ist der fehlende Rathausbalkon, der zur Restaurierung abtransportiert wurde. Die Experten des Denkmalschutzes haben angemahnt, künftig sorgsamer mit dem historischen Geländer umzugehen, so Weiss-Thiel.

Das Neustädter Rathaus wurde erstmals ab 1723 erbaut und nach dem Zweiten Weltkrieg wiederhergestellt. Seit fast sieben Jahren ist es wegen Brandschutz-Mängeln weitgehend ungenutzt. Eine Sanierung war aus Geldmangel immer wieder verschoben worden.

Blick ins „Bernsteinzimmer“: Der Raum im Gewölbekeller war in den Plänen nicht verzeichnet.

Die Kosten für den aktuellen Umbau waren ursprünglich mal mit 5,5 Millionen Euro kalkuliert, inzwischen rechnet die Stadt schon mit 9,2 Millionen Euro. Ein Grund sind, wie berichtet, die Decken: Sie entsprechen nicht den statischen und brandschutztechnischen Anforderungen und müssen deshalb verstärkt werden. Bei normaler Nutzung des Gebäudes hätte zwar keine Gefahr bestanden, erläutern die Fachleute. Bei einem Brand wäre die Decke aber vermutlich eingestürzt.

Ab dem nächsten Jahr soll das entkernte Gebäude im Innern nach und nach neu aufgebaut werden. Wie Hiltrud Herbst, Leiterin des städtischen Eigenbetriebs Immobilien- und Baumanagement, erläutert, sollen zunächst das Treppenhaus und der Schacht für den Lift in Angriff genommen werden, die Decken sollen folgen. So genannte Brettsperrholz-Stapeldecken in 28 Zentimeter Dicke sollen die vorhandenen Decken verstärken.

Nach derzeitigem Stand sieht der Zeitplan vor, dass die Arbeiten im Frühjahr 2021 fertig sein sollen. Um Verzögerungen zu kompensieren und Zeit zu gewinnen, wurde die Dacheindeckung vorgezogen. Diplom-Ingenieur Martin Geck vom Architekturbüro Schrammel (Augsburg), das die Sanierung im Auftrag der Stadt plant und überwacht, stellt jedoch klar: „Es gibt Szenarien, die wir einfach noch nicht abschätzen können.“

VON KATRIN STASSIG

An der Willy-Brandt-Straße in Hanau sollen fünf Gebäude mit insgesamt 156 Wohnungen entstehen. Vor allem in einer Sache ist der Investor gefragt.

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