Folgenreiches Wildpinkeln

Blutiger Showdown vor dem Klinikum: Mammutprozess um Gewaltexzess startet mit neun Angeklagten

Mammutprozess: Der Hindemith-Saal im Congress Park ist erneut zum Gerichtssaal umfunktioniert.
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Mammutprozess: Der Hindemith-Saal im Congress Park ist erneut zum Gerichtssaal umfunktioniert.

Es ist nicht nur eine logistische, sondern auch eine juristische Herausforderung: Neun Männer im Alter von 17 bis 30 Jahren müssen sich seit Donnerstag vor der 2. Strafkammer am Hanauer Landgericht dafür verantworten, was am Abend des 28. April in der Innenstadt geschehen ist.

Hanau – Wenige Wochen nach dem rassistisch motivierten Anschlag von Tobias R. am 19. Februar mit zehn Toten hatten die unklare Lage mitten in Hanau sowie ein Großaufgebot der Polizei, die zunächst nach unbekannten Tätern fahndete, kurz für Aufregung gesorgt.

Der Grund für den Gewaltexzess mit zum Teil lebensgefährlichen Verletzungen ist völlig nichtig. Das bestätigt Alan S. (30). Er macht zum Prozessauftakt als erster eine Aussage – während die meisten anderen Angeklagten über ihre Verteidiger erklären lassen, dass sie zu den schweren Vorwürfen zunächst schweigen wollen. „Er hat Pipi gemacht“, sagt S. und meint damit Azad S., seinen Kumpel, der vor ihm auf der Anklagebank sitzt.

Hanau: Zwei Angeklagten hatten jeweils eine Dose „Jacky Cola“ getrunken

Beide Syrer sind an diesem Abend auf dem Freiheitsplatz unterwegs. Dann habe Azad S. in der Nähe des Finanzamts ein dringendes Bedürfnis verspürt. Zuvor hätten beide jeweils „Jacky Cola“ getrunken. „Wie viel? Haben Sie das gemischt?“, will es die Vorsitzende Richterin Dr. Katharina Jost ganz genau wissen.

„Nur eine Dose, die ist schon gemischt“, kommt es prompt zurück. „In meiner Jugend haben wir das noch selbst zusammengeschüttet“, entgegnet die Vorsitzende und sorgt für Schmunzeln im Saal.

Alan S. bestätigt in seiner Aussage jedoch ziemlich genau, was Staatsanwalt Markus Jung den neun Männern zuvor mit der Anklageschrift zur Last legt. Der „Wildpinkler“ bleibt an jenem Abend nicht unbeobachtet. Nur wenige Meter entfernt werden der Albaner Eraldo H. (26) und dessen Begleiterin Zeugen des Geschehens – und fühlen sich brüskiert.

Hanau: Albanische Gruppe habe es zunächst bei Drohungen belassen

So stehen sich der Syrer und der Albaner plötzlich gegenüber. Die gegenseitigen Anschuldigungen rutschen in die Fäkalsprache ab. „Ich habe versucht, Azad zurückzuhalten“, sagt Alan S., der die Kontrahenten im Saal identifiziert. „Der Albaner hat plötzlich ein Messer gezückt.“ Doch nichts passiert. Scheinbar entspannt sich die Situation.

Doch nur scheinbar. „Beide Seiten haben dann telefonisch Unterstützung gerufen“, so Staatsanwalt Jung weiter. So sei der Streit an der Rosenstraße erneut aufgeflammt, als die Streithähne ihre „Lager“ verstärkt hatten. „Es waren vier oder fünf Albaner – die hatten alle Messer in der Hand“, sagt der 30-Jährige, dessen jüngerer Bruder nun auch dabei ist – bewaffnet mit einem Besenstil aus Metall. Doch die albanische Gruppe habe es zunächst nur bei der Bedrohung belassen und sei dann „geflüchtet“, wie es Alan S. ausdrückt. „Da waren offenbar zu viele andere Leute, die das gesehen haben.“

Zum Showdown kommt es laut Staatsanwaltschaft dann an der Langstraße, wenige Meter vom Haupteingang des Klinikums entfernt. „Gürtel, Messer, Metallstangen, Fäuste“, benennt der Ankläger das Arsenal. Innerhalb weniger Sekunden eskaliert die Gewalt.

Prozess in Hanau: Alan S. wisse nicht mehr, wer sein Angreifer gewesen sei

Am Ende sind es vier Schwerverletzte, einige davon in einer lebensgefährlichen Situation, so Jung, der bis ins kleinste Detail die Platzwunden, Schnitt- und Stichverletzungen aufzählt. Die vier schleppen sich selbst bis in die Notaufnahme des Klinikums. Einige von ihnen bleiben mehrere Tage in stationärer Behandlung. Was der Polizei die Arbeit erleichtert. Denn nach zwei ersten Festnahmen werden schließlich die mutmaßlichen Haupttäter noch im Krankenbett verhaftet. Angesichts der Schwere der Verletzungen lautet die Anklage in vier Fällen daher auf versuchten Totschlag gegen drei Albaner und einen Syrer. Sie hätten „billigend in Kauf genommen“, dass die Kontrahenten hätten sterben können. Die restlichen Angeklagten müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Alan S. versteckt sich nicht, gibt seine Tatbeteiligung zu. „Die haben auf uns gewartet“, gibt er zu Protokoll. Ein Kontrahent sei mit einem Messer auf ihn zugekommen. „Ich habe ihn mit meinem Gürtel geschlagen.“ Ob er denn noch wisse, wer der Angreifer gewesen sei, will die Vorsitzende wissen. „Das weiß ich nicht mehr, es war ein Durcheinander, alles ging ganz schnell“, meint Alan S., der unverletzt bleibt, und stellt aus seiner Sicht fest: „Ich wollte mich nur verteidigen. Er ist nicht mein Feind.“ Ob er denn auch noch mit anderen gekämpft habe? „Nein, ich bin ja nicht Jean-Claude van Damme“, gibt sich der Angeklagte mit Verweis auf den berühmten Actiondarsteller bescheiden. Das „Durcheinander“ dürfte nun zur Herkulesaufgabe für die Juristen werden, die den neun Männern die mutmaßlichen Verbrechen zuordnen müssen.

Verhandlung wurde in den Congress Park Hanau verlegt

Und das braucht Zeit. Daher hat die Strafkammer den Prozess bereits bis in den Februar terminiert, um alle Angeklagten, Zeugen und Sachverständigen vernehmen zu können.

Wegen der verschärften Hygieneregeln ist die Verhandlung vom Landgericht in den Paul-Hindemith-Saal des Congress Parks verlegt worden. Denn für neun Angeklagte, neun Verteidiger und ebenso viele Dolmetscher sowie Richter, Staatsanwälte, und Öffentlichkeit wäre im Justizzentrum an der Nussallee ohnehin kaum genügend Platz vorhanden. Im CPH ist es bereits das dritte Mammutverfahren in diesem Jahr.

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