Fragen und Antworten

Bomben auf Pioneer: Warum läuft die Suche noch, während die Ersten schon einziehen?

Während die ersten Bewohner bereits auf dem Pioneer Gelände einziehen, läuft die Suche nach weiteren Bomben. Wieso erst jetzt gesucht wird, klären wir auf.

  • Noch immer läuft die Suche nach Bomben auf dem Pioneer Park in Hanau
  • Die ersten Bewohner ziehen bereits in ihre Wohnungen
  • Wir klären, wieso die Suche noch nicht abgeschlossen ist

Hanau – Die ersten Bewohner haben in den vergangenen Wochen ihre neuen Wohnungen auf dem Pioneer-Areal bezogen. Doch die Freude darüber währte nur kurz. Schon nach wenigen Tagen mussten sie wieder raus aus ihrer neuen Bleibe – zumindest für einige Stunden. Denn bei Bauarbeiten gleich nebenan wurde eine 50 Kilo schwere Weltkriegsbombe gefunden. Damit diese entschärft werden konnte, wurde aus Sicherheitsgründen rundherum evakuiert.

Dieses Szenario wird auf Pioneer weiter zum Alltag gehören. Denn über das ehemalige Militärareal ist im Zweiten Weltkrieg ein Bombenhagel niedergegangen. Tief unter der Erde schlummern in den noch nicht erschlossenen Teilen heute noch viele Sprengkörper. Warum aber wurde das Gelände, das künftig 5000 Menschen ein neues Zuhause bieten soll, nicht vor Baubeginn von den gefährlichen Hinterlassenschaften befreit? Diese Frage hat kürzlich *HA-Leser Michael Neitzert in einem offenen Brief an Oberbürgermeister Claus Kaminsky aufgeworfen, und wir gehen ihr heute nach.

Im Juni 2019 wurde diese Weltkriegsbombe auf dem Pioneer-Areal gefunden und entschärft. Mittlerweile sind neun solcher Sprengkörper unschädlich gemacht worden. Es dürften noch einige weitere folgen – obwohl auf dem ehemaligen Militärgebiet bereits Menschen wohnen.

Neitzert kritisiert das Prozedere, Baugrube für Baugrube zu untersuchen und leitet daraus eine Gefährdung der neuen Pioneer-Bewohner ab. Obwohl es schon mehrere Funde gegeben habe, werde weiter gebaut. „Dass keine der Bomben unkontrolliert explodiert ist – da haben alle Beteiligten bisher wohl mehr Glück als Verstand gehabt“, meint er und mahnt eine vollständige Räumung an. Diese Sorgfalt seien die Verantwortlichen den Bürgern in und um Pioneer schuldig. „Man denke nur an die zu erwartenden vielen spielenden Kinder über Jahre und Jahrzehnte – nicht nur im Park, auch in der näheren Umgebung“, schreibt Neitzert.

Kaminsky antwortete ihm seinerseits ebenfalls öffentlich, wies die Befürchtungen zurück und erläuterte die Hintergründe. Wir haben der Stadt Hanau sowie dem zuständigen Regierungspräsidium (RP) Darmstadt Fragen zum Thema gestellt und geben im Folgenden einen Überblick.

Warum wurde Pioneer nicht vor Beginn der gesamten Arbeiten komplett auf Kampfmittel untersucht und gleich geräumt?
Dazu sagt Christoph Süß, Sprecher des RP Darmstadt, es spreche nichts dagegen, dass Sondierungen Schritt für Schritt durchgeführt werden. Diese Vorgehensweise werde in vielen Bereichen unter Beachtung von geltenden Sicherheitsvorschriften angewendet und liege in der Verantwortung beziehungsweise im Ermessen des Bauherrn beziehungsweise Eigentümers/Investors. Dieser trage dafür auch die Kosten. „Selbstverständlich finden auf Pioneer flächendeckend Oberflächensondierungen statt. Auch dort wo absehbar nicht gebaut wird, zum Beispiel auf Grünanlagen, wird nach Kampfmitteln gesucht“, betont die Stadt Hanau. Laut Stadt Hanau ist es „weder technisch noch praktisch machbar, das gesamte Gelände kampfmittelfrei zu machen, bevor nicht die Baugruben ausgehoben werden“. Konkrete Befunde stellten sich trotz sorgfältiger Voruntersuchung oft erst baubegleitend heraus.
Werden auf Pioneer alle Vorschriften eingehalten, was die Sondierung betrifft?
Dazu erklärt Süß: „Die Arbeiten werden umsichtig und unter Berücksichtigung der geltenden Vorschriften durchgeführt. Die Baustellen werden wie üblich vom Arbeitsschutz und der Berufsgenossenschaft kontrolliert.“ Generell gelte: „Liegen Verstöße vor, werden die Bauherren zur sofortigen Beseitigung aufgefordert. Erfolgt keine Behebung der Mängel, müssen die Tätigkeiten eingestellt werden.“
Nach welchem Schema läuft die Sondierung auf dem einstigen Militärareal?
Die Sondierung erfolgt laut Stadt „im Einklang mit den Verfahrensempfehlungen des RP Darmstadt“ (siehe Kasten). Bei den Bombenfunden im Pioneer Park – und nicht nur dort – handele es sich „mitnichten um unvorhergesehene Zufallsfunde, deren Entdeckung zu einer Gefährdung hätten führen können“, stellt die Stadt Hanau klar. Vielmehr sei das Aufspüren dieser Weltkriegsbomben das „Ergebnis einer hochprofessionellen und effizienten Kampfmittelsondierung zur Baufeldvorbereitung“ gewesen. „Denn ohne diese Sondierungsarbeiten dürfen Erdaushubarbeiten in früheren Bombenabwurfgebieten und damit kritischen Arealen gar nicht erst beginnen“, teilt die Stadt Hanau mit . . .
Welche Voruntersuchungen sind erfolgt?
Zum Prozedere gehörten die historische Erkundung und gewissenhafte Auswertung von Luftbildern, die Kontrolle der Flächen mittels rechnergestützter Datenaufnahme (Oberflächensondierung per Geomagnetik, Elektromagnetik oder auch Geo-Radar nach Stand der Technik), manuelle Sondierung bis hin zur konkreten Untersuchung festgestellter Anomalien als Ergebnis der Flächensondierung sowie wenn nötig deren Bergung und die Freigabe des Baufeldes. Jeder Schritt werde durch Spezialfirmen und in enger Abstimmung mit dem in Hessen zuständigen RP Darmstadt abgearbeitet und dokumentiert.
Wird derzeit auch sondiert?
„Zurzeit laufen die Sondierungsarbeiten wieder täglich rund zehn Stunden, unter anderem auch um den Verzug aus dem Corona-Lockdown einzuholen“, heißt es in der Antwort aus dem Rathaus.#
Wie kann eine Gefährdung der bereits auf Pioneer wohnenden Menschen ausgeschlossen werden, wenn direkt neben den aktuellen Baugebieten noch Bomben liegen?
Es erfolge jeweils im Einzelfall vorsorglich eine Evakuierung. Für den Fall, dass eine Weltkriegsbombe gefunden wird, gebe es eingespielte Verfahrensabläufe zwischen allen beteiligten Behörden, die „mit großer Umsicht dafür Sorge tragen, dass niemand durch diese Kriegsaltlasten zu Schaden kommt“.
Wie viele Bomben sind bisher entdeckt worden und wann?
Bisher wurden neun Bomben gefunden. Sieben davon in den Jahren 2018/19 (Beginn der Sondierung im Mai 2018, Beginn der Bodeneingriffe Oktober 2018) und zwei Stück im Jahr 2020. Nicht alle Bombenfunde haben einen Einsatz von Feuerwehr, Rettungsdiensten und Katastrophenschutzeinheiten oder eine Evakuierung der Nachbarschaft nach sich gezogen. Je nach Lage, Größe, Art des Zünders und Zustand konnten sie laut Stadt zum Teil problemlos vom Kampfmittelräumdienst des Landes Hessen entschärft und entfernt werden.
Wie viele Bomben liegen noch auf Pioneer?
Das ist laut Stadt unmöglich zu beziffern. Bisher wurden nach Angaben der Stadt rund 60 Prozent des Gesamtareals sondiert. Laut RP-Sprecher Süß ist es „nicht ungewöhnlich, dass Pioneer so schwer belastet ist und dort immer wieder etwas gefunden wird“.
Wie teuer war die Kampfmittelsondierung bisher?
Allein für die Vorerkundung und Kampfmittelbegleitung der Fachfirmen wurde laut Stadt Hanau bislang schon ein mehrstelliger Millionenbetrag ausgegeben.
Wie viele Bomben wurden im Zweiten Weltkrieg über Hanau abgeworfen?
Über Hanau ging wie über viele andere Städte Deutschlands im Zweiten Weltkrieg ein zerstörerischer Bombenhagel nieder, bilanziert die Stadt. Es gab von 1940 bis 1945 mehr als 40 Bombenabwürfe der alliierten Luftstreitkräfte. Dabei wechselten sich die britische Royal Air Force (nachts) und die US Army Air Force (tagsüber) ab. Die schwersten Luftangriffe fanden am 6. Januar 1945 und schließlich am 19. März 1945 statt. Die Flächenbombardements führten zur nahezu vollständigen Zerstörung der Innenstadt. Über dem Stadtgebiet wurden nach städtischen Angaben 3554,3 Tonnen Sprengbomben und 1664,5 Tonnen Brandbomben abgeworfen. Dazu kamen am 6. Januar 1945 rund 470 000 und am 19. März 360 000 (kleine) Stabbrandbomben. „Vor diesem Hintergrund versteht es sich von selbst, dass vor der Bauausführung nahezu überall in Hanau – wie in vielen anderen deutschen Städten auch – besondere Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten sind und eingehalten werden“, so die Stadt.
Wie viele Menschen sind bereits auf Pioneer eingezogen? Welche Einzelprojekte folgen noch?
Derzeit wird der erste Bauabschnitt im Triangle Housing bezogen, insgesamt 48 Wohnungen. Dabei handelt es sich laut Stadt um drei Gebäude à 16 Wohnungen. Ein Gebäude sei komplett bezogen, eines übergeben (derzeit laufen die Einzüge), und beim dritten laufen derzeit die Abnahmen/Übergaben. Der Bezug sei bis Ende des Monats vorgesehen. Bauabschnitt zwei werde ab Herbst übergeben/bezogen, die weiteren Bauabschnitte im Triangle Housing (insgesamt sind es sechs) folgten dann quartalsweise. Parallel sind die Hochbaumaßnahmen auf dem restlichen Gelände angelaufen, hier sei 2021 mit den ersten Fertigstellungen zu rechnen. Hinzu kommen viele Grundstücke, die an Privatleute und Projektentwickler verkauft wurden.
Mehrere Bomben wurden bereits auf dem Hanauer Pioneer Gelände entdeckt

Wer die Sondierung und Räumung von Weltkriegsbomben beauftragen und bezahlen muss

Wenn eine Stadt ein neues Baugebiet plant, muss laut dem Sprecher des zuständigen Regierungspräsidiums (RP) Darmstadt, Christoph Süß, zunächst eine Anfrage durch den Bauherren beziehungsweise Eigentümer oder Investor an den Kampfmittelräumdienst (KMRD) erfolgen – mit der Bitte um Stellungnahme, ob auf dem betroffenen Baugrundstück eine Belastung durch Kampfmittel vorliegt (sogenannte historische Erkundung). Anhand der dem KMRD vorliegenden Kriegsluftbilder werde eine Auswertung durchgeführt und das Ergebnis dem Antragsteller in Form einer Stellungnahme mitgeteilt.Im Falle einer vermuteten Belastung durch Kampfmittel wird darin laut RP auch das weitere Vorgehen beschrieben. Die Kosten für die Kampfmittelräumung (Sondieren, Bergen, Zwischenlagern) sind laut RP-Sprecher Süß vom Antragsteller, Interessenten oder sonstigen Berechtigten (zum Beispiel Eigentümer oder Investor) zu tragen. Die genannten Arbeiten seien von diesen selbst bei einer privaten Fachfirma (Kampfmittelräumfirma) in Auftrag zu geben und zu bezahlen. Die Ausführende private Kampfmittelräumfirma erteile nach Beendigung der Sondierarbeiten eine Freigabe. Sie sei für diese Freigabe verantwortlich. Lediglich den Abtransport zur Vernichtung der Kampfmittel, gegebenenfalls auch die Entschärfung vor Ort und die Vernichtung der gefundenen Kampfmittel (nur solche aus dem Weltkrieg) übernehme der KMRD. Dieser komme nur, wenn bei den Sondierungen tatsächlich etwas gefunden werde und entschärft (geräumt) werden müsse. Die Voranfrage beim RP sei also noch nicht die eigentliche Sondierung, betont Süß.

Im Bauleitplanverfahren hat die planende Gemeinde Hinweise auf vorhandene Kampfmittel aufzunehmen, ein entsprechender Hinweis ist laut Stadt Hanau im Bebauungsplan Pioneer enthalten. Der Ablauf der Kampfmittelsondierung und -beseitigung sei nicht Gegenstand des Bauleitplanverfahrens, sondern der nachfolgenden Verfahren, erklärt die Stadt Hanau. cd - *hanauer.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © Reinhard Paul

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