AUS DEM GERICHT

Buben mit Internetgutscheinen gelockt: Kita-Betreuer gesteht 51 Fälle des Kindesmissbrauchs über WhatsApp

Tatort Internet: Über den Messenger-Dienst WhatApp soll ein Kita-Erzieher acht Buben sexuell missbraucht haben. Symbol
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Tatort Internet: Über den Messenger-Dienst WhatApp soll ein Kita-Erzieher acht Buben sexuell missbraucht haben. Symbol

Mit einem Aktendeckel vor dem Gesicht kommt der 26-jährige B. in Begleitung seines Pflichtverteidigers Peter Oberländer zum Saal 215 des Hanauer Landgerichts. Bis zum offiziellen Beginn der Hauptverhandlung vor der 2. Großen Strafkammer am Hanauer Landgericht hält er sich die Pappe vor das Gesicht.

Hanau – Hat er etwas zu verbergen? Wohl kaum, denn die Beweislage scheint bereits vor dem Prozessauftakt erdrückend zu sein. Warum B. sein Gesicht zunächst verbirgt, erklärt er wenig später in seinem umfassenden Geständnis: „Ich schäme mich dafür und bereue es.“

Dazu hat er auch allen Grund, denn die Vorwürfe, die Staatsanwältin Juliane Thierbach in der Anklage nennt, sind schier unglaublich. B., der bis zu seiner Festnahme im Oktober 2019 in Frankfurt eine Ausbildungals Kita-Betreuer absolviert hatte, soll 2019 über mehrere Monate hinweg acht Jungen im Alter zwischen zehn und 13 Jahren über das Internet kontaktiert haben.

Angeklagte soll Kinder zum gegenseitigen Sex verleitet haben

Die perfide Masche: Er soll das bei Kindern offenbar sehr beliebte Internet-Ballerspiel „Fortnite“ genutzt haben, um mit den Jungen dann über WhatsApp zu kommunizieren. In den Textnachrichten soll B. den Buben Gutscheine für die Erweiterung des Internetspiels versprochen und im Gegenzug Kinderpornografie verlangt haben. „Cybergrooming“ (sinngemäß: Internet-Anbahnung) heißt das im Fachjargon.

„Die Kinder haben ihm dann Nacktfotos sowie Videos mit sexuellen Handlungen geschickt“, fasst die Staatsanwältin die Vorwürfe zusammen, die sie in allen Einzelheiten vortragen muss. Während sie 50 Fälle als sexuellen Missbrauch von Kindern einstuft, der mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe geahndet wird, soll es sich auch um einen besonders schweren Fall handeln, weil B. die Kinder zu gegenseitigem Sex verleitet haben soll. Darauf steht laut Strafgesetzbuch bis zu 15 Jahren Gefängnis.

Schämt sich: Der Angeklagte verbirgt sein Gesicht, als er mit seinem Pflichtverteidiger Peter Oberländer vor Gericht erscheint.

Was außerdem zu seinen Lasten gewertet werden könnte, ist der Vorwurf, er soll die Buben neben den Belohnungen auch unter Druck gesetzt haben. Insgesamt benötigt Thierbach fast 40 Minuten, um die umfassende Anklageschrift vorzutragen.

Polizei verhinderte möglichen Missbrauchsfall

Dass es beinahe nicht nur beim virtuellen Missbrauch über das Internet geblieben ist, zeigt der letzte Vorwurf: Mit einem der Buben soll B. ein reales Treffen geplant haben, bei dem es ebenfalls um sexuelle Handlungen und damit einen körperlichen Missbrauch hätte gehen sollen.

Doch glücklicherweise verhindert die Hanauer Polizei diesen möglichen Missbrauchsfall. Denn im September bekommen zunächst die Ermittlungsbehörden in Nordrhein-Westfalen einen Hinweis. Eines der Opfer offenbart sich seinen Eltern. Daraufhin werden umfangreiche Ermittlungen in Gang gesetzt, der 26-Jährige als mutmaßlicher Täter über das Internet identifiziert und seine Telefone überwacht.

Dort bekommen die Fahnder auch den Hinweis, dass B. ein Treffen mit einem der Jungen plant. Eine Zivilstreife der Hanauer Kripo greift ein und nimmt den Verdächtigen fest. Bei einer Wohnungsdurchsuchung werden Hunderte von kinderpornografischen Fotos sowie Videos sichergestellt.

„Der Reiz lag darin, etwas Verbotenes zu machen.“

Bereits vor der Haftrichterin legt B. ein umfassendes Geständnis ab. Vor der 2. Großen Strafkammer unter der Vorsitzenden Richterin Dr. Katharina Jost wiederholt er das Geständnis. Wohl in der Hoffnung, dass er dadurch vielleicht einer höheren Gefängnisstrafe entgehen könnte.

„Ich habe die Kinder manipuliert und ich habe sie emotional unter Druck gesetzt“, sagt B. aus. Er selbst behauptet, keineswegs pädophil und homosexuell zu sein, sondern heterosexuell. Die Trennung seiner Freundin sowie ein Suizid im Freundeskreis habe ihn in ein tiefes Loch fallen lassen. Ihm habe „der Sex gefehlt“. Zudem habe er angeblich viel Alkohol konsumiert, trägt der Angeklagte als Entschuldigungsversuch vor. Sein Versuch, die Taten zu begründen: Ganz am Anfang sei er per Zufall auf einen Link zu Kinderpornografie geraten. „Der Reiz lag darin, etwas Verbotenes zu machen.“ Den realen Kontakt habe er tatsächlich nicht gewollt, gibt er an. Doch die Vorsitzenden Richterin hat deutliche Zweifel: „Ich habe Schwierigkeiten, Ihnen das zu glauben.“

Die umfangreichen Angaben des Angeklagten am ersten Verhandlungstag haben aber wenigstens einen kleinen Vorteil für die jungen Opfer: Ihnen bleibt damit sehr wahrscheinlich eine psychisch sehr belastende Zeugenaussage vor dem Landgericht erspart. (Von Thorsten Becker)

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