Brückenschlag nicht gelungen

CDU kitzelt im Parlament mit Antrag zu Helmut-Kohl-Brücke humoristische Antworten heraus

Auch Willy Brandt war ein Brückenbauer und Wegbereiter in Sachen deutscher Einheit, gab die CDU-Stadtverordnete Hildegard Geberth mit Blick auf die Willy-Brandt-Straße zu bedenken, die über die Gleise in Richtung Hauptbahnhof führt. Da biete sich auch eine Helmut-Kohl-Brücke für Hanau an.
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Auch Willy Brandt war ein Brückenbauer und Wegbereiter in Sachen deutscher Einheit, gab die CDU-Stadtverordnete Hildegard Geberth mit Blick auf die Willy-Brandt-Straße zu bedenken, die über die Gleise in Richtung Hauptbahnhof führt. Da biete sich auch eine Helmut-Kohl-Brücke für Hanau an.

Der Versuch von Oberbürgermeister Claus Kaminsky, sich selbst in der vergangenen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung an seiner eigenen Wortmeldung zu hindern, wie er es formulierte, schlug am Ende fehl. Nach einer 20-minütigen Diskussion darüber, ob in Hanau eine Brücke nach Helmut Kohl benannt werden solle und ob und wenn ja, wie, die CDU den Ortsbeirat in seiner Zuständigkeit übergangen habe, seufzte Kaminsky, dass viele von Coronasorgen geplagte Bürger sich fragten, ob die Brückenbenennung wirklich Hanaus vordringlichstes Problem sei.

Hanau – Die Diskussion über den CDU-Antrag, der schließlich von den Koalitionsfraktionen und den Republikanern sowie den beiden fraktionslosen Abgeordneten bei einer Enthaltung der FDP abgelehnt wurde, ließ sich mit gutem Willen als Ausdruck einer Sehnsucht der Kommunalpolitiker nach Leichtigkeit in schweren Zeiten interpretieren. Diese boten jedenfalls bei aller Ernsthaftigkeit originelle und witzige Redebeiträge.

Zumindest, nachdem sich die CDU-Fraktionsvorsitzende Isabelle Hemsley zu dem „blöden Fehler“ bekannt hatte, im ersten Antrag die Steinheimer Brücke mit der Hellentalbrücke verwechselt zu haben. Dass diese falsche Benennung „ein solches Schmierentheater“ ausgelöst habe – Hemsley bezog sich auf Anschuldigungen und Vorwürfe in Leserbriefen und Pressemitteilungen – sei des Kanzlers der Einheit und Europapolitikers genauso wenig würdig wie der CDU Hanau. Dass sich die Ortsbeiräte, denen ja das Vorschlagsrecht zur Benennung von Straßen und Plätzen zusteht, übergangen sehen, wollte Hemsley nicht sehen. Es gehe in diesem Falle ja „um Brücken“. Und davon sei beim Vorschlagsrecht nicht die Rede. Im Übrigen stünden die Verdienste Kohls um die Einheit außer Frage.

FDP Hanau forderte die CDU auf, den Antrag zurückzuziehen

Das rief nun Holger B. Vogt auf den Plan. Der FDP-Fraktionsvorsitzende dankte Hemsley für ihre Einsichtsfähigkeit, bescheinigte ihr aber Spitzfindigkeit. Nach einem Hinweis auf Kohls Spendenaffäre, die ihn die Ehrenmitgliedschaft in der CDU kostete, schlug Vogt eine Brücke nach Hanau. Er legte der CDU nahe, ihren Antrag zurückzuziehen. Dann könne man gemeinsam mit den Ortsvorstehern überlegen, wie man die drei Staatsmänner Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher angemessen ehren könnte, die ursprünglich als potenzielle Namensgeber vorgeschlagen worden waren. Nicht die anderen Fraktionen hätten die Tür zur Verständigung über das Thema zugeschlagen. „Sie haben sich ausgegrenzt mit diesem Vorpreschen und haben dem Abwägungsprozess vorgegriffen“, so Vogt an Hemsleys Adresse.

Das mathematische Prinzip der partiellen Ableitung bemühte der Steinheimer Max Bieri (SPD), als er für die Ablehnung des Antrags plädierte. Der Mathematiker beleuchtete die formaljuristische, politische, persönliche und Zuständigkeitsdimension. Brücken gehörten auch zu öffentlichen Straßen (genauso wie Tunnel), klärte er Hemsley augenzwinkernd auf und fand, dass es nicht im Sinne des Brückenbauers Kohl sein könne, per Kampfabstimmung über eine nach ihm zu benennende Brücke zu befinden.

Hanau: Republikaner forderten eine Arbeitsgruppe zur Findung einer Lösung

Einen Zeitungsartikel vom Oktober 1974 nahm schließlich Bert-Rüdiger Förster (REP) zum Anlass, zur Mäßigung aufzurufen. „Ehe uns diese Frage spaltet, sollten wir uns ohne Zeitdruck in einer Arbeitsgruppe einigen“, schlug er vor. Der Zeitungsbericht zeigte, wie Förster ausführte, die drei damaligen FDP-Chefs Werner Dausien, Bert-Rüdiger Förster (der von 1972 bis 1977 der FDP angehörte und 1993 bei den REP eintrat) und Günter Schmidt (Ex-FDP-Kreisvorsitzender) auf einem Foto vor der Steinheimer Mainbrücke. Damals, zu Zeiten der Gebietsreform, sei die Brücke das verbindende Element gewesen. Dieses Verbindende wünsche er sich auch heute. OB Kaminsky befand, dass in Sachen Brückenbenennnung nur ein neuerlicher Anlauf bleibe, zumal die drei Namen Kohl, Schmidt und Genscher im Ortsbeirat durchgefallen seien. Mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, sei keine Lösung.

Auch der abschließende Appell von Hildegard Geberth (CDU) konnte keinen Meinungsumschwung herbeiführen. Sie wies als Initiatorin des Antrags darauf hin, dass die Straße, die von der Auheimer Straße über die Brücke zum Hauptbahnhof führt, Willy-Brandt-Straße heiße. Von Brandt, der mit seinem Erfurter Gespräch die Einheit vorbereitet und den Weg mit dem Kniefall von Warschau weiter geebnet habe, lasse sich doch wunderbar eine Brücke schlagen zum Kanzler der Einheit und zu Helmut Kohl.

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