Corona-Pandemie

Corona bremst Jugend aus: Leiterin der ask-Familienberatungsstelle weist auf Probleme junger Erwachsener hin

Die Mitarbeiter der ask-Familienberatungsstelle mit Leiterin Mechthild Sckell (links), führen zur Zeit nicht nur persönliche Beratungen in den Räumen am Pedro-Jung Park durch, sondern bieten auch digitale Formate an.
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Die Mitarbeiter der ask-Familienberatungsstelle mit Leiterin Mechthild Sckell (links), führen zur Zeit nicht nur persönliche Beratungen in den Räumen am Pedro-Jung Park durch, sondern bieten auch digitale Formate an.

„Die Jugend“, sagt Mechthild Sckell, „hat aktuell das große Problem, dass sie jung ist, ohne jung sein zu dürfen.“ Sckell ist psychologische Psychotherapeutin, leitet die ask-Familienberatungsstelle und zeigt sich sehr besorgt über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Jugendliche und junge Erwachsene. Einige hätten schon Rat und Hilfe in der Beratungsstelle gesucht, die im Auftrag des Main-Kinzig-Kreises Eltern und Familien bei persönlichen und familiären Problemen unterstützt.

Hanau – Die Pandemie hat die Arbeit in der Beratungsstelle am Pedro-Jung-Park in Kesselstadt nicht weniger werden lassen – ganz im Gegenteil: „Wir haben alle Hände voll zu tun“, sagt Sckell bei einem Gespräch in einem Gruppenraum, der große Terrassentüren zum Lüften hat. 670 neue Anmeldungen von Ratsuchenden verzeichnet die Familienberatung insgesamt seit Januar. 870 Familien werden zur Zeit kontinuierlich betreut.

Sei beim ersten harten Lockdown im März noch eine Art Schockstarre zu spüren gewesen, so sei seitdem der Gesprächsbedarf bei den Klienten deutlich gestiegen, berichtet Sckell. Die Beratungsstelle, die vom Main-Kinzig-Kreis sowie dem Albert-Schweitzer-Kinderdorf, der als Träger fungiert, finanziert wird, konnte die Beratungen schnell auf digitale Kanäle umstellen. Die Klienten können sich über Videokonferenz, Telefon oder persönlich beraten lassen. Die meisten würden das persönliche Gespräch vorziehen. Aber für bestimmte Zielgruppen seien die digitalen Formate vorteilhafter, zum Beispiel für Eltern mit kleinen Kindern, die keine Betreuung finden.

Gerade bei Jugendlichen herrsche großer Gesprächsbedarf

Diese Variabilität bei den Beratungsformaten will das Team von Sckell beibehalten, auch wenn die Pandemie irgendwann überwunden sein sollte. Vor allem die Videoberatungen seien eine gute Alternative.

Sckell will gerade in dieser Zeit voller Herausforderungen für Familien, Eltern und Heranwachsende auf die Angebote der Familienberatung hinweisen. Und sie betont: „Wir arbeiten fast normal weiter.“ Gerade bei Jugendlichen sieht sie jetzt einen großen Gesprächsbedarf. Diese Altersgruppe würde vom Covid-19-Virus eher weniger gefährdet sein, wäre aber am stärksten von den Maßnahmen gegen Corona betroffen. „Sie dürfen keine Konzerte besuchen, keine Partys feiern, keine Reisen unternehmen und neue Kontakte schließen.“

Jugendliche sind einsam und gefrustet von der Situation

Beispielhaft erzählt sie die Geschichte einer jungen Frau, 19 Jahre alt. „Sie hat gerade Abitur gemacht, wollte jetzt eigentlich nach Australien reisen, um aus dem familiären Trott herauszukommen“, erzählt Sckell. Die Frau wollte die sich ständig streitenden Eltern hinter sich lassen und am anderen Ende der Welt neue Erfahrungen sammeln und selbstbewusster werden, um für ihr Studium gerüstet zu sein.

All das konnte die junge Frau nicht machen, stattdessen sitzt sie zu Hause bei den Eltern und nimmt online an den Seminaren ihres Pädagogikstudiums teil. „Sie ist einsam zu Hause, gefrustet über die Situation, voller Angst und Selbstzweifel“, berichtet Sckell und meint, dass diese Geschichte für viele dieser Generation von jungen Menschen zwischen 17 und 21 Jahren stehe.

Sie erzählt von jungen Studenten, die sich eigentlich schon abgenabelt hatten und nun wieder bei den Eltern einziehen müssen, weil sie keine Studentenjobs mehr finden, um ihre Unabhängigkeit zu finanzieren.

Heutige Jugend ist enger mit der Familie verbunden als frühere Generationen

Auch für die Eltern sei diese Situation schwierig. „Sie müssen die Balance finden zwischen der Unterstützung der Kinder, aber gleichzeitig auch ihren Autonomiebestrebungen gerecht werden.“ Die psychologischen Experten der Familienberatung sehen bei ihren Klienten, dass es aktuell viel Streit in den Familien gebe. Junge Menschen müssen online studieren oder lernen, haben sehr wenige soziale Kontakte mit Gleichaltrigen und seien auf ihre Eltern angewiesen. Sckell: „Da wird das Familienklima wesentlich wichtiger als sonst.“ Und sie resümiert: „Die jungen Erwachsenen zwischen 17 und 21 Jahren werden durch Corona in ihrem Ablöseprozess ausgebremst.“

Sie macht die Erfahrung, dass die heutige Jugend enger mit der Familie verbunden und einsichtiger sei als noch andere Generationen vorher. Das ist auch ein Ergebnis der Sinus-Jugendstudie 2020. „Die, die Krawall machen“, meint Sckell, „sind eine laute Minderheit.“

Feste Rituale für die Jugendlichen

Aufgabe der Familienberatung sei es, für Rat suchende junge Menschen eine Oase außerhalb der Familie zu sein, die Einsamkeit und Verzweiflung zu teilen und zu versuchen, Lösungen zu finden. „Wir ermutigen und begleiten die Jugendlichen, die oft mit ihren Eltern nicht mehr sprechen können, weil die andere Sorgen haben, zum Beispiel Arbeitslosigkeit“, berichtet die Psychotherapeutin.

In digitalen Spielekonsolen sieht sie eine große Gefahr für Heranwachsende. Wenn Jugendliche „nur noch“ am Computer oder an der Konsole spielen, sollten sich Eltern Sorgen machen. Sie rät Familien, in den Wochenplan feste Rituale einzubauen, beispielsweise einen gemeinsamen Heimkino-Abend mit Chips und Popcorn. Oder einen Spieleabend mit Brettspielen. „Hauptsache, die Familie macht etwas gemeinsam .“

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