Themenwoche 19. Februar: Schulpsychologinnen berichten von Einsätzen in Hanau

Damit Lehrer stabile Leuchttürme sein können

In der Krise nicht allein: Nach dem Anschlag vom 19. Februar waren viele Schüler verunsichert und verängstigt. Die Schulpsychologinnen des Staatlichen Schulamtes waren in den Wochen nach der Tat vor Ort und stabilisierten Kinder, Jugendliche, Lehrer und Schulleitungen.
+
In der Krise nicht allein: Nach dem Anschlag vom 19. Februar waren viele Schüler verunsichert und verängstigt. Die Schulpsychologinnen des Staatlichen Schulamtes waren in den Wochen nach der Tat vor Ort und stabilisierten Kinder, Jugendliche, Lehrer und Schulleitungen.

Der Anschlag von Hanau, bei dem am 19. Februar letzten Jahres neun Menschen durch die Hand eines von rechtsextremem Wahn getriebenen Mannes starben, war das ungeheuerlichste Ereignis, das die Stadtgesellschaft seit Ende des Krieges erlebte. Niemals zuvor hatte es in der Brüder-Grimm-Stadt, der Heimat von Menschen vieler unterschiedlicher Nationalitäten, etwas Vergleichbares gegeben.

Hanau - Für die Schulpsychologinnen des Staatlichen Schulamts für den Main-Kinzig-Kreis, die in den Wochen nach der Tat in den Hanauer Schulen im Einsatz waren, waren die Nachwehen des Schreckenstags aber kein Neuland. Einige von ihnen waren bereits nach dem Amoklauf von Winnenden gefordert, bei dem ein 17-Jähriger 15 Menschen getötet hatte. Auch nach dem Anschlag in Volkmarsen, der wenige Tage nach dem Hanauer Anschlag stattfand, unterstützten Psychologinnen aus Fritzlar die Kollegien in den dortigen Schulen.

Heute, ein Jahr nach dem 19. Februar in Hanau, sprechen die Schulpsychologinnen Dr. Sandra Gentsch und Marion Müller-Staske mit unserer Zeitung über die Zeit nach dem Anschlag und darüber, wie sie mit ihrem Kolleginnen-Team Unterstützung boten. In der krisenpsychologischen Arbeit konnten sie sich langjährige Erfahrungen zunutze machen. Denn in Hessen wurde das hessenweite schulpsychologische Kriseninterventionsteam in den letzten zwei Jahren zu jeweils rund 140 Einsätzen gerufen, darunter auch Suizide, tödliche Unfälle oder Tötungen in Familien. „Mit über 100 Leuten sind wir in Hessen sehr breit aufgestellt“, erklärt Sandra Gentsch. „Wir können auf gut entwickelte Strukturen zurückgreifen, sind also vorbereitet“, beschreibt ihre Kollegin Müller-Staske die Anforderungen. Sie ist mit einer halben Stelle auch im Kultusministerium für Krisenintervention und Bedrohungsmanagement zuständig. Das System Schule stärken, Betroffenen Halt geben, sie auf die eigenen Stärken oder das soziale Umfeld hinweisen, die dazu beitragen können, aus schweren Krisen herauszufinden – das gehöre zu den wichtigsten Aufgaben, um Belastete zu stabilisieren und Traumatisierungen vorzubeugen.

Wie geht man mit der Krise um?

Am 19. Februar und den Wochen danach war das Psychologinnenteam, von denen normalerweise jede einzelne für bestimmte Schulen zuständig ist, in Hanau so stark gefordert wie nie zuvor. An 13 Schulen, von der Grundschule bis zur Berufsschule, mussten die Frauen Lernenden beistehen, die durch den Anschlag verängstigt und verunsichert waren.

Das Team vom Schulamt unterstützte Lehrerkollegien, half ihnen und den Schulleitungen, den richtigen Weg zwischen Trauer und Anteilnahme einerseits und der Normalität des Lernalltags andererseits zu finden. Die Kinder und Jugendlichen kamen mit unzähligen Fragen auf Lehrer und Schulleitungen zu, suchten außerhalb ihrer Elternhäuser Antworten bei jenen, die selbst von den Ereignissen überrollt worden waren. Dabei ging es nach den Worten von Gentsch und Müller-Staske für die Pädagogen zunächst um ganz pragmatische Fragen: Wie gehe ich mit der Krise um? Was ist zu organisieren? Brauche ich Schutzräume, in die sich Schüler zu einer Auszeit zurückziehen können? Wichtig gewesen seien auch die Wortwahl und Benennung: „Wir haben uns mit der Generalbundesanwaltschaft darüber ausgetauscht, wie das Wording aussehen muss“, sagt Gentsch. Denn auch die Arbeit mit der Presse sei in solchen Szenarien von elementarer Bedeutung. Anschlag, Attentat, Amoklauf? Wie benennt man eine so unbegreifliche Tat? Diese Frage stellten sich die Schulleiterinnen und Schulleiter, die auf der Homepage ihrer Schule zu beschreiben versuchten, was geschehen war und wie man damit umgehen sollte. Schließlich wollte man Gerüchten keine Nahrung geben und sich so eng wie möglich an die Fakten halten, die zum Teil erst nach und nach bekannt wurden.

Es musste abgeklärt werden, wer möglicherweise Augenzeuge war

„Es war wichtig, zu zeigen, dass wir mit Ruhe und mit einem Plan da waren“, sagt Müller-Staske. So habe man sukzessive mit den Schulleitungen im geschützten Raum alle Problemstellungen durchgehen können, Schulleitungen, die sich in der Krise als sehr kompetent erwiesen hätten. „Sind die Lehrkräfte stabil? Können sie unterrichten? Viele Lehrerinnen und Lehrer habe man stärken können. „Auf diese Weise konnten die Lehrkräfte für ihre Schüler stabile Leuchttürme sein. Indem sie Ruhe und Kontinuität ausstrahlten, gaben sie den Schülern Sicherheit“.

Um einschätzen zu können, wie stark die Schüler unter dem Geschehenen litten, musste abgeklärt werden, wer möglicherweise Augenzeuge der Tat gewesen ist oder sozialer Nähe zu einem Betroffenen stand. Eine Rolle spielte auch die Frage, ob ein Kind oder Jugendlicher Risikofaktoren mitbrachte: Gab es im Vorfeld der Tat einen Todesfall in der Familie – selbst die Trauer um ein verstorbenes Haustier könne sich in einer solchen Situation auswirken – oder befindet sich im familiären Umfeld eine psychisch kranke Person? Je jünger die Kinder waren, desto stärker wurden Eltern und Lehrer beraten und einbezogen. „Wir hatten drei Wochen lang ein telefonisches Beratungsangebot geschaltet. Auch die Hanauer Hilfe, der Weiße Ring und andere Organisationen haben Betroffene unterstützt“, sagt Gentsch.

Es kursierten verstörende Botschaften

Die Schulen hätten in der Krise gute Arbeit geleistet, betonen die Psychologinnen. „Wir waren als Ansprechpartnerinnen da.“ Sie berieten die Pädagogen bei der Frage, wie viel Raum und welche Form dem Gedenken gegeben werden sollte. Neben der Frage nach der Form des Erinnerns gehe es immer auch darum, zukunftsgerichtet zu handeln und nicht die Rolle rückwärts zu vollziehen. „Kinder wieder in Handlung zu bringen, das hilft dabei“, sagt Müller-Staske.

Dass in den sozialen Netzwerken ein reger Austausch über den Anschlag stattfand, war zu erwarten. Doch teilweise kursierten dort, wie Müller-Staske und Gentsch feststellen, auch Videos und Botschaften, die auf die Schüler verstörend wirkten. Viele junge Menschen hätten sich nach dem Anschlag die Frage gestellt „Wie ernst werden wir genommen?“ oder „Hätte man den Täter eher gestoppt, wenn wir deutsch wären?“ , beschreiben die Psychologinnen eine Sorge vieler Schülerinnen und Schüler. „Diese Gedanken und Ängste haben die Schüler sehr belastet“. Sie hatten plötzlich das Gefühl, dieser Gefahr als Gruppe ausgesetzt zu sein. Hier sei es nötig gewesen, die Gedanken von den starken Emotionen wegzulenken. Die jungen Menschen hätten wieder zu einem Stück Sicherheit im (Schul-)Alltag zurückfinden und sich der Tatsache bewusst werden müssen, dass so etwas nicht hinter jeder Ecke lauert.

Corona hat Aufarbeitung erschwert

Die Gruppe war nach den Worten von Müller-Staske und Gentsch ein elementarer stabilisierender Faktor: „Wir bildeten Gruppen und nutzten diese als Ressource“, beschreiben die Psychologinnen des Schulamts ihre Arbeit vor Ort. Denn jeder Mensch finde andere Möglichkeiten, mit einer so schlimmen Krise und mit seiner Trauer und Angst umzugehen. Wer sehr hilflos war, traf in der Gruppe vielleicht auf jemanden, der für sich schon einen Weg gefunden hatte. „Wir konnten die Schülerinnen und Schüler auch darin bestärken, dass soziale Aktivitäten nicht nur erlaubt, sondern wichtig waren. Sich mit Freunden treffen, Sport treiben, Fußballspielen.“ Die Botschaft lautete, „ihr könnt das Thema auch ernst nehmen, wenn es euch gut geht“. Die Psychologinnen ermunterten die Schüler, sich etwas Gutes zu tun, sich abzulenken. Und sie gaben ihnen jeden Tag mit auf den Weg, sich zu fragen, „was nehme ich mir heute vor? Was tut mir gut? Was hilft mir?“ Es ging nicht darum, etwas wegzureden, sondern sich nicht dem Gefühl der Hilflosigkeit zu ergeben, aktiv zu bleiben oder wieder zu werden.

Erinnerung an Tatnacht rückt wieder in den Vordergrund

Dass ausgerechnet in dieser Situation Corona kam und im Lockdown die Schulen geschlossen wurden, war ein großes Problem. Denn die Schule als stabiler Ort brach plötzlich weg und damit das tägliche Eingebundensein in die vertrauten Strukturen. Auch das Treffen mit Freunden war plötzlich eingeschränkt. „Das hat uns schon Sorge bereitet“, sagen Gentsch und Müller-Staske. In dieser Situation war es unerlässlich, dass der Kontakt zur Schule und zu den Freunden zumindest über die sozialen Netzwerke aufrecht erhalten wurde. Und nachdem die Psychologinnen in den Wochen nach dem Anschlag an den Schulen im Einsatz waren, standen sie den Betroffenen nun telefonisch zur Seite, wenn diese Beistand brauchten. Wenn es erforderlich war, wurde im Lockdown auch persönlich beraten, natürlich unter Beachtung der Hygieneregeln.

Heute, ein Jahr nach dem Anschlag, rückt die Erinnerung an die Tatnacht wieder in den Vordergrund. Neben den Gedenkveranstaltungen und der Erinnerungsarbeit ist nach der Überzeugung von Müller-Staske und Gentsch von zentraler Bedeutung, dass Schulen kontinuierlich an Themen wie Vielfalt, gesellschaftliches Miteinander, Toleranz und Menschenrechten arbeiten. Das sei auch erforderlich, um junge Menschen aus Elternhäusern zu erreichen, in denen extreme Denkweisen vorherrschten. „Wir können solche Taten nur verhindern, indem wir weggehen von Etikettierung und Ausgrenzung“, sind sie überzeugt.

Von Jutta Degen-peters

Dr. Sandra Gentsch ist eine von neun Schulpsychologinnen des Schulamtes.
Marion Müller-Staske war ebenfalls nach dem Anschlag im Einsatz.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare