Den Zusammenhalt beschworen

Grünen-Chef Robert Habeck präsentiert sich in Hanau selbstbewusst

Am Mikrofon: Der Grüne Robert Habeck war gestern ein gefragter Gesprächspartner auf dem Hanauer Marktplatz.
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Am Mikrofon: Der Grüne Robert Habeck war gestern ein gefragter Gesprächspartner auf dem Hanauer Marktplatz.

Zuversichtlich und vielfach begeistert hat eine frische Brise aus dem hohen Norden gestern rund 400 Menschen auf dem Hanauer Marktplatz zurückgelassen. Jubel und minutenlanger Beifall ließen Robert Habeck, mit sinkenden Umfragewerten im Nacken aktuell in schwieriger Wahlkampf-Mission unterwegs, wie einen Popstar aussehen. Dabei war das, was der Bundeschef der schwächelnden Grünen in einer knappen Stunde auf der Bühne bot, doch eher Rock’n"Roll.

Hanau - Den Vorschuss-Applaus jedenfalls hat Habeck schon nach wenigen Sätzen mit Zinsen zurückgezahlt und sein erwartungsvolles Publikum fest im Griff. Gekleidet ganz in schlichtes Schwarz, spricht der Grüne ohne Notizen vollständig frei, geht sparsam mit Gesten um, stellt mühelos Kontakt mit seinen Zuhörern her. Auf die unvermeidliche Litanei aus dem parteiamtlichen Wahlprogramm warten Anhänger wie Skeptiker bis zum Schluss vergebens. Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock kommt genau zweimal, ein anderer Bewerber überhaupt nicht vor. Statt Defensive ruhiges Selbstbewusstsein ohne schrille Töne. Kontrolliert trabt da einer seinen grünen Korridor entlang und drückt unterwegs immer wieder Türen in Kontrastfarben auf.

Zum Beispiel die zur sozialen Gerechtigkeit. Wie sich mit der CO2-Steuer über Rückzahlungen die Bruchkante der Gesellschaft glätten, ja sogar Umverteilung organisieren lassen soll, erläutert Habeck als Antwort auf eine Publikumsfrage. Zusammenhalt und Solidarität beschwört er auch aus der Corona-Perspektive. Einen tristen Lockdown lang habe die vernünftige Mehrheit Solidarität durch Verzicht geübt, erklärt er unter dankbarem Applaus. Jetzt laufe es umgekehrt: „Sich impfen lassen heißt, den Laden offenhalten.“

„Rassismus zu verteidigen ist unanständig“

Wie weit die Chemie zwischen Habeck und Hanau stimmt, hat der Gast schon eingangs seiner Rede ausgelotet und den 19. Februar zur Diskussion gestellt – durchaus im Wortsinn, denn vereinzelt und lautstark kommt rechtslastig Gegenwind. „Das passiert, wenn eine Gesellschaft nicht wach genug ist“, skizziert er die Hanauer Mahnung an die Republik und zieht rhetorisch blank: „Rassismus zu verteidigen ist unanständig.“ Geschriener Hass versinkt im wogenden Beifall.

So lässt sich nach Überzeugung des Grünen auch dem Gesamtproblem beikommen: Den Verfassungsschutz gegen Extremismus justieren – gut. Die Polizei besser aufstellen und „für jeden Menschen greifbar machen“ – ebenfalls gut. Das Wichtigste aber: diejenigen stärken, die ohnehin gegen Radikalismus arbeiten. Jene Institutionen der Zivilgesellschaft, die solche Strömungen meist viel früher registrierten als der Staat.

Trittsicher und kämpferisch

Dessen Akteure freilich müssen sich aus Habecks Sicht beschleunigt wieder auf ihr Kerngeschäft besinnen und dürfen nicht, wie aktuell im Wahlkampf, in „Verantwortungsverweigerung“ und „Antwortlosigkeit“ verharren. So gehe es im Angesicht der Katastrophe in Afghanistan nicht an, dass „Angst vor politischen Entscheidungen“ die Regierung blockiere. Das schaffe Misstrauen und lähme die Politik: „Nach der militärischen Niederlage droht jetzt die moralische“.

Dabei sei „Vertrauen das zentrale Gut, das im September zur Abstimmung steht“. Außerdem, meint Habeck, ein neuer Freiheitsbegriff, vom Bundesverfassungsgericht jüngst in seinem Klima-Urteil gesetzt: Die Freiheit kommender Generationen hänge demnach von verschärften CO2-Regeln in der Gegenwart ab, Klimaschutz sei daher Freiheitsschutz.

Auf grünem Stammterrain gibt sich der Bundesvorsitzende trittsicher und kämpferisch: „Zukunft gestalten, nicht die Vergangenheit verlängern so lange es geht“. Seine Partei sei nicht im Besitz der allein seligmachenden Wahrheit, betont Habeck, aber „wir suchen den effizientesten Weg“. Für die Wahlentscheidung in wenigen Wochen empfiehlt er ein griffiges Raster: „Stellen Sie Fragen“, empfiehlt er den Zuhörern, „und lassen Sie kein Wischiwaschi durchgehen“.

Von Oliver Klemt

Bei den rund 400 Menschen auf dem Marktplatz kam der Grünen-Chef gut an.
Selbstbewusst und ohne schrille Töne – so gab sich Habeck gestern.

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