Brüder-Grimm-Festspiele in Hanau

„Der zerbrochne Krug“: Wir waren bei den Proben dabei

Gerichtsrat Walter, alias Christopher Krieg (links), nimmt den Dorfrichter Adam (Hartmut Volle) ins Gebet. Leseprobe unter den Augen von Regisseur Frank-Lorenz Engel (rechts) in der ehemaligen Stadtbibliothek.
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Gerichtsrat Walter, alias Christopher Krieg (links), nimmt den Dorfrichter Adam (Hartmut Volle) ins Gebet. Leseprobe unter den Augen von Regisseur Frank-Lorenz Engel (rechts) in der ehemaligen Stadtbibliothek.

Im ehemaligen Lesesaal der früheren Stadtbibliothek im Kanzleigebäude beharken sich drei Männer. Der eine schwitzt unter der Schuld, die er verzweifelt zu verbergen sucht, der zweite gefällt sich in der Rolle des gönnerhaften Gerichtskontrolleurs, der dritte sonnt sich in der Rolle des Vorzeigestaatsdieners. Die Schauspieler Hartmut Volle, Dieter Gring und Christopher Krieg verwandeln sich gerade in den Dorfrichter Adam, den Gerichtsdiener Lichte und den Gerichtsrat Walter – es ist Theaterprobe für das Kleist-Drama „Der zerbrochne Krug“.

Hanau - Das Stück soll im Rahmen der im Juli beginnenden Brüder-Grimm-Festspiele im Hanauer Amphitheater aufgeführt werden. Das Buch um die Seelennöte des Dorfrichters in der Stadt Huisum dürfte wohl unzählige Male über den Tresen der Ausleihe der Hanauer Stadtbibliothek gegangen sein, die längst in das schicke Kulturforum umgezogen ist. Doch hier, wo der Geist der Klassiker und Zeitgenossen jahrzehntelang durch das historische Gebäude wehte, sind die Proben richtig aufgehoben. Neben Kleist wird dort auch am „Tapferen Schneiderlein“, „Schneeweißchen und Rosenrot“ und dem „Rattenfänger von Hameln“ gefeilt.

Alter Festspielhase: Dieter Gring spielt den Gerichtsschreiber Lichte.

Vergangenes Jahr mussten die Festspiele coronabedingt ausfallen. Und es grenzt an ein kleines Wunder, dass sie in diesem Jahr tatsächlich stattfinden sollen. Intendant Frank-Lorenz Engel hat mit seinem Team ein umfangreiches Hygienekonzept ausgearbeitet, das nicht nur die Mitglieder des Ensembles, sondern auch die Zuschauer schützen soll. Das Sesam-öffne-dich, das derzeit die Proben ermöglicht, besteht aus drei Säulen: Testen, Fieber messen und ein Kontakttagebuch führen – neben den üblichen Vorsichtsmaßnahmen des Masketragens und Abstandhaltens. Ohne diese täglichen Routinen läuft nichts. Und so legen auch an diesem Tag Frank-Lorenz Engel, der beim Kleist Regie führt, sein Assistent Jonas Milke und die drei Darsteller Volle, Gring und Krieg erst los, nachdem die Routinen erledigt sind. Die ungewöhnlichen Umstände und den zusätzlichen Aufwand nehmen die Darsteller gerne in Kauf, weil sie endlich wieder spielen dürfen. Da wirkt der Satz aus dem Munde von Dorfrichter Adam wie für die Jetztzeit geschrieben: „Es geht bunt alles über Ecken mir!“ Hartmut Volle, der zuletzt als Petrus im „Brandner Kaspar“ bei den Festspielen zu sehen war, lässt sich die Worte wieder und wieder auf der Zunge zergehen. Das wiederum veranlasst Regisseur Engel zu der Bemerkung „Mit diesem Satz können wir die Proben überschreiben.“

Drunter und drüber geht es an diesem Tag vor allem für den Dorfrichter, dem die Haare zu Berge stehen und die Gesichtszüge entgleisen, weil er einen Albtraum durchlebt. Die Schuld, die er auf sich geladen hat, könnte er vielleicht vertuschen, wären da nicht der Gerichtsrat, der zum falschen Zeitpunkt auftaucht, und der Gerichtsdiener, der so scheinheilig tut und dabei seinen Vorgesetzten so genüsslich auflaufen lässt. Wie zerknirscht, anbiedernd und säuselnd der Dorfrichter sich geben sollte, ob der Gerichtsrat mit eher sparsamer Gestik auf das Anbiedern reagiert und welche Mimik dem Gerichtsschreiber am besten zu Gesichte steht, das arbeiten Volle, Krieg und Gring gemeinsam mit Frank-Lorenz Engel heraus.

Neu im Team: Christopher Krieg wird als Gerichtsrat zu sehen sein.

Während Volle in weißen Strümpfen und schwarzem Frack mit goldener Litze auf dem zerschlissenen Teppichboden des einstigen Lesesaals steht, spielen Krieg und Gring in Jeans und Pullover. Wichtiger als die Kostüme sind die Worte, Betonungen und Pausen. Und was sind das für Worte, die Kleist dem Dorfrichter in den Mund legt: „Mir träumt, einer schelzt, schlunzt und schlingelte mich herunter“ oder „mir träumt, es judiziert einer den Hals in Eisen mir.“ Die Sprache in Kleists Drama ist derb und lautmalerisch. Auch wer mit den alten Begriffen nichts anzufangen weiß, entnimmt dem Klang der Worte, wovon die Rede ist.

„Bau ihn ein bisschen mehr auf“, rät Engel Christopher Krieg, der zum gestrengen, sich jovial gebenden Gerichtsrat mutiert ist. Gring wiederum greift den Tipp Engels auf, den Richter in jedes Fettnäpfchen treten zu lassen, das sich bietet. Man merkt den drei Schauspielern an, wie sehr ihnen der verbale Schlagabtausch gefällt. Experimentieren, sich ausprobieren, eigene Ideen einbringen – so schält sich dieser vierte Akt Zug um Zug heraus.

Gelächter gibt es auch, und das nicht zu knapp. Etwa bei der „Rhein-Inundations-Kollektenkasse“, aus der Volle eine „Inundations-Touristenkasse“ macht oder bei der Vorstellung, mangels Perücke käme Hartmut Volle mit gepudertem Kopf aus der Maske. Bis zur Premiere ist noch einiges zu tun. Gehen die Proben mit so viel Schwung weiter wie an diesem Tag, geht es dann im Amphitheater zwar bunt zu, aber längst nicht mehr „bunt alles über Ecken“. (Von Jutta Degen-Peters)

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