Handwerk trotzt der Corona-Krise, aber Betriebe und Azubis finden schlechter zusammen

Die Jugend kommt zu kurz

Die Gewinnung von Nachwuchs ist für das Handwerk eine zentrale Aufgabe. Diese wird durch Corona erschwert. Archivfoto: Sebastian Kahnert/dpa
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Die Gewinnung von Nachwuchs ist für das Handwerk eine zentrale Aufgabe. Diese wird durch Corona erschwert. Archivfoto: Sebastian Kahnert/dpa

Das Handwerk – außer den Mitgliedern der Friseurinnung und dem Lebensmittelhandwerk – ist bislang recht gut durch die Pandemie gekommen, so das Fazit von Kreishandwerksmeister Martin Gutmann, seinem Stellvertreter Andreas Schreiner und Geschäftsführerin Nicole Laupus im Gespräch mit dem HANAUER ANZEIGER. Trotzdem plagen die Verantwortlichen Sorgen mit Blick auf die Gewinnung von Nachwuchs, die schulische Ausbildung der Auszubildenden und Problemen mit Einzelgewerbetreibenden.

Hanau. „Dem Handwerk geht es bis auf kleinere Dellen bei einigen wenigen Innungen nach wie vor gut. Wie lange dieser Zustand noch bestehen wird und wann sich die Auswirkungen der Pandemie negativ auf die Investitionstätigkeit der öffentlichen Hand, von Unternehmen und von Privatpersonen auswirken, kann heute noch niemand voraussagen. Aber damit rechnen müssen die Mitgliedsunternehmen“, stellte Martin Gutmann, der auch Landesinnungsmeister des Glaserhandwerks ist, fest. „Manche Kollegen haben sogar davon gesprochen, dass die Auftragsbücher vor allem wegen privater Bestellungen und Wünsche besser wie vor der Pandemie gefüllt seien“, fügte Andreas Schreiner hinzu, seines Zeichens Innungsobermeister für Maler- und Lackiererhandwerk. Nun komme es aber darauf an, dass auch die zugesagten Hilfen schnell und unbürokratischen ihre Adressaten erreichen, betonte der Kreishandwerksmeister.

Jugendliche erhalten nur schwierig Einblicke

Sorgen machen den Verantwortlichen der durch die Pandemie lahmgelegte Bereich der Schulpraktika in Mitgliedsbetrieben, die eine sehr gute Gelegenheit für die jungen Leute und die potenziellen künftigen Arbeitgeber gewesen seien, einerseits Einblicke in die Arbeitswelt und andererseits in die Persönlichkeit der Praktikanten zu bekommen. „Den Jugendlichen fehlt die Möglichkeit, zu schauen, ob der ins Auge gefasste oder angestrebte Beruf zu ihnen passt und als Perspektive in Frage kommt“, so Nicole Laupus.

Auf der anderen Seite hätten sich Firmeninhaber mit den Praktikanten beschäftigen, deren handwerkliche Fähigkeiten und menschlichen Eigenschaften ausloten und einordnen können, ob die oder der Jugendliche für eine Ausbildungsstelle in Frage kommen könnte. So sie dann auch daran auch weiterhin interessiert wären, fügte Andreas Schreiner aus Erfahrung hinzu. Hier falle derzeit eine sehr gute Gelegenheit weg, Jugendliche für bestimmte Ausbildungsgänge zu begeistern. Zumal immer weniger junge Menschen den Weg in die berufliche Zukunft im Handwerk suchen, weiß Martin Gutmann.

„An Schulen werden wesentliche Dinge nicht intensiv vermittelt“

„Die Quantität und die Qualität der Schulabgänger, die letztlich eine handwerkliche Ausbildung machen, nimmt schon seit Jahren stetig ab“, beklagt der Kreishandwerksmeister, „offensichtlich werden an den Schulen wesentliche Dinge wie Mathematik oder Deutsch nicht intensiv vermittelt“. Das kann Schreiner nur unterstreichen, denn er, der auch in Prüfungsausschuss seiner Innung sitzt, musste in der Vergangenheit feststellen, dass fast alle Prüflinge ihre praktische Prüfung problemlos bestehen, beim theoretischen Teil der Anteil der Durchfaller wegen mangelndem Grundschulwissen wachse. „Wir bieten bereits zusätzliche Kurse in Mathematik an, um dortige Defizit auszugleichen“, stellte Geschäftsführerin Laupus fest.

Es habe deshalb auch eine Diskussion um die Prüfungsinhalte gegeben. „Wir wollen natürlich bei den fachlichen Anforderungen keine Abstriche machen. Bei den theoretischen Kenntnissen könnte es in bestimmten Bereichen allerdings Anpassungen geben. Aber dieses Thema ist ein zweischneidiges Schwert und kommt einem schier unmöglichen Spagat nahe“, beschreibt Martin Gutmann die Schwierigkeiten einer Umsetzung.

Problemfeld Einzelselbstständige

Der Kreishandwerksmeister und seine Vorstandskollegen werben allerdings für die Wiedereinführung eines Unterrichtsfachs Werken, wo den Schülern grundlegende handwerkliche Tätigkeiten beigebracht werden. „Es ist nicht übertrieben festzustellen, dass manche Jugendliche sich damit schwer tun, einen Nagel in die Wand zu schlagen“, brachte Andreas Schreiner das Thema etwas „überspitzt“ auf den Punkt.

Ein weiteres Problemfeld im Handwerk sind die sogenannten Einzelselbstständigen oder Einzelgewerbetreibenden, die vor allem bei Subunternehmen in vielen Bereich jenseits aller tariflichen Bestimmungen beschäftigt werden.

„Da gibt es keinen Mindestlohn, keinen Arbeits- oder Kündigungsschutz, rein gar nichts. Wenn der Subunternehmer fünf Euro die Stunde zahlt, müssen diese Einzelgewerbetreibenden ja sagen oder ablehnen, was sie oft aus wirtschaftlicher Not nicht können“, so der stellvertretende Kreishandwerksmeister. „Bei der Angebotsgestaltung können unsere Innungsbetriebe mit Firmen, die ihre Beschäftigten aus diesem Pool requirieren, natürlich nicht mithalten. Deshalb dringen wir schon seit Jahren darauf, dass die Kontrollen in diesem Bereich verstärkt werden, denn es handelt sich in den meisten Fällen um Schwarzarbeit. Allerdings heißt es von den zuständigen Stellen, sie hätten nicht das Personal dafür“, beklagt Martin Gutmann.

Von Thomas Seifert

Martin Gutmann

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