OB-Wahl in Hanau

Die Kandidaten im Porträt: Zu Besuch im Garten von Dr. Gerhard Stehlik

Überzeugter Europäer und Klimaskeptiker: Dr. Gerhard Stehlik kandidiert mit 77 Jahren für das Amt des Hanauer Oberbürgermeisters.
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Überzeugter Europäer und Klimaskeptiker: Dr. Gerhard Stehlik kandidiert mit 77 Jahren für das Amt des Hanauer Oberbürgermeisters.

In der Brüder-Grimm-Stadt steht am Sonntag, 14. März, nicht nur die Kommunalwahl auf der Agenda, sondern auch die Wahl eines neuen Oberbürgermeisters oder einer neuen Oberbürgermeisterin. Neben Amtsinhaber Claus Kaminsky (SPD) buhlen mit Jens Böhringer (CDU), Anja Zeller (Grüne), Sven Zinserling (parteilos), Gerhard Stehlik (parteilos), Jochen Dohn (Die Linke) und Meysam Ehtemai (AfD) sechs weitere Kandidaten um Wählerstimmen. In dieser Woche stellen wir Ihnen die Bewerber, mit denen wir uns auf einen Spaziergang getroffen haben, in alphabetischer Reihenfolge im Porträt vor. Heute besuchen wir Dr. Gerhard Stehlik in seinem Garten.

Hanau – Für Dr. Gerhard Stehlik ist sie quasi der zweite Versuch, seine Kandidatur als „Parteiloser“ für das Amt des Hanauer Oberbürgermeisters. 2017 kandidierte der Großauheimer für ein hohes Amt, damals für das des Landrates des Main-Kinzig-Kreises. Bereits vor vier Jahren sprach der heute 77-Jährige von einem „Experiment“. Er wolle wissen, was ein Einzelner mit einer solchen Kandidatur erreichen könne, sagte Dr. Stehlik damals.

Gemessen an den nackten Zahlen war das nicht gerade viel. Mit gerade einmal 1332 Stimmen und einem Stimmenanteil von 1,3 Prozent landete Stehlik als Landratskandidat unter sechs Bewerberinnen und Bewerbern abgeschlagen auf dem letzten Platz. Entmutigt hat den Großauheimer das offensichtlich nicht. Als mittlerweile 77-Jähriger unternimmt er nun einen zweiten Anlauf und hat sich ein neues Ziel gesetzt: „Wenn ich dazu beitragen könnte, dass Claus Kaminsky nicht erneut Hanauer Oberbürgermeister wird, habe ich mein Ziel erreicht.“

Stehlik fühlt sich von Kaminskys Dauerpräsenz gestört

Kaminsky strebt bekanntlich seine vierte Amtszeit als Rathauschef an. Dabei ist es weniger die Leistungsbilanz des Hanauer OB, die Stehlik stört, als vielmehr dessen Dauerpräsenz. Lange Amtszeiten von gewählten Amtsträgern lehnt Stehlik aus demokratietheoretischen Gründen grundsätzlich ab. „Nach meiner Ansicht sollten alle gewählten Amtsträger höchstens einmal wiedergewählt werden dürfen“, sagt er. Längere Amtszeiten gefährdeten die Chancengleichzeit und seien letztlich demokratiegefährdend, denn die Demokratie lebe vor allem auch vom Wechsel.

Um eine Begrenzung von Amtszeiten zu erreichen, ist Dr. Stehlik sogar schon vor die Verwaltungsgerichtsbarkeit gezogen – allerdings erfolglos. Und auch im Vorfeld seiner OB-Kandidatur, als es darum ging, ausreichend Unterschriften von Wahlberechtigten zu sammeln, um als Bewerber zugelassen zu werden, hatte Stehlik bereits eine Einlassung ans Verwaltungsgericht fertig, weil er sich als unabhängiger Kandidat durch die Corona-Pandemie benachteiligt sah.

Stehlik ist Mitglied der AfD

Doch dann senkte die Landesregierung – eben unter Verweis auf die Pandemie – die Hürden für die Zulassung parteiloser Bewerber, sodass Stehliks gesammelte Unterschriften doch ausreichten.

Sein heimischer Garten ist für Dr. Stehlik, hier mit Redakteur Dirk Iding, einer der schönsten Orte Hanaus.

Der Großauheimer tritt zwar bei der OB-Wahl als „Parteiloser“ an, ist aber seit einiger Zeit Mitglied der AfD, denn in Reihen der Alternativen hat er Mitstreiter gefunden, die in einer für den Diplom-Chemiker zentralen Frage ähnlich denken wie er. Dr. Stehlik bestreitet, dass der Ausstoß von Kohlendioxid die Hauptursache für die Erderwärmung sei. Auch von einem „Klimawandel“ und einer sich anbahnenden „Klimakatastrophe“ will der Großauheimer nichts wissen.

Geld für Klimaschutz sei „Unsinn“

Die seit Beginn der Industrialisierung messbar gestiegene Erderwärmung sieht der 77-Jährige vielmehr als Folge von „Klimaschwankungen“, die es im Verlauf der Erdgeschichte schon mehrfach gegeben habe. Deshalb seien auch sämtliche Klimaschutzkonzepte oder die Einstellung eines Klimaschutzmanagers, wie sie auch die Stadt Hanau verfolgt, „absolut sinnlos“. Es sei schlicht Unsinn, dafür Geld auszugeben, findet der Großauheimer. Ansonsten sieht Stehlik gerade auf kommunaler Ebene wenig „politischen Spielraum“. Vielmehr gelte es, Sachthemen zu bearbeiten, die durch die Wirklichkeit bestimmt würden. Und deshalb unterschieden sich auch die kommunalpolitischen Programme der Parteien ja nicht großartig, meint der Großauheimer.

Stehlik, der sich viele Jahre in der FDP engagierte, ist – für ein AfD-Mitglied eher überraschend – überzeugter Europäer. Der Großauheimer ist Verfechter einer europäischen Verfassung und einer noch engeren Verzahnung der Nationalstaaten. Die in Teilen EU-kritische Haltung weiter Teile der AfD ficht Dr. Stehlik aber ebenso wenig an wie deren zum Teil problematische Haltung zu rechtsextremen Positionen.

„Viele vernünftige Leute“ in der Hanauer AfD laut Stehlik

Rechtsextremismus, so Dr. Stehlik, sei ja schließlich auch immer eine Frage der Definition. Er habe speziell bei der Hanauer AfD „viele vernünftige Leute kennengelernt“. Gleichzeitig beklagt der 77-Jährige eine „Vorverurteilung“ der AfD durch die anderen Parteien und die Medien. Wenngleich natürlich Aussagen wie die des damaligen AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland, der die NS-Zeit als „Vogelschiss in der Geschichte“ bezeichnete, „nur als dumm zu bezeichnen sind“. (Von Dirk Iding)

Hier geht es zu den Porträts von Jens Böhringer (CDU), Jochen Dohn (Linke), Meysam Ehtemai (AfD), Claus Kaminsky (SPD), Anja Zeller (Grüne) und Sven Zinserling (parteilos)

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