Aufschrei gegen das Patriarchat

Drei irakische Schriftstellerinnen präsentieren Gemeinschaftswerk „Mit den Augen von Inana“

In „Mit den Augen von Inana“ halten Frauen aus drei Generationen in Kurzprosa und Gedichten der Gesellschaft im Irak den Spiegel vor. Um das Gemeinschaftswerk vorzustellen, waren drei von ihnen nun im Kulturforum Hanau zu Gast (von links): Azhar Ali Hussein, Rola Buraq und Amal Ibrahim.
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In „Mit den Augen von Inana“ halten Frauen aus drei Generationen in Kurzprosa und Gedichten der Gesellschaft im Irak den Spiegel vor. Um das Gemeinschaftswerk vorzustellen, waren drei von ihnen nun im Kulturforum Hanau zu Gast (von links): Azhar Ali Hussein, Rola Buraq und Amal Ibrahim.

Wer ist „Inana“? Und wer sind Azhar Ali Hussein, Rola Buraq und Amal Ibrahim? Eine Antwort auf diese Fragen lieferte am Samstagabend im Kulturforum die freie Journalistin und langjährige Irak-Korrespondentin, beispielsweise für die „Zeit“, Birgit Svensson. „Es grenzt schon an ein Wunder, dass die drei Frauen aus Bagdad und Mossul hier heute Abend sitzen können“, unkt Svensson zur Einleitung vor rund 40 Gästen, in gebührendem Abstand zueinander an kleinen Tischen platziert.

Hanau – Denn die Formalitäten für ein Visum gestalten sich in Zeiten des Covid-19-Virus noch dramatischer als ohnehin üblich. Und Schengen-Visa benötigen die drei Autorinnen, weil sie im Rahmen der virtuellen Frankfurter Buchmesse mit Svensson und ihrem Übersetzer Günther Orth auch andere deutschsprachige Länder in Europa bereisen. Die drei sind schreibende Frauen in einem Land, in dem der Islamische Staat (IS oder Daesh) zwar nicht mehr seine Terrorherrschaft als Kalifat, etwa im völlig zerstörten und langsam sich erholenden Mossul, ausübt.

Aber nach wie vor ist das, was man als Gesellschaftsstruktur bezeichnen kann, durch und durch patriarchalisch geprägt. Obgleich eine insbesondere junge Generation von Autorinnen beginnt, sich durchzusetzen und ans Licht einer breiten Öffentlichkeit zu drängen, wie Svensson schildert. Schriftstellerinnen wie Amal Ibrahim al-Nassairi, 1969 in Bagdad geboren, die Biologie studierte und als Lyrikerin und Übersetzerin arbeitet. Sie ist seit 2015 auch Mitherausgeberin (mit Svensson) der Anthologie. In wunderschönem Arabisch liest sie ihr Gedicht „Biographie“, das Günther Orth wie alle arabischen Beiträge übersetzt. „So völlig arglos streiften unsere Kindheiten durch gewöhnliche Felder. Voll Rosen, Vieh, und Minen, auf Pfaden, die Gewehre vor uns verteidigten . . .“ Rola Buraq ist 1985 in Mossul geboren, schreibt Lyrik und Erzählprosa und promoviert zurzeit in arabischer Literatur an der Universität der Stadt. Sie erlebte den Terror des Kalifats hautnah und schmerzhaft, wie sie erzählt. So blieb ihr ein Bild immer vor Augen: das eines Mannes, der den defekten Wassertank auf dem Hausdach reparieren wollte und dabei ums Leben kam. „Er stieg auf das Dach, die Daesh sahen ihn und benutzten ihn als menschliches Schutzschild gegen die Sniper. Er wurde erschossen.“

Ihre Lyrik atmet denn auch unendlichen Schmerz, aber ebenso hoffnungsvolle Freude und Sehnsucht nach Liebe: „Am Rande eines Tages, der wie deine Augen ist, ward ich geboren. Hier bin ich, wachse wie die nackte Eiseskälte, erfüllt vom Strom des Verlangens.“ Die Erzählerin, Dichterin und Journalistin Azhar Ali Hussein, 1977 im Südwesten des Irak geboren, verarbeitet in ihrem Essay „Scheinwerfer“ Momente ihrer eigenen Geschichte. Als sehr junge Frau wurde sie von Sicherheitskräften verhört, weil sie im Verdacht stand, Mitglied einer oppositionellen Gruppe zu sein. Und Verhöre bestanden im Irak Saddam Husseins wie des IS aus Folter; um es gelinde auszudrücken. Hussein (der Nachname ist ein häufiger im Irak) hat ihren Humor bewahrt, sie schreibt: „Manchmal muss man auf etwas scheißen, um es zu vergessen; und wenn es eine Toiletten-Fatwa ist.“

Doch wer ist nun eigentlich „Inana“? Svensson hebt sie aus dem angestaubten Mythos. Inana sei die eigentlich bekannteste, mächtigste sumerische Göttin vor 5000 Jahren, zu Hause in Uruk (heute Warka) im Südosten des Irak. Diese Inana habe in grauer Vorzeit mit ihrem Vater im Clinch um die Macht gelegen. „Und was glauben Sie: sie hat gewonnen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, wenn man weiß, welchen Kampf Frauen heutzutage im Irak ausfechten.“

Inana sei eine „sehr zwiespältige Figur“: sowohl Göttin des Krieges als auch Göttin der Liebe. „Wir haben gedacht: da sehr unterschiedliche Frauen in der Anthologie vertreten sind, sowohl wie sie schreiben als auch wie sie sind, ist das genau die passende Titelfigur für die Bücher“, so Svensson. Die Lesung im Kulturforum sowie das gesamte Projekt werden gefördert vom Goethe-Institut und der Heinrich-Böll-Stiftung.

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