Die jungen Helfer von der Hola

Drei Oberstufenschüler aus Hanau waren als ehrenamtliche Sanitäter an einem der Tatorte

Als ehrenamtliche Sanitäter nahe am Geschehen: Fabian, Lasse und Mark kümmerten sich um Angehörige. Foto: scheck

Was machen Oberstufenschüler an einem Mittwochabend nach 22 Uhr in der Regel? Vielleicht fernsehen, lesen, vielleicht auch schon ins Bett gehen. Schließlich ist am folgenden Morgen ja Schule.

Hanau – Fabian Mey, Lasse Matern und Mark Ritzert waren draußen – in der Nähe des Kurt-Schumacher-Platzes, einem der Tatorte. Die drei Schüler der Hohen Landesschule (Hola) sind ehrenamtliche Sanitäter bei der Johanniter-Unfall-Hilfe und haben sich in den Minuten nach den Schüssen um die Angehörigen der Toten und Verletzten gekümmert.

Mark ist 18, Lasse und Fabian 19 Jahre alt. Vor wenigen Jahren haben sie ihre Sanitäterausbildung absolviert, sind an der Hola als Schulsanitäter aktiv. Als Ehrenamtliche der Johanniter im Gefahrenabwehrzentrum Hans Martin gehören sie zu einer Katastrophenschutzeinheit – am Mittwoch trat die Katastrophe ein.

„Ich war zu Hause, als ich die Alarmierung bekam“, erzählt Fabian. Auch Mark war daheim, Lasse kam gerade von seinem Nebenjob in einem Fast-Food-Restaurant, als er die Information „mehrere Verletzte bei einer Gewalttat“ erhielt. Da zum Zeitpunkt ihrer Alarmierung bereits klar war, dass es sich um einen gefährlichen Einsatz handelt, mussten sie zu Hause Überzeugungsarbeit leisten: „Meine Eltern wollten nicht, dass ich gehe“, sagt Lasse. Dennoch treffen sich alle drei im Gefahrenabwehrzentrum. „Als wir mitbekamen, dass Seelsorger alarmiert wurden, war uns klar, dass das kein normaler Einsatz werden wird.“

Vom Gefahrenabwehrzentrum geht es zu ihrem Bereitstellungsplatz an der Ecke Burgallee/Karlsbader Straße. Als Teil der Hintergrundbereitschaft bleiben Lasse, Fabian und Mark genau dort – im Hintergrund. Die Aufgabe der drei ist es, sich um die Angehörigen zu kümmern, die in Bussen der städtischen Nahverkehrsgesellschaft HSB untergebracht sind.

Es sind Menschen, die nur wenige Minuten zuvor nahestehende Familienmitglieder, teils ihre eigenen Kinder, haben sterben sehen. Eine emotionale Ausnahmesituation – und mittendrin die drei Teenager. „Die Leute sind ausgeflippt“, beschreibt es Lasse. Einige gehen aufeinander los, Wut, Trauer, Schock, Entsetzen vermischen und entladen sich. „Da liegt mein Bruder“, sagt jemand zu Fabian, und er muss ihm sagen, dass er ihm nicht helfen kann. „Die Situation war nicht greifbar, einfach surreal.“ Was sie tun können, tun sie: da sein, zuhören.

Gegen 4 Uhr morgens ist der Einsatz für das Trio beendet. Nur wenige Stunden später gehen sie ganz normal in die Schule. „Hanau wird diesen Tag nicht hinter sich lassen können“, meint Fabian. Und die drei jungen Männer? Können sie den 19. Februar 2020 hinter sich lassen? „Ich glaube schon, dass ich die Situation gut bewältigen kann“, ist sich Fabian sicher.

Wer es nicht kann, für den gibt es Hilfe: So würden die Einsatzkräfte, die an den Tatorten waren, psychologisch betreut. Und bleibt wirklich nichts hängen? „Wenn ich das nächste Mal meinen Piepser höre, wird es definitiv ein anderes Gefühl sein“, sagt Lasse.VON DAVID SCHECK

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare