Terroranschläge in Hanau

Ein halbes Jahr nach dem 19. Februar wird beim Gedenken ein neues Banner am Rathaus gehisst

Vor sechs Monaten wurden in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven getötet. Am Mittwoch fanden sich daher rund 200 Menschen auf dem Marktplatz zusammen, um der Opfer zu gedenken.

Hanau – Kein Platz für Rassismus und Gewalt, Hanau steht zusammen für Respekt, Toleranz und Zivilcourage – diese Botschaft prangte am Mittwochabend gut sichtbar auf der Fassade des Historischen Rathauses auf dem Marktplatz. Das Banner wurde kurz vor Beginn der Gedenkveranstaltung für die Opfer des rassistischen Anschlags vom 19. Februar dieses Jahres gehisst und löst das alte Banner ab. Vor den rund 200 Teilnehmern der Veranstaltung, zu der die Initiative 19. Februar Hanau und der Ausländerbeirat aufgerufen hatten, betonte Oberbürgermeister Claus Kaminsky in seiner Rede, die „alte Botschaft“, nämlich „Die Opfer waren keine Fremden“ bleibe einer der zentralen Sätze. „Aber es war uns heute nach sechs Monaten wichtig, eine stärker in die Zukunft gerichtete Botschaft zu verbreiten“, so der OB.

„Die Chance auf ein friedliches Miteinander haben wir nur dort, wo Respekt, Toleranz und Zivilcourage herrschen“, erklärte OB Claus Kaminsky.

Auf dem Marktplatz hatten sich ab 16.30 Uhr Bürger und Kommunalpolitiker gemeinsam mit Angehörigen der Opfer Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtovic, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Paun und Fatih Saracoglu rund um das neu gestaltete Brüder-Grimm-Denkmal versammelt. Zunächst fanden sich Gruppen in Gesprächen zusammen, bis Selma Yilmaz-Ilkhan als Vorsitzende des Ausländerbeirats die Teilnehmer zu „diesem traurigen Anlass“ willkommen hieß.

Opfer von Hanau wurden mit Leinwandzeichnungen geehrt

Sie beschrieb jedes der neun Opfer, die am 19. Februar ihr Leben verloren, mit kurzen Sätzen. Auf neun Stühlen vor dem Brüder-Grimm-Denkmal waren auf Leinwand aufgezogen Zeichnungen des Künstlers Michael Strogies sowie eine Fotografie der jungen Leute aufgebaut, sodass diese für alle, die sie nicht kannten, ein Gesicht erhielten. Zeitgleich fanden an diesem Nachmittag in 30 Städten Deutschlands ebenfalls Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Hanauer Anschlags statt.

Mitglieder der Initiative 19. Februar Hanau malen Plakate für die Mahnwache.

Der Oberbürgermeister zeigte sich noch immer betroffen, dass eine so schreckliche Mordtat in Hanau geschehen konnte. Und auch wenn niemand das Leid der Familien wirklich nachempfinden könne, versprach er: „Die Stadtgesellschaft wird niemals mehr diesen schrecklichsten Tag vergessen, den Hanau in Friedenszeiten je erlebt hat. Und das wäre auch falsch!“ Man wolle in der Stadt den Angehörigen weiter zur Seite stehen. Und das sei auch der Auftrag. „Es wäre gut, wenn Sie als Angehörige sagen würden: ‘Es war grausam, und wir dürfen den Mord nie vergessen, aber unsere Stadt, der Bund und das Land haben uns nach Kräften beigestanden.“ Dazu gehöre eine lückenlose Aufklärung, „darauf haben Sie einen Anspruch, und da sehen wir uns alle in der Pflicht.“ Eine Chance für ein friedliches und gutes Miteinander gebe es nur dort, wo die Botschaft des Banners Platz greife.

Neugestaltung des Brüder-Grimm-Denkmals in Hanau geschah in Absprache mit den Angehörigen

Das Brüder-Grimm-Denkmal zeigte sich jetzt auch neu gestaltet mit dezentem Blumenschmuck und einer übersichtlichen Tafel mit Fotos und den Namen der Getöteten. Die Neugestaltung, so ergänzte das Stadtoberhaupt, sei gemeinsam und in Absprache mit Angehörigen erfolgt.

Newroz Duman von der Initiative fordert lückenlose Aufklärung.

Das Denkmal der Brüder Grimm in Hanau sei ein Symbol dafür, dass sich die Hanauer auch in schweren Zeiten nicht unterkriegen ließen. „Wir sind gemeinsam in der Lage, die Zukunft zu gestalten“, so Kaminsky. Die Brüder Grimm mit ihrem Anspruch auf Selbstbestimmtheit und Toleranz hätten gewiss nichts dagegen, als Ort der Erinnerung für den 19. Februar zu dienen. Gleichwohl habe man sich gemeinsam auf den Weg gemacht, um auf dem Hauptfriedhof an den Gräbern der Opfer, an den beiden Tatorten und einem weiteren Ort Gedenken in würdiger Form zu gestalten.

Initiative des 19. Februar Hanau forderte Antworten von Bund und Land

Das neue Banner am Rathaus wurde gestern enthüllt.

Für die Initiative des 19. Februar Hanau sprach anschließend Newroz Duman und erklärte, „wir fragen uns seit dem 19. Februar täglich, wie das geschehen konnte. „Wenn wir nicht laut sind und keine Fragen stellen an Bund und Land, wird es keine Antworten geben.“ Man brauche eine lückenlose Aufklärung, und das sei nicht nur eine Sache von Hanau, es sei eine Angelegenheit der gesamten Politik. „Wir fordern das Erinnern, Gerechtigkeit, Konsequenzen und Aufklärung“, so Duman.

Vor dem Brüder-Grimm-Denkmal waren erstmals die Zeichnungen der Opfer des 19. Februar zu sehen.

Abschließend riefen Duman und Yilmaz-Ilkhan zur großen Gedenkdemonstration am kommenden Samstag auf. Die rund 5000 aus dem ganzen Bundesgebiet erwarteten Teilnehmer versammeln sich um 13 Uhr am Kurt-Schumacher-Platz. Gegen 13.30 Uhr zieht der Zug in die Innenstadt zum Freiheitsplatz. Dort wird den Angehörigen des Anschlags in Hanau aber auch Opfern von Anschlägen in anderen Städten das Wort erteilt. Angekündigt hat sich unter anderem der Präsident von Eintracht Frankfurt, Peter Fischer, der für seine klaren Worte gegen Rechts bekannt ist. (Von Jutta Degens-Peters)

Rubriklistenbild: © Patrick Scheiber

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