Corona-Pandemie

Alltag auf der Covid-Intensivstation: Einblicke beim Klinikum Hanau

Gerade ist ein Notfall ins Klinikum Hanau eingeliefert worden. Jetzt muss es schnell gehen. Ärzte und Pflegepersonal arbeiten auf der Corona-Station Hand in Hand.
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Gerade ist ein Notfall eingeliefert worden. Jetzt muss es schnell gehen. Ärzte und Pflegepersonal arbeiten hier Hand in Hand.

Die Corona-Pandemie bringt Kliniken und Personal an ihre Grenzen. Wir haben uns den schwierigen Alltag im Klinikum Hanau angeschaut.

  • Die Covid-Intensivstation am Klinikum Hanau arbeitet an der Belastungsgrenze.
  • Es musste bereits eine zweite Intensivstation für Corona-Patienten geöffnet werden.
  • Personalmangel ist auch auf Corona-Station in Hanau ein großes Problem.

Hanau – Die Tür zu Krankenzimmer ist geöffnet. Im Bett liegt ein Mann, zugedeckt mit einem Laken. Regungslos. Eine Pflegerin und ein Pfleger stehen rechts und links neben ihm. Über Kabel und Schläuche ist der Körper des Mannes mit Maschinen verbunden. Es piept und summt. Linien in verschiedenen Farben zeigen die Werte für Herzfrequenz, Blutdruck, Atmung und Sauerstoffsättigung im Blut.

Im Gespräch: Susanne Hoyer, die Bereichsleiterin der Covid-Intensivstation, und Christof Weinbrenner, der Chefarzt der Station.

Auf der Covid-Intensivstation in Hanau: Wie lange hält ein Mensch so etwas aus?

Am Wochenende haben die Ärzte auf der Covid-Intensivstation den Mann in einen künstlichen Schlaf gelegt. Im Koma spürt er nicht, dass eine Maschine ihn am Leben erhält, sein Blut aus dem Körper pumpt, es von Kohlendioxid reinigt und wieder zurück pumpt. Drei Liter pro Minute. Alle acht Stunden lagern fünf Pflegekräfte ihn um, vom Rücken auf den Bauch, dann wieder zurück.

Wie lange hält ein Mensch so etwas aus? „Das kann niemand sagen“, erklärt Oberarzt Daniel Schäffer und schaut zu seinem Patienten. Er weiß, wie kritisch es um ihn steht. Eine Infektion könnte sein Todesurteil sein.***

Pandemie: 13 von 22 Intensivbetten am Klinikum Hanau mit Corona-Patienten belegt

Dann öffnen sich die Türen. Rettungssanitäter rollen einen Mann herein. Der Notarzt konnte ihn zuhause wiederbeleben, jetzt muss er stabilisiert werden. Ob er Corona hat, wissen sie erst in drei Stunden. Dann liegt das Testergebnis vor. „Solange wird der Mann auf der Intensivstation so behandelt, als wäre er Covid-positiv. Wir behandeln alle Notfälle hier so“, erklärt Schäffer. Neben Corona werden die „normalen“ Fälle oft vergessen, aber auch die Patienten mit Herzinfarkt oder Schlaganfall müssten behandelt werden. Weinbrenner ergänzt: „Am Wochenende hatte ein Mann in Bruchköbel einen Herzinfarkt. Es hat eine Stunde gedauert, bis eine Klinik freie Kapazitäten gemeldet hat. Das ist eine Katastrophe.“

Aktuell sind auf der Covid-Intensivstation am Klinikum 13 von insgesamt 22 zur Verfügung stehenden Betten belegt**. Alle Patienten hier müssen beatmet werden. Das Personal muss sich hier besonders schützen. Verlässt der Pfleger eines der Einzelzimmer, müssen Kopfdeckung, Kittel, Maske, Schuhüberzieher, Brille und Handschuhe gewechselt werden. An jeder Zimmertür erinnern Bilder an diese Arbeitsschritte, regelmäßig gibt es Schulungen.

Klinikum Hanau: 9 von 14 Betten auf der Corona-Verdachtsstation belegt

Es ist die größte Gefahr und sicher eine, wenn auch nicht täglich ausgesprochene Sorge, dass man etwas vergessen, sich oder die Familie durch Unachtsamkeit oder weil es schnell gehen muss, anstecken könnte. Susanne Hoyer weiß, wie wichtig dieser Selbstschutz bei allem Druck, bei aller Belastung ist, auch wenn es alle 14 Tage ein Routine-Screening des Personals gibt. Hoyer ist die Bereichsleiterin der Covid-Intensivstation. 40 Mitarbeiter muss sie koordinieren, einige in Voll-, viele in Teilzeit. In drei Schichten versorgen sie die Patienten.

Wer hier aufgenommen werden muss, war entweder schon auf der Verdachtsstation, hier sind aktuell 9 von 14 Betten belegt, oder auf der Normalstation für Corona-Patienten. Hier sind derzeit 44 von 54 Betten belegt, und auch hier müssen die Patienten beatmet werden. Fünf bis zehn Prozent von ihnen werden im Verlauf der Erkrankung zu Intensivpatienten. Über 360 Menschen mit Corona waren seit März als Patienten im Hanauer Klinikum.

Corona-Patienten in Hanau: Zwei bis drei Wochen Aufenthalt ist normal

Die Corona-Zahlen steigen. Seit einigen Tagen schlagen bundesweit immer mehr Krankenhäuser Alarm, weil sie an ihre Belastungsgrenzen kommen. Hanau ist da keine Ausnahme. „Am Freitag mussten wir unsere zweite Intensivstation für Covid-Patienten öffnen“, sagt Christof Weinbrenner. Es gab zig Fälle in Altenheimen, unter anderem in Großkrotzenburg, die Zuweisungen kamen im Stundentakt, so der Chefarzt. Die Erkrankten wurden in verschiedene Häuser gebracht – nach Frankfurt, aber eben auch ans Klinikum Hanau. Nicht Betten oder Beatmungsgeräte fehlen hier in diesen Dezember-Tagen, sondern das Personal. Auf zwei Patienten kommt eine Pflegekraft. Auf Dauer sei das nicht leistbar.

Hier sitzt jeder Handgriff: Oberarzt Daniel Schäffer fordert ein Medikament an und bekommt es prompt samt Spritze gereicht.

Wer mit Corona auf die Intensivstation kommt, verlässt diese nicht nach drei oder vier Tagen wieder. Zwei, drei Wochen sei die Regel, so der Chefarzt. Die meisten Todesfälle gibt es in der Altersgruppe der über 80-Jährigen. Die Jungen, die überleben, tragen meist Folgeschäden davon, weil das Nervensystem geschädigt ist. Geruchs- und Geschmackssinn kehren erst nach Monaten zurück.

Angehörige dürfen nicht auf die Corona-Station im Klinikum Hanau

Es ist der Anstieg der Zahlen, der dem Personal Respekt abringt und ihnen sicher auch Furcht einflößt. Wie viele Tausend andere Menschen tragen das Virus noch in sich? „Die steigende Anzahl der Covid-Positiven ist für uns hier die größte Herausforderung“, sagt Beate Junk. Die stellvertretende Pflegedienstleitung kann sich noch gut an den Sommer erinnern. Da waren zwei Patienten auf der Corona-Station und ein Intensivbett belegt. „Nach den Herbstferien sind die Zahlen gestiegen“, so Weinbrenner. Schleichend. Aber stetig. Der Mediziner ist sich sicher, dass die Zahlen weiter steigen werden bis Mitte Januar. Erst dann werde der ab heute geltende harte Lockdown Auswirkungen auf die Zahlen haben.

Angehörige dürfen nicht auf die Covid-Station kommen. „Nur wenn der Patient im Sterben liegt und die Angehörigen nicht an Corona erkrankt sind, können wir eine Ausnahme machen“, erklärt Susanne Hoyer. Alleine sterben müssen? Der Gedanke daran jagt selbst der erfahrenen Intensivpflegekraft einen Schauer über den Rücken.

Klinikum Hanau: Hoffnung darauf, dass die Menschen die Situation ernst nehmen

Das Personal sei müde, sagt Weinbrenner. Noch im Frühjahr, als die Zahlen eher niedrig und die Verläufe leicht waren, war die Bereitschaft, einzuspringen oder eine Extraschicht einzulegen, groß. „Jetzt ist das nicht mehr so, weil kein Ende absehbar ist.“ Hoyer und Junk loben ihr Team. Auch wenn es schneller knalle, weil alle angespannt seien, „ist die Kommunikation zwischen den Berufsgruppen deutlich besser geworden.“

Sie und ihre Kollegen hoffen darauf, dass die Menschen draußen die Situation ernst nehmen und dass künftig mehr getan wird in puncto Personal und Bezahlung. Immerhin liegen hinter den Intensivpflegekräften drei Jahre Aus- und zwei weitere Jahre Weiterbildung. Dass sich hier von heute auf morgen nichts ändern wird und kann, weiß Junk sehr gut. Aktuell akquiriert das Klinikum Hanau Pflegekräfte von den Philippinen. Die Bewerbungsgespräche werden über Skype geführt. Wer Interesse hat nach Deutschland zu kommen, wird aus der Klinik vor Ort direkt zum Deutsch-Sprachkurs geschickt. Ende 2022, Anfang 2023 sollen die neuen Mitarbeiterinnen anfangen am Klinikum.

Gibt es auch Lichtblicke? Beate Junk lacht. „Wir freuen uns mit allen, die wieder gesund werden, die uns schreiben oder noch mal besuchen. Das ist positiv, das macht uns Mut.“

Im Oktober schilderte eine Patientin des Krankenhauses in Offenbach die Situation auf der Corona-Situation* aus ihrer Perspektive. (Yvonne Backhaus-Arnold) *op-online.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

** 13 der 22 Intensivbetten sind (Stand 16.12.2020) mit Covid-Patienten belegt. Die restlichen neun Betten sind mit „normalen“ Intensivpatienten belegt. Die Auslastung liegt hier auch bei nahezu 100 Prozent.

*** Aufgrund von Persönlichkeitsfragen wurden Änderungen am Text vorgenommen.

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