Emotionale Geschichte

Mann sucht ein Jahr lang vergeblich nach Lebensretterin – Jetzt hat er sie gefunden

Die Freude steht ihnen ins Gesicht geschrieben: Raimund Weber trieb ein Jahr lang um, wer die Frau ist, die ihm im April 2020 auf dem Rondo-Parkplatz wahrscheinlich das Leben gerettet hat. Und auch Petra Schließmann fragte sich, was aus dem Mann geworden war, dem sie geholfen hatte.
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Die Freude steht ihnen ins Gesicht geschrieben: Raimund Weber trieb ein Jahr lang um, wer die Frau ist, die ihm im April 2020 auf dem Rondo-Parkplatz wahrscheinlich das Leben gerettet hat. Und auch Petra Schließmann fragte sich, was aus dem Mann geworden war, dem sie geholfen hatte.

Ein Mann aus Hanau-Steinheim erleidet einen Schlaganfall. Eine unbekannte Frau rettet ihm das Leben. Nun kann er sich endlich bedanken.

Hanau – „Ich muss mich erst einmal setzen und tief durchatmen“, sagt Evelin Weber, als sie vorige Woche am Telefon von unserer Zeitung die Nachricht bekommt, dass ein Suchaufruf in unserer täglichen Kolumne erfolgreich war. Mit stockender Stimme, hörbar den Tränen nahe, kommt erst nur ein Wort: „Dankeschön.“ Noch mal und noch mal. „Ich bin total überwältigt.“ Evelin Weber informiert sofort ihren Mann, für den ein Herzenswunsch in Erfüllung geht.

Wenige Minuten zuvor hat sich Petra Schließmann, die unseren Aufruf gelesen hatte, am Redaktionstelefon gemeldet. Sie sei die Frau, die damals auf dem Rondo-Parkplatz in Steinheim geholfen habe. Die Lebensretterin ist gefunden.

Hanau: In wenigen Minuten ging es um Leben und Tod, er überlebt dank seiner Lebensretterin

Rückblende: Am Vormittag des 15. April 2020 ist Raimund Weber mit seinem Auto auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums Rondo an der Otto-Hahn-Straße in Steinheim. Plötzlich wird ihm schlecht und schwindelig. Er kann sich nicht mehr auf den Beinen halten, setzt sich zunächst neben sein Auto in der Hoffnung, dass es ihm bald besser gehen würde. „Ich habe dann in meinem Auto die Sitzlehne zurückgestellt, mich hineingesetzt und die sogenannte Schocklage eingenommen“, erzählt der Klein-Auheimer im Gespräch mit unserer Zeitung. Immer noch in der Hoffnung, dass es ihm gleich wieder besser geht. Doch es wird nicht besser. Im Gegenteil.

Was Raimund Weber erst später erfährt: Es geht für ihn in diesen Minuten um Leben und Tod. Der 72-Jährige hat einen Schlaganfall erlitten. Dass er ihn überlebt, ist wohl Petra Schließmann zu verdanken, die sofort handelt und den Rettungsdienst verständigt – was Raimund Weber zunächst gar nicht will. Doch die 68-Jährige bleibt resolut, kurze Zeit später kommt ein Rettungswagen, dann auch ein Notarzt. Erinnern kann sich der ehemalige Lehrer der Lindenauschule kaum mehr an jenen dramatischen Mittwochvormittag. „Ich habe noch gesehen, wie sich eine Frau über mich gebeugt hat“, berichtet Weber.

Hanau: Auch die Lebensretterin fragte sich, was aus dem Mann wurde, dem sie geholfen hatte

Die Steinheimerin ist mit ihrem Fahrrad unterwegs und will einkaufen gehen, als sie Weber in seinem Auto liegen sieht. Schnell realisiert sie die Lage, stellt ihr Fahrrad ab und läuft zu Webers Auto, spricht ihn an. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass zu jenem Zeitpunkt, im April 2020, die Corona-Pandemie bereits ausgebrochen war. Nachdem sie mit der Rettungsleitstelle telefoniert hat, bleibt Schließmann bei dem 72-Jährigen, bis die Rettungssanitäter sich um ihn kümmern.

Der Krankenwagen fährt Raimund Weber in die Uniklinik in Frankfurt, ihm wird ein Thrombus im Kleinhirn, der den Schlaganfall verursacht hat, entfernt. Rund zehn Tage bleibt er in Frankfurt, anschließend macht er eine fünfwöchige Reha im Taunus. „Ich habe mich relativ schnell erholt“, erzählt der Rentner. Mit den Folgen des Schlaganfalls kämpft er freilich immer noch, das Sprechen fällt ihm schwer, auch körperlich ist er eingeschränkt.

Mann sucht seine Lebensretterin ein Jahr lang vergeblich. Dann wendet er sich an den Hanauer Anzeiger

Ein Jahr lang versucht Raimund Weber, seine Helferin ausfindig zu machen. Auch Petra Schließmann fragt sich immer wieder, was wohl aus dem kollabierten Mann vom Rondo-Parkplatz wurde. Einem der Rettungssanitäter hatte sie noch ihre Visitenkarte zugesteckt, doch die kommt nie beim wieder Genesenen an. Auch Raimund Weber geht seinerseits auf Spurensuche. Doch aus Datenschutzgründen erhält er von der Rettungsleitstelle keine Auskunft.

Dann bekommt er den Tipp eines Bekannten, sich doch mal an die Zeitung zu wenden. Gesagt, getan. Doch fast wäre es nicht zum Zusammentreffen gekommen – denn Petra Schließmann ist keine Abonnentin. Dafür aber eine Freundin von ihr, die auch Zeugin des Vorfalls im April 2020 war. Sie informiert die Steinheimerin darüber, dass sie gesucht wird.

Lebensretterin aus Hanau: „Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort“

Nach Vermittlung unserer Zeitung nehmen die beiden Kontakt zueinander auf, am vorigen Samstag folgt das erste Aufeinandertreffen. Wenige Tage später ein weiteres Treffen im Garten der Eheleute Schließmann, unsere Zeitung ist dabei.

„Es ist toll, ihn so zu sehen“, sagt Petra Schließmann. Als Lebensretterin fühle sie sich nicht, sagt die 68-Jährige, die sich seit einem Autounfall vor 27 Jahren um ihren Ehemann kümmert: „Ich war einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.“

Hanau: Mann und Lebenretterin haben sich viel zu erzählen

Auch Raimund Weber ist die Freude darüber, dass er Petra Schließmann letztlich gefunden hat, anzusehen. In Kontakt bleiben wollen beide auf jeden Fall. Sie kennen sich ja nicht einmal richtig. „Ich weiß gar nicht, was Sie beruflich gemacht haben“, sagt Schließmann zum 72-Jährigen beim Rausgehen. Sie haben sich noch viel zu erzählen. (David Scheck und Christian Spindler)

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