Erst impfen, später berichten

Warum die Corona-Impfquote im Main-Kinzig-Kreis niedriger als im Hessen-Durchschnitt ist

Hinkt der Kreis bei den Impfungen dem Land Hessen hinterher? Angeblich nicht – laut Kreis sind die Zahlungen niedriger, weil in der Statistik bisher Tausende Impffälle aus den Hausarztpraxen fehlen.
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Hinkt der Kreis bei den Impfungen dem Land Hessen hinterher? Angeblich nicht – laut Kreis sind die Zahlungen niedriger, weil in der Statistik bisher Tausende Impffälle aus den Hausarztpraxen fehlen.

In Sachen Corona-Impfungen gibt sich der Main-Kinzig-Kreis (MKK) bisweilen recht innovativ. Doch Kritiker, darunter einer von drei Behindertenbeauftragten in der Stadt Hanau, bemängeln gegenüber unserer Zeitung eine niedrigere Impfquote als im Landesdurchschnitt. Den Bürgern könnten Beschränkungen in der Pandemie nur glaubwürdig abverlangt werden, wenn sie sehen, dass auch beim Impfen alles nur Mögliche getan werde.

Hanau/Main-Kinzig-Kreis - Und das meint hier eine Erhöhung der Impfquote. Der Landkreis hält dagegen: Seine tägliche Impfquote sei höher als angegeben, sie enthalte zurzeit aber nicht alle tatsächlich erfolgten Impfungen. Stand 24. März hatte die gemeldete Quote der Erstimpfungen im Kreis beispielsweise bei 7,9 Prozent gelegen, im Landesdurchschnitt waren es 9,6 Prozent, bemerkte ein weiterer Leser. Am 8. April waren es im Landkreis 10,9 Prozent und landesweit 12,8 Prozent. Die Zahlen ändern sich zwar täglich nach oben, doch der Abstand zwischen Kreis- und Landesquote liegt auf der Hand.

Nach MKK-Angaben fehlen in der Impfstatistik tausende Impffälle, überwiegend aus Hausarztpraxen, aber auch von einigen Dialysezentren und Reha-Einrichtungen, denen er die Impfdosen-Liefermengen disponiert hat und an deren Zahl er das statistische Melde-Defizit misst. Die Kreisverwaltung verzeichnete am 8. April einen „Meldeverzug“ über einen Zeitraum von zwei Wochen. „Das Hauptproblem“, sagte Pressesprecher Frank Walzer unserer Zeitung, „ist eine umfangreiche Impfdokumentation je Impfling. Für viele Hausarztpraxen ist das neben der täglichen Arbeit und den zusätzlichen Impfterminen schwer zu bewältigen.“

Auch andere Landkreise haben Probleme

Landrat Thorsten Stolz (SPD) gibt jedoch zu bedenken: „Unser Ziel sollte nicht sein, Bürokratie-Weltmeister zu bleiben, sondern beim Impfen Fahrt aufzunehmen. Lieber schneller impfen und später berichten.“ Der Kreis ging bis vergangenen Donnerstag von nicht gemeldeten Impfungen in einer Größenordnung von 7400 aus. „Damit“, heißt es, „läge unsere Impfquote um 1,7 Prozentpunkte höher als tatsächlich angegeben.“ Am 8. April wären das statt der vermeldeten 10,9 dann 12,6 Prozent gewesen. Seit dem 23. März nehmen 46 Arztpraxen im Kreisgebiet an den Corona-Impfungen teil.

Wie auch immer die Zahlen von veröffentlichten und tatsächlichen Erstimpfungen zustande kommen – das Problem mit unvollständigen Angaben für kreiseigene Impfquoten haben nach Recherchen unserer Zeitung offenbar auch andere Landkreise, wie zum Beispiel der Nachbarkreis Offenbach: „Wir veröffentlichen zurzeit nur die Zahlen aus unserem kreiseigenen Impfzentrum und von den mobilen Impfteams, die diesem Impfzentrum angeschlossen sind“, sagte die Pressesprecherin des Kreises, Sandra-Kristin Klauß. Die Erst-Impfquote des Kreises Offenbach habe demnach am 8. April bei 11,1 Prozent gelegen. Aber längst würde auch in Arztpraxen geimpft. Und: „Bürgerinnen und Bürger unseres Kreises wurden zudem schon vor der Öffnung unseres Impfzentrums im Regional-Impfzentrum Frankfurt geimpft. Diese Zahlen hat uns das Land bislang nicht zur Verfügung gestellt. Deswegen ist die tatsächliche Impfquote unseres Kreises höher als die, die wir täglich allein auf Basis der Zahlen unseres Impfzentrums und der mobilen Teams ausweisen können.“

Verunsicherung bei den Impflingen wegen AstraZeneca

Gleiches macht auch der Landkreis Darmstadt-Dieburg geltend, wie die dortige Pressesprecherin Annika Schmid auf unsere Nachfrage mitteilte. Die Südhessen veröffentlichen zurzeit überhaupt keine Quote (prozentualer Anteil der Erstgeimpften an der Einwohnerzahl des Kreises), sondern nur absolute Zahlen, die auch hier ausschließlich aus den kreiseigenen Impfzentren in Reinheim und Pfungstadt stammen. Zahlen über Impfungen in den Arztpraxen habe man nicht. Ein Großteil der hiesigen Corona-Impfungen findet nach wie vor durch die kreiseigenen Impfzentren Gelnhausen und Hanau sowie deren mobilen Impfteams statt. Das Impftempo ist neben dem Aufklärungs- und Dokumentationsaufwand von den Impfstoff-Liefermengen und von der Termintreue der Impflinge abhängig. Das zeigte sich auch bei dem Auf und Ab um den AstraZeneca-Impfstoff.

„Die zwischenzeitliche Impfpause mit AstraZeneca hat für eine Verunsicherung bei vielen Impflingen gesorgt, die bis heute nachwirkt“, heißt es. Das habe dazu geführt, dass die Zahl der Terminabsagen an einzelnen Tagen höher als sonst gewesen sei; jetzt bewege sie sich aber wieder in einem „moderaten Bereich“. In den letzten vier Wochen hätten die Absagen zwischen drei und 40 pro Tag gelegen, aber „Impfstoff bleibt dadurch nicht liegen, weil er in die Terminplanung der Folgetage eingestellt wird“, versichert der Pressesprecher.

Forderung nach weniger Bürokratie

Inzwischen können wenigstens die Hausärzte einen kleinen Erfolg in Sachen Bürokratie vermelden. Monika Buchalik, Hausärztin in Maintal-Hochstadt und Vizepräsidentin der Hessischen Landesärztekammer, berichtet von einem Vorstoß des Hausärzteverbandes bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), wonach zumindest eine Doppelerfassung von Patienten für die Abrechnung mit der KV, die ohnehin bereits in der Arztpraxis mit persönlichen und krankheitsrelevanten Daten bekannt sind, ab sofort wegfallen kann: „Auch das war ein Aufwand, der nicht nur zusätzliche Zeit kostete, sondern auch wertvolle Arbeitskraft unserer Mitarbeiterinnen gebunden hat“, sagte sie.

Auch der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands in Berlin, Ulrich Weigeldt, unterstützt die Forderung nach weniger Bürokratie: „Der bürokratische Aufwand rund um die Impfungen sollte tatsächlich noch weiter minimiert werden, schließlich muss die Corona-Schutzimpfung irgendwann Teil der hausärztlichen Routine werden. Die Corona-Impfungen dürften in Zukunft nicht mehr Bürokratie für die Hausarztpraxen bedeuten als alle anderen Impfungen auch“, sagte er unserer Zeitung.

Von Reinhold Schlitt

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