Alle Wege führen nach Hanau

Hanau: Europäische Tourismusrouten führen durch die Brüder-Grimm-Stadt

Die Wilhelmsbader Kuranlage mit dem Comoedienhaus am oberen Bildrand war für kurze Zeit eine der ersten Kuradressen Europas. Heute ist Wilhelmsbad mit seinem weitläufigen Park ein beliebtes Ausflugsziel.
+
Die Wilhelmsbader Kuranlage mit dem Comoedienhaus am oberen Bildrand war für kurze Zeit eine der ersten Kuradressen Europas. Heute ist Wilhelmsbad mit seinem weitläufigen Park ein beliebtes Ausflugsziel.

Die Brüder-Grimm-Stadt Hanau ist nicht nur regional und national touristisch bestens vernetzt, sondern ist auch Etappenort und Partner in verschiedenen europäischen Tourismus-Konzepten.

Hanau – Mit dem Hugenotten- und Waldenserpfad, der in Frankreich und Italien beginnt und im nordhessischen Bad Karlshafen endet, wurde eine dieser europäischen Tourismus-Routen, die auch durch Hanau führt, im Rahmen unserer Serie bereits vorgestellt. Von noch größerer europäischer Dimension sind die Projekte „Via Regia“ und „Perspectiv“.

Städte mit historischen Theatern europaweit verbunden

Auf der „Via Regia“ ist auf den Pfaden jahrhundertealter Handelsrouten aus der Voreisenbahnzeit europäische Kulturgeschichte erlebbar. Die Route „Perspectiv“ verbindet europaweit Städte mit besonderen historischen Theatern – auch das hat Hanau mit dem Comoedienhaus Wilhelmsbad zu bieten.

Fast überall in Europa gibt es historische Theaterspielstätten. Sie sind ein besonderes kulturelles Erbe des Kontinents, das zu bewahren und zu pflegen sich die „Gesellschaft der historischen Theater Europas (Perspectiv)“ zur Aufgabe gemacht hat, die im Jahr 2003 gegründet wurde. Ziel des Trägervereins ist es, sehenswerte historische Theater in ganz Europa einer interessierten Öffentlichkeit näher zu bringen und damit auch einen Beitrag zu deren Erhalt zu leisten.

120 Theater in 37 Ländern miteinander verbunden

Auch zu diesem Zweck wurde die „Europastraße Historischer Theater“ aus der Taufe gehoben. Die Route führt durch insgesamt 37 (!) Länder Europas. Sie verbindet Städte mit rund 120 historisch bedeutsamen Theatern. Dabei ist die Europaroute aufgeteilt in zwölf Regionalrouten, die aneinander anschließen und auf denen es jeweils zwischen neun und zwölf historische Theaterspielstätten zu entdecken gibt.

Hanau mit dem Comoedienhaus Wilhelmsbad ist Teil der sogenannten „Deutschen Route“, die im Jahr 2007 offiziell eingeweiht wurde. Diese Route verbindet insgesamt ein Dutzend historischer Theaterspielstätten zwischen Putbus auf der Insel Rügen im Norden und Ludwigsburg in Baden-Württemberg. Weitere Stationen neben Hanau sind das Schauspielhaus Neubrandenburg, das Rokokotheater im Potsdamer Park Sanssouci, das Goethe-Theater in Bad Lauchstädt, das sogenannten „Liebhabertheater“ auf Schloss Kochberg in Großkochberg, das Ekhof-Theater in Gotha, das Hoftheater Meiningen, das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth, das Rokokotheater Schwetzingen sowie das kurfürstliche Theater Koblenz. Dass auch Hanau mit dem Comoedienhaus Wilhelmsbad in diesen „erlauchten Kreis“ historischer Theaterspielstätten aufgenommen wurde, spricht für sich.

Comoedienhaus Wilhelmsbad in Hanau wurde 1781 erbaut

Das Comoedienhaus Wilhelmsbad wurde auf Veranlassung von Erbprinz Wilhelm von Hessen-Kassel (1743-1821), regierender Graf von Hanau, im Jahr 1781 von Oberkammerrat Franz Ludwig Cancrin, dem Architekten des Kurbades Wilhelmsbad, erbaut. Dafür hatte der Erbprinz eine Bausumme von 3500 Gulden bereitgestellt. Cancrin, der die im Juni 1779 eröffnete Kur- und Parkanlage Wilhelmsbad nach nur eineinhalbjähriger Bauzeit realisiert hatte, legte auch beim Bau des Comoedienhauses ein bemerkenswertes Tempo vor.

Erst im Januar 1781 bewilligte der Erbprinz die Mittel zum Bau des „Scheunentheaters“, und bereits am 8. Juli des gleichen Jahres konnte die erste Inszenierung über die Bühne gehen: Zur Premiere gab es die Operette „Tom Jones“ von François-André Danican. Fortan gab es jeweils mittwochs und sonntags Vorstellungen im Comoedienhaus – allerdings zunächst nur für vier Spielzeiten.

Heilquelle in Hanau versiegt: Niedergang des Kurbades beginnt

Denn mit Versiegen der angeblichen Heilquelle, deren Entdeckung zur Gründung des Kurbades Wilhelmsbad geführt hatte, und mit Beginn der Regentschaft des Erbprinzen 1785 in Kassel begann auch der rasche Niedergang des einst mondänen Kurbades, das in seinen Anfangsjahren noch Gäste aus ganz Europa angelockt hatte. Mit den Kuranlagen fiel auch das Comoedienhaus in einen langen „Dornröschenschlaf“.

Erst 1928, anlässlich des 150-jährigen Jubiläums von Wilhelmsbad, erinnerte man sich auch wieder der alten Theatertradition. Das Comoedienhaus bekam elektrisches Licht und einen neuen Vorhang, und in den Jahren 1929 und 1930 fanden dort auch tatsächlich wieder einige Theateraufführungen statt, ehe das kleine Theater erneut in Vergessenheit geriet und zwischenzeitlich als Depot und zur Unterbringung von Kriegsevakuierten genutzt wurde.

Zum 200-jährigen Jubiläum: Comoedienhaus in Hanau wird restauriert

Erst das 200-jährige Jubiläum von Wilhelmsbad sollte die endgültige Wende bringen: 1968 erhielt der Frankfurter Architekt Ferdinand Kramer den Auftrag zur Restaurierung des Comoedienhauses. Auftraggeber waren das Land Hessen, der Hessische Rundfunk und die Stadt Hanau.

Im Oktober 1969 konnte schließlich das kleine Theater mit seiner außergewöhnlichen Atmosphäre, die sich durch einen engen Kontakt zwischen Künstler und Publikum auszeichnet, wiedereröffnet werden. Über Jahre war das Comoedienhaus unter anderem Schauplatz der „Wilhelmsbader Produktionen“ des Hessischen Rundfunks. Im vergangenen Jahr konnte das Comoedienhaus das Jubiläum der 50. Saison nach seiner Wiedereröffnung feiern. Leider kann wegen Corona dort zur Zeit kein Theaterbetrieb stattfinden.

Hanau Teil einer europaweiten Kulturroute

Auch im Rahmen des Projekts „Via Regia“ kann sich Hanau rühmen, im Konzert bedeutsamer europäischer Kulturstandorte mitzuspielen. Die „Via Regia“, die im Jahr 2006 als „Kulturroute des Europarates“ ausgezeichnet wurde, verbindet entlang uralter Handelsstraßen über eine Strecke von 4500 Kilometern acht europäische Länder. Sie beginnt in Santiago de Compostela und endet in Moskau. Dabei führt die Via Regia von West nach Ost quer durch Deutschland und tangiert die Bundesländer Saarland, Rheinland-Pfalz, Hessen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen.

Im Vorwort einer Infobroschüre zur Via Regia, herausgegeben vom Europäischen Kultur- und Informationszentrum in Thüringen, heißt es: „Ohne Herkunft keine Zukunft: Gerade die Geschichte der Via Regia ist ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Vergangenheit. Hunderte Denkmäler und Museen machen diese Zeit heute lebendig. Als Orte der gemeinsamen Erinnerung mehrerer europäischer Völker verkörpern sie nicht nur unsere Wirtschafts-, Kultur-, Sozial- und Migrationsgeschichte, sie sind auch ein Symbol für eine gemeinsam erworbene, allmählich gewachsene Identität.“

Neben Hanau sind in Hessen noch Frankfurt am Main, Gelnhausen, Steinau an der Straße, Schlüchtern, Fulda, Bad Hersfeld und Hünfeld/ Rasdorf Stationen der Via Regia.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare