19. Februar

Film über das Hanauer Attentat sorgt für Empörung: Opferfamilien fordern Regisseur zum Verzicht auf

Bei der zentralen Trauerfeier am 4. März brachten viele Menschen ihre Anteilnahme zum Ausdruck.
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Die Anschläge in Hanau hatten für eine breite Anteilnahme gesorgt

Ein Filmprojekt über die Attentate von Hanau sorgt bei den Familien der Opfer für Bestürzung und Entsetzen. Und auch die Stadtspitze läuft Sturm gegen die Pläne des Regisseurs Uwe Boll. Wie die „Bild-Zeitung“ jetzt berichtete, steht unter anderem Radost Bokel in dem Film vor der Kamera. Die Schauspielerin ist für ihre Rolle als „Momo“ bekannt. Sie soll das Anschlagsopfer Mercedes Kierpacz spielen.

Hanau – In einem offenen Brief fordern die Opferfamilien, Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky sowie die politischen Gremien der Stadt den Regisseur auf, die Vorbereitungen für den Film sofort einzustellen und auf die Dreharbeiten zur Realisierung zu verzichten. Die „pseudodokumentarische Ausrichtung“ könne nicht davon ablenken, dass es Boll allein darum gehe, einen persönlichen Nutzen aus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu ziehen, die das schreckliche Attentat in Hanau nach wie vor erhalte. „Unter dem Deckmäntelchen der Aufklärung und Kunst nutzen Sie das unbeschreibliche Leid der Opfer und ihrer Angehörigen, um Ihren Wunsch nach Publicity und die blutrünstige Sensationsgier Ihres Publikums zu befriedigen“, heißt es in dem Schreiben, das gestern Nachmittag veröffentlicht wurde.

Wie der Regisseur gegenüber der „Bild“ erklärte, ist der Film nicht in Hanau, sondern in Mainz gedreht worden. Boll verteidigte in dem Interview den frühen Zeitpunkt der Verfilmung: „Durch Stillschweigen verzögert man Reformen. Im Zeigen, was tatsächlich ablief, wird das Behördenversagen deutlich, das Ordnungsamt Hanau versagte jahrelang. Die psychische Krankheit und Radikalisierung des Täters war offensichtlich, und man hätte seine Waffen entziehen müssen. In der Tatnacht war die Polizei unterbesetzt, beantwortete Anrufe nicht und war viel zu spät an den Tatorten“, wird Boll in dem Boulevard-Blatt zitiert.

Kritik an der „Härte“ des Films

Der Regisseur will seinen Film offenbar Streaming-Diensten anbieten, weil er befürchtet, dass das Material den öffentlich-rechtlichen Sendern ZDF und ARD „sicher zu hart“ sei.

In der Hauptrolle: Schauspielerin Radost Bokel.

Auch dies wird von den Opferfamilien scharf kritisiert: „Es übersteigt unsere Vorstellungskraft, welche Geisteshaltung notwendig ist, um den gewaltsamen Tod von neun Mitmenschen in einer Art und Weise filmisch umzusetzen, die nach Ihren eigenen Worten zu hart für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ist“, heißt es.

Stadt droht mit rechtlichen Konsequenzen

Die Verfasser nennen es zudem „unverfroren“, dass der Regisseur im Vorfeld keinen Kontakt zu den betroffenen Familien gesucht habe. Diese hätten von den Plänen ebenso wie die Opfervereine aus der Presse erfahren. „Die dabei veröffentlichten Szenenbilder sind für die Angehörigen der Ermordeten unerträglich und verunglimpfen die Toten mit einer kaum zu überbietenden Respektlosigkeit.“

Die Stadt Hanau droht dem Filmemacher zugleich mit juristischen Konsequenzen, sollte er an der Behauptung festhalten, das Ordnungsamt habe jahrelang versagt. „Da die Stadt Hanau nicht zuständige Waffenbehörde ist, fordern wir Sie auf, diese Aussage zu unterlassen“, heißt es. Und weiter: „Wir werden gemeinsam alle Hebel in Bewegung setzen, um dieser Verzerrung der schrecklichen Ereignisse vom 19. Februar 2020 entgegenzutreten.“

Unterzeichnet haben das Schreiben auch im Namen der Opferfamilien unter anderem OB Claus Kaminsky, Bürgermeister Axel Weiss-Thiel, Stadtrat Thomas Morlock sowie alle Fraktionsvorsitzenden.  how

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