Wie Flüchtlinge Deutsch lernen

Hanau fördert Unterricht für Asylsuchende

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Nach Startschwierigkeiten sieht man sich seitens der Stadt in Sachen Sprachangebot gut aufgestellt. Seit Oktober vermitteln die 37 ehrenamtlichen Sprachlotsen rund 500 Flüchtlingen grundlegende Deutschkenntnisse.  

Hanau - Das Erlernen der deutschen Sprache gilt als wichtigste Voraussetzung für die Integration von Flüchtlingen. Die Stadt Hanau tut hier mehr als sie müsste. Von Matthias Grünewald 

Nach Startschwierigkeiten sieht man sich gut aufgestellt, dennoch meinen Lehrkräfte meinen, dass die Angebote zu wenig seien. In Kürze soll Asylbewerbern auch gemeinnützige Arbeit angeboten werden. Erika Groenegress ist eine der Lehrkräfte, die im Auftrag der Volkshochschule Flüchtlingen erste Deutschkenntnisse vermittelt. „Leider ist dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt die pensionierte Lehrerin. In ihrem Unterricht sitzen Ingenieure, Bankkauffrauen und Akademiker. „Die warten nur darauf, dass es für sie los geht.“ Zwei Mal die Woche für zwei Schulstunden eine fremde Sprache zu lernen, das ist nach Einschätzung der Lehrerin einfach zu wenig.

Dabei gilt der Spracherwerb als eine der wichtigsten Voraussetzungen für Integration. Dies sieht man auch in der städtischen Sammelunterkunft auf Sportsfield Housing in Wolfgang so. „Die Angebote sind auch ein bedeutsamer Beitrag für den sozialen Frieden“, sagt Clemens Mück, Koordinator des Hessencampus bei der Volkshochschule und verantwortlich für die Sprachprogramme in der städtischen Einrichtung. Ein Bündnis aus Wirtschaftsunternehmen, Stiftungen und Bürgerengagement unterstützt die Programme. Dass sich Flüchtlinge selbstständig in einer fremden Kultur zurechtfinden, ist die Zielsetzung von Willkommens- und Sprachlotsen. „Die Startschwierigkeiten sind überwunden“, so Stadtrat Axel Weiss-Thiel (SPD). Klagen von Sprachlotsen über Flüchtlinge, die sich für ein Sprachangebot angemeldet haben, dort aber nicht erscheinen, träfen mittlerweile nicht mehr zu. Ein Abholservice an den ersten beiden Kurstagen stellt sicher, dass die Interessenten das freiwillige Angebot wahrnehmen. „Das hilft die Wege und die neue Zeitstruktur kennenzulernen“, so Mück. Und: „Viele der Flüchtlinge sind aufgrund der traumatischen Fluchterfahrungen mit existenziellen Lebensfragen beschäftigt. Das braucht ein wenig Zeit.“

Auch mussten angesichts des großen Ansturms vom Herbst die Strukturen erst aufgebaut werden. Hier sieht man sich seitens der Stadt inzwischen gut aufgestellt. „Genau betrachtet ist die Stadt nur für die Unterbringung zuständig“, betont Weiss-Thiel. Sprachangebote seien eine freiwillige Leistung, die sowohl aus Eigenmitteln, Landes- und Bundeszuschüssen, als auch aus Spenden bestritten wird. „Dass wir ein solches Überbrückungssystem anbieten können, darauf sind wir stolz.“

Nach der Zuweisung der Flüchtlinge dauere es im besten Fall drei Wochen, bis das Sprachlernangebot ansetzt. „Das machen wir auch, weil der Verfahrensprozess bis zur Anerkennung und dem Start der Integrationskurse bisher so lange dauert.“ Die liegt zwischen vier Monaten für beschleunigte Verfahren und zwei Jahren. Zur Zeit leben in der städtischen Sammelunterkunft in Wolfgang rund 500 Flüchtlinge. „Innerhalb der nächsten Monate werden die Kapazitäten auf 1300 Plätze ausgebaut“, sagt Weiss-Thiel. 37 ehrenamtliche Sprachlotsen leisten derzeit Unterstützung. Rund 500 Flüchtlingen wurden seit Oktober erste Deutschkenntnisse vermittelt. In Kürze ist auch geplant, Asylbewerber in Arbeiten in den Unterkünften einzubeziehen. Mittelfristig will man dies auf Arbeiten innerhalb des Stadtgebietes ausweiten. Allerdings müssen hier Arbeits- und Unfallschutzvorschriften beachtet werden. „Wer einen Grünstreifen an einer Straße pflegt, muss auch wissen, wie er dies ohne Schaden für seine Person tun kann“, so der Stadtrat.

Flüchtlingsunterkunft: Eindrücke aus der Schärttner-Halle

Für die rund 100 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die zur Zeit in Hanau leben, gibt es ebenfalls ein Sprachangebot. Zwei Stunden täglich lernen sie in einem Schulraum der Robinson-Schule. Für alle anderen konnte ein Schulplatz in der Regelschule sichergestellt werden. Direkt gegenüber der von der Stadt unterhaltenen Einrichtung auf Sportsfield Housing liegt die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes. Auch hier gibt es nach Auskunft des Regierungspräsidiums ein Angebot zum Spracherwerb und Alphabetisierung. Seit November finden diese grundlegenden Sprachvermittlungskurse statt; sie werden im Auftrag der Arbeitsagentur von verschiedenen Bildungsträgern durchgeführt. Kurse, in denen auch grundlegende kulturelle Werte vermittelt werden, heißt es. Zwischen November und Anfang März sind 1 300 Flüchtlinge unterrichtet worden. Aktuell kümmern sich sieben Lehrkräfte der Bildungsträger um rund 330 Teilnehmer.

„Doch wer wirklich eine Sprache lernen will, braucht mehr“, sagt Erika Grönegress. Für die Teilnahme an einem Integrationskurs mit täglichem Unterricht und zertifiziertem Abschluss ist ein Aufenthaltstitel Voraussetzung. Und bis dieser vorliegt, vergeht mitunter viel Zeit.

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