Corona-Isolierstation

Krebspatientin mit Corona infiziert: St. Vinzenz Krankenhaus nimmt Stellung

Eigentlich hätte Ursula Lotz in ein Hospiz verlegt werden sollen, nun befindet sie sich auf der Isolierstation. (Archivbild/Symbolbild)
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Eigentlich hätte Ursula Lotz in ein Hospiz verlegt werden sollen, nun befindet sie sich auf der Isolierstation. (Archivbild/Symbolbild)

Das St. Vinzenz Krankenhaus in Hanau ist mit schweren Vorwürfen zu ihrem Umgang mit Corona-Hygienevorschriften konfrontiert worden. Jetzt meldet sich die Klinikleitung zu Wort.

Update vom Montag, 12.04.2021, 11.15 Uhr: Vernachlässigung der Hygienevorschriften, Besuchsverbot von Krebskranken und hausintern verbreitete Corona-Infektionen: Die Vorwürfe der Tochter einer Patientin des St. Vinzenz-Krankenhauses in Hanau wiegen schwer. Ihre krebskranke Mutter soll sich ihrer Meinung nach in der Klinik angesteckt haben und an Covid-19 erkrankt sein, weil das Personal keine Masken getragen habe (sie Erstmeldung). Im Gespräch mit dem „Hanauer Anzeiger“ beklagte sie, dass sie die Mutter, die im Endstadium ihrer Krankheit in ein Hospiz eingeliefert werden sollte, nicht besuchen dürfe. Die Geschäftsleitung weist nun die Kritik in einem Offenen Brief zurück.

Ärzte würden laut Klinikleitung nicht nur bei Visiten FFP2-Masken tragen, sondern „sobald das eigene Büro verlassen wird, zum Beispiel bei jedem Gang über den Flur“. Der Vorwurf, dass Ärzte Patienten begegnen, ohne eine Maske zu tragen, weist die Klinik damit vehement zurück.

Hanau: St. Vinzenz Krankenhaus weist Vorwürfe zurück

Dass sich die Krebspatientin im St. Vinzenz Krankenhaus in Hanau angesteckt habe, sei nach Angaben der Klinikleitung nicht nachweisbar. Ihre Corona-Infektion sei am siebten Tag des Aufenthalts bei einem Routinetest (PCR) festgestellt worden. Da die Inkubationszeit laut Klinikleitung bis zu 14 Tage betrage, bestünde bei Aufnahme keine Sicherheit, dass keine Corona-Infektion vorliege.

Auch zum Besuchsverbot stellte die Klinikleitung klar, dass bei Sterbenden Ausnahmen zu dem generellen Besuchsverbot bestünden und Angehörige darüber informiert seien.

Krebspatientin im St. Vinzenz Krankenhaus mit Corona infiziert: Tochter erhebt schwere Vorwürfe

Erstmeldung vom Freitag, 09.04.2021, 20.48 Uhr Ursula Lotz hat Lungenkrebs im Endstadium. Beim Kontrolltermin im St.-Vinzenz-Krankenhaus wurden Metastasen in ihrem Kopf und ihrer Leber diagnostiziert. Eigentlich sollte die 66-Jährige in ein Hospiz verlegt werden, jetzt wurde sie positiv auf Corona getestet, liegt auf der Isolierstation. Ihre Tochter, die sich am Dienstagabend per E-Mail an unsere Zeitung gewandt hat, erhebt schwere Vorwürfe gegenüber der Klinik, „die mit der Gesundheit der Patienten und des eigenen Personals spielt“.

Die Klinik hat den Sachverhalt „ausführlich recherchiert“. In der schriftlichen Stellungnahme von Jutta Berg, Pflegedirektorin am Vinzenz, heißt es: „Alle unsere Mitarbeiter tragen im Dienst bei patientennahen Tätigkeiten konsequent FFP2-Masken. Ein Großteil unserer MitarbeiterInnen ist zum heutigen Zeitpunkt geimpft, über 70 Prozent sogar zweitgeimpft. Darüber hinaus testen wir alle unsere Mitarbeiter zweimal pro Woche beziehungsweise bei Dienstantritt, nach Urlauben und nach freien Tagen.“

Ambulante Chemotherapien im St. Vinzenz Krankenhaus in Hanau

Rückblick: Ursula Lotz ist in Neuberg zu Hause. Ihr Mann und sie haben eine Tochter, Jennifer. Früher ist das Paar viel gereist, hat Zeit mit Freunden verbracht. 2011 wird Ursula Lotz’ Mann krank. Sie pflegt ihn zu Hause. 2017 stirbt er. Im September 2019 geht die gelernte Bürokauffrau in Rente, klagt zwei Monate später erstmals über Schluckbeschwerden. Die Diagnose: Lungenkarzinom. „Wir wussten von Anfang an, dass es schwer werden würde“, erinnert sich Jennifer Lotz im Gespräch mit unserer Zeitung. Sie lebt mit ihrem Partner und der drei Monate alten Tochter in Ludwigshafen, etwa 120 Kilometer von Neuberg entfernt.

Ursula Lotz bekommt mehrere ambulante Chemotherapien im St.-Vinzenz-Krankenhaus in Hanau. Ihr zur Seite steht die Frau, die schon geholfen hat, Lotz’ Mann mitzupflegen. Nach seinem Tod nahm die gebürtige Litauerin das Angebot an, im Haus in Neuberg wohnen zu bleiben, begann mit Ende 40 eine Ausbildung zur Pflegefachkraft.

Corona-positiv im Krankenhaus: Besuch im St. Vinzenz in Hanau nur mit Ausnahmegenehmigung

Am Montag vor Gründonnerstag geht es Ursula Lotz schlecht. Sie ist verwirrt, hat Schmerzen. Und so wird aus dem geplanten Kontrolltermin plötzlich ein Aufenthalt im Krankenhaus. „Danach wollten wir meine Mutter in ein Hospiz verlegen“, erzählt ihre Tochter im Skype-Interview. Doch daraus wurde nichts. „Meine Mutter wurde diesen Dienstag Corona-positiv getestet. Sie ist seither isoliert im Krankenhaus, darf keinen Besuch empfangen.“

Den letzten Besuch hatte Lotz am Sonntag. Ihre Mitbewohnerin war mit einer Ausnahmegenehmigung vor Ort. „Sie ist bereits zweimal mit dem Impfstoff von Biontech geimpft, wird als Pflegefachkraft regelmäßig getestet“, berichtet Jennifer Lotz. „Ihr Test am Dienstag war auch wieder negativ. Sie kann meine Mutter nicht angesteckt haben.“

Was ihr die Mutter im Telefongespräch und auch die Mitbewohnerin berichten, lässt sie gleichermaßen erstaunt wie verärgert zurück: „Sie erzählte mir, dass die Ärzte auf der Station der Onkologie keine Maske trugen, als sie dort war, und dass die Pfleger nur eine Maske anzogen, wenn sie jemanden ansprachen.“

Ursula Lotz (Mitte) hat Krebs im Endstadium. Im Krankenhaus infiziert sie sich mit dem Coronavirus. Eigentlich hätte sie in ein Hospiz verlegt werden sollen, nun ist sie auf der Isolierstation.

Gesundheitsamt Main-Kinzig-Kreis: „immer wieder Hinweise auf Fehler im Umgang mit Hygieneregeln“

Jennifer Lotz informiert das Gesundheitsamt des Main-Kinzig-Kreises. Sie erfährt, dass hier bereits Fälle bekannt sind. Auf Nachfrage unserer Zeitung erklärt das Gesundheitsamt: „Der vorgetragene Fall ist uns bekannt. Allgemein gilt: Das Gesundheitsamt erhält immer wieder Hinweise auf Fehler im Umgang mit den Hygieneregeln in verschiedenen Einrichtungen.“ Diese Hinweise würden ohne Nennung des Hinweisgebers an die verantwortlichen Personen in den Einrichtungen weitergegeben. Falls es konkrete Anhaltspunkte dafür gebe, dass Probleme in einer Einrichtung nicht nachhaltig gelöst würden, nehme das Gesundheitsamt Kontakt zur Leitung der betreffenden Einrichtung auf. „Dafür gab es aber in diesem konkreten Fall keinen Anlass. Gegenwärtig wird der Sachverhalt zum Covid-Geschehen im Krankenhaus St. Vinzenz geprüft.“

Jennifer Lotz ist wütend auf das Personal im Krankenhaus und traurig, dass sie ausgerechnet jetzt nicht da sein kann für ihre Mutter. „Sie hat all die Monate immer aufgepasst, jetzt wird sie vermutlich alleine im Krankenhaus sterben, und ich kann sie nicht einmal mehr besuchen und mich verabschieden. Und das nur, weil es diese Klinik trotz einjähriger Corona-Problematik scheinbar immer noch nicht kapiert hat und Hygienemaßnahmen vernachlässigt. Und weil sich das Personal nicht an die Maskenpflicht hält, infizieren sie vermutlich Patienten“, sagt die junge Frau und schiebt hinterher, „meine Mutter wäre an Krebs gestorben, ja, aber sie hätte noch ein paar Wochen im Hospiz gehabt, ihre Angehörigen hätten sie besuchen können.“

Auf der Isolierstation im St. Vinzenz Krankenhaus in Hanau – „grob fahrlässiger Vorgang“

Jennifer Lotz spricht von einem grob fahrlässigen Vorgang. Ihre Mutter ist aktuell ohne Symptome. Wann sie die Isolierstation verlassen darf, ist Stand heute unklar.

Im St.-Vinzenz-Krankenhaus werden zurzeit 22 Patienten mit Covid beziehungsweise Verdacht betreut. Das Routine-Screening der Mitarbeiter sei bis heute ohne Befund. Zurzeit befänden sich vier Mitarbeiter in Quarantäne. In der Stellungnahme heißt es: „Wir versichern Ihnen, dass sich unsere Mitarbeiter sehr verantwortlich verhalten und der Schutz unserer Patienten und Mitarbeiter oberste Priorität hat.“ (Yvonne Backhaus-Arnold)

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