Aus dem Gericht

Frau vor den Augen der Tochter getötet: Plädoyers vor dem Hanauer Schwurgericht gehen weit auseinander

Täterschaft geklärt, Urteil offen: Nach den tödlichen Messerstichen in Salmünster will das Hanauer Schwurgericht am Freitag eine Entscheidung verkünden. 
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Täterschaft geklärt, Urteil offen: Nach den tödlichen Messerstichen in Salmünster will das Hanauer Schwurgericht am Freitag eine Entscheidung verkünden. archiv

Kein Zweifel besteht vor dem Hanauer Schwurgericht mehr daran, dass Rudolf H. (43) in der Nacht zum 18. Februar seine fünf Jahre jüngere Frau mit einem Küchenmesser getötet hat. Doch die schwierige Frage ist: Wie soll er dafür bestraft werden?

Bad Soden-Salmünster/Hanau – Am Dienstag gehen die Meinungen dabei weit auseinander. Während die Anklage einen Mord aus niedrigen Beweggründen sieht und eine lebenslange Freiheitsstrafe für H. beantragt, sieht die Verteidigung einen Totschlag im Affekt – dies würde eine deutlich mildere Strafe bedeuten.

H., der bereits zum Prozessauftakt Mitte August in Tränen ausgebrochen war, sitzt diesmal regungslos auf der Anklagebank, während Oberstaatsanwalt Dominik Mies mit ihm hart ins Gericht geht: „Durch die Tötung Ihrer Ehefrau haben Sie nicht nur ein Leben ausgelöscht, sondern auch die ihrer beiden Kinder zerstört.“ Sohn und Tochter müssten diese Bürde weiterhin tragen.

Zwar sei es ein emotionales Geschehen, die Aufgabe sei es jedoch, das Verbrechen „juristisch-sachlich zu bewerten“. Der 43-Jährige habe laut Mies keine Reue gezeigt: „Ihre Tränen waren nicht authentisch.“ Vielmehr habe der Angeklagte während der Verhandlung „Selbstmitleid“ gezeigt. Zum Geschehen in dieser Nacht hat H. geschwiegen, zu seinem persönlichen Werdegang jedoch betont, dass er „Ungerechtigkeiten nicht mag“.

Angeklagter zeige laut Staatsanwalt Mies keine Empathie

Dieses Zitat bringt den Ankläger auf die Palme: „Welch’ eine Heuchlerei, so etwas in einem Mordprozess zu sagen!“ Der Angeklagte zeige „null Empathie“, so Mies.

Vor allem sein Verhalten vor der Tat entlarve ihn aus Sicht der Anklage als Mörder. Denn H. habe die Bluttat bereits mehrere Tage vorher angekündigt und auch dem 15-jährigen Sohn gesagt, er werde die Mutter umbringen.

„Das vor den Kindern zu sagen – da läuft es einem eiskalt den Rücken herunter.“ Spätestens, als er erfuhr, die 38-Jährige habe die Absicht, einen Scheidungsanwalt einzuschalten, habe er den Entschluss gefasst, seine einstige Liebe zu töten. Dabei sei es ihm „nur um sich selbst gegangen“.

Als weiteres Indiz wertet der Oberstaatsanwalt die Tatsache, dass der Angeklagte nach einem Streit am 13. Februar mit seinem Sohn in die kroatische Heimat gefahren und nur wenige Stunden vor der Tat seine Eigentumswohnung an den Vater überschrieben habe. So habe H. sein Vermögen vor einer möglichen Scheidung schützen wollen.

Tochter des Opfers habe den Tathergang detailliert geschildert

Als „bemerkenswert“ bezeichnet Mies die Aussage der 13-jährigen Tochter, die von der Schwurgerichtskammer unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen worden war. Es bestehe kein Zweifel an der Aussage des Kindes, dem der Ankläger „höchste Hochachtung“ zollt. So habe das Gericht erfahren, dass H. seine Frau bereits vorher geschlagen und verbal erniedrigt habe. Bis ins kleinste Detail schilderte die 13-Jährige zudem das Tatgeschehen. Sie sei durch den Schrei der Mutter geweckt worden, als H. seiner Frau einen Stich in die Seite versetzt und zunächst von ihr abgelassen habe.

Das Mädchen habe versucht, der Mutter zu helfen und sie ins Krankenhaus zu begleiten. Unbemerkt habe der Vater dann erneut zu dem Küchenmesser gegriffen und mit einem „Entschuldigung“ zwei weitere Male in den Oberkörper gestochen. Der tödliche Stich sei mit derartiger Wucht ausgeführt worden, dass die Frau sofort zusammengebrochen sei. Der Vater flüchtete, während das Mädchen verzweifelt bei ihrer sterbenden Mutter zurückblieb.

„Es ist schrecklich, was dieses Mädchen erleben musste“, klagt Mies an und wischt die Beteuerungen von H., er habe seine Familie immer geleibt, mit einer Handbewegung weg: „Das stimmt nicht. Ihnen waren die Kinder völlig egal!“

Angeklagter zeige „übersteigerte Besitzansprüchen“

Vielmehr habe sich der 43-Jährige als „Entscheider über Leben und Tod“ aufgespielt und aus „extrem gesteigerter Eigensucht“ sowie „übersteigerten Besitzansprüchen“ gehandelt. Mies: „Das war ein unbedingter Vernichtungswille.“

Daher sei H. auch als Mörder zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu verurteilen, fordert der Ankläger und nennt die Tat vor den Augen der Kinder „bestialisch“.

Ganz anders sieht es Rechtsanwalt Benjamin Düring in seinem Plädoyer. Das Tatgeschehen sei einfach zu klären, allerdings ganz anders zu bewerten. Dabei führt der Pflichtverteidiger vor allem das gerichtsmedizinische Gutachten ins Feld, in dem attestiert wird, dass die 43-Jährige zumindest in den Monaten vor der Tat ein „massives Alkoholproblem“ gehabt habe. Dies habe die ohnehin schon schwierige Ehe weiter belastet.

Sein Mandant sei mit der Gesamtsituation überfordert gewesen und habe durch die Drohung „Existenzängste“ entwickelt. „Er hat Panik bekommen, als die Scheidung drohte.“ Vor allem die Tatsache, dass H. aus Kroatien zurückgekommen sei und sich noch zwei Stunden in der Wohnung aufgehalten habe, zeige, dass es sich nicht um einen Mord gehandelt habe. „Er hätte gleich gehandelt und nicht gewartet.“

Durch den Ehestreit habe sich sein Mandant in einer Ausnahmesituation befunden. „Er hat rot gesehen“, so Düring, der statt eines niedrigen Beweggrundes einen „lang anhaltenden Affekt“ sieht. Daher komme nur eine Verurteilung wegen Totschlags im Affekt in Betracht, so der Strafverteidiger.

Die Urteilsverkündung ist von der Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel für kommenden Freitag um 13 Uhr angesetzt.

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