19. Februar

Gedenken und scharfe Kritik: Zum Jahrestag des Anschlags von Hanau fordern Angehörige Konsequenzen

Anlässlich des ersten Jahrestages hat die Initiative 19. Februar mit Hilfe eines Videos der Opfer gedacht. Auch der Musiker Konstantin Wecker hat sich zu dem Thema geäußert.

Rund ein Jahr nach dem rechtsextremen Terroranschlag hat die Initiative 19. Februar Hanau der Ermordeten gedacht und ihre Kritik an den Behörden bekräftigt. In einem am Sonntag im Netz ausgestrahlten Video mit dem Titel „Wir klagen an!“ sprachen Angehörige der Getöteten, Überlebende und weitere Mitglieder der Initiative von einer „Kette des Versagens“ vor, während und nach dem Anschlag. Sie erneuerten ihre Forderung nach einer „lückenlosen Aufklärung“ sowie „echten Konsequenzen“ und kündigten an, bis dahin „keine Ruhe zu geben“.

Die Initiative kritisierte unter anderem, dass Tobias R. von der zuständigen Behörde des Main-Kinzig-Kreises Waffenerlaubnisse erhielt, obwohl er wiederholt psychisch auffällig war, zwangseingewiesen wurde. Und dass die Staatsanwaltschaft Hanau sowie der Generalbundesanwalt nach einer Strafanzeige von R., die Verschwörungstheorien und rechtes Vokabular enthielt, nicht aktiv wurde. Emis Gürbüz, Mutter des ermordeten Sedat, räumte ein, dass R. die Schreiben erst später um rassistische Vernichtungsfantasien ergänzte. „Aber: Wäre es nicht dennoch nötig gewesen, dieser Anzeige mit dem offensichtlichen Verfolgungswahn insoweit nachzugehen, ob von der Person eine Gefahr ausgehen könnte?“, so Gürbüz. Zudem habe R. die Anzeige als „final“ bezeichnet und auf seine Webseite hingewiesen, die aber auch nicht geprüft worden sei.

Initiative 19. Februar äußert Kritik am Schieß- und Gefechtstraining

Darüber hinaus bemängelten die Aktivisten, dass das Schieß- und Gefechtstraining, das R. an einem einschlägigen Ort in der Slowakei absolvierte, ebenfalls ohne Folgen blieb. Es sei „schwer vorstellbar, dass kein deutscher Geheimdienst dies mitbekommen hat“, erklärte Serpil Temiz Unvar, Mutter des getöteten Ferhat Unvar.

In Hanau herrscht immer noch große Trauer

In Bezug auf die Tatnacht wurde zum Beispiel Kritik am unterbesetzten Notruf in Hanau sowie am Umgang mit den Betroffenen geübt. So erfuhren die Eltern des getöteten Vili Viorel Paun erst am Nachmittag des 20. Februar und auf eigene Initiative hin vom Tod ihre Sohnes. Filip Goman wiederum, Vater von Mercedes Kierpacz, wurde in der Tatnacht vom Spezialeinsatzkommando fälschlicherweise verdächtigt. Es wurden Waffen auf ihn und andere Familienmitglieder gerichtet.

Behörden hatten Kritik zurückgewiesen

Nach dem Anschlag empörte die Hinterbliebenen etwa die „Unsicherheit über die Abläufe nach der Tatnacht“. Besonders Serpil Temiz Unvar quälen die Fragen nach den letzten Minuten im Leben ihres Sohnes. Die vorhandenen Berichte der Ermittlungsbehörden seien sehr dürftig.

Sämtliche Behörden haben Kritik sowie eine Mitverantwortung für den Anschlag entschieden zurückgewiesen. Die Staatsanwaltschaft Hanau und die Bundesanwaltschaft etwa teilten mit, aus den bei ihnen eingegangenen Anzeigen von R. hätten sich keine Anhaltspunkte für ein strafbares Verhalten ergeben, die Ermittlungen gerechtfertigt hätten.

Konstantin Wecker nahm eine neue Version seines Liedes „Willy“ auf

Ein besonderes Zeichen des Gedenkens setzte der Musiker und Komponist Konstantin Wecker, der einen „mangelnden Aufklärungswillen“ der Behörden sieht. Zu Ehren von Vili Viorel Paun – der sich dem Attentäter in den Weg gestellt hatte – und der anderen getöteten Hanauer:innen hat er eine neue Version seines Liedes „Willy“ gesungen, die auch auf Youtube zu sehen ist.

„Erinnern kann uns Kraft geben für unsere gemeinsamen Kämpfe gegen Rassismus und für eine gerechtere Welt“, schreibt Wecker in seinem Grußwort an die Betroffenen und ihre Unterstützer:innen. In „Willy 2021“ blickt er auf Vilis Leben und seinen Mut: „Wir alle brauchen doch solche, wie’s du einer bist“, singt Wecker.       

Rubriklistenbild: © Patrick Scheiber

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