Einblick in öffentliches WC unter dem Hanauer Marktplatz

HA-Adventskalender: Geschäftigkeit auch „unter Tage“

Salomon Nii Lante hält die Toilette unterm Marktplatz in Schuss.
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Salomon Nii Lante hält die Toilette unterm Marktplatz in Schuss.

Es gibt Pforten, an deren Klinken rütteln wir vergebens. Sie bleiben verschlossen, zu, basta! An diesen Zustand haben wir uns längst gewöhnt und nehmen ihn hin. Eingänge zu gefährlichen oder verbotenen Orten gehören zu dieser Spezies, Türen zu Privathäusern sowieso und bisweilen auch Kirchentüren. Jetzt, zu Coronazeiten, sind auch Türen zu Geschäften, Restaurants oder Fitnessstudios zu. Das gefällt uns nicht, wir akzeptieren es aber, weil wir wissen, warum uns der Zutritt verwehrt wird. Bei einer Gattung Türen ist das anders: der Tür, zu der uns ein dringendes Bedürfnis geführt hat. Bleibt sie verschlossen, haben wir ein ernsthaftes Problem.

Hanau. Von diesen Türen, die uns glücklicherweise gerade in diesen schwierigen Zeiten offen stehen, gibt es in der Hanauer Innenstadt vier Stück: in den Parkhäusern Am Forum und Nürnberger Straße jeweils eine, eine in der Tiefgarage am Forum und eine in der Tiefgarage am Markt. Alle sind von morgens bis abends um 20 Uhr geöffnet, am späteren Abend kommt man hinein, indem man ein Parkticket zieht.

„Reich der Unterwelt“ ist nicht schmuddelig

Die Tür, der wir unser heutiges Adventskalendertürchen widmen, ist das öffentliche WC unter dem Marktplatz. Es wird so häufig frequentiert, wie kaum eine andere öffentliche Toilette und ist der Musterschüler unter den stillen Örtchen: Wer es benutzt - und das tun viele Marktbeschicker, die noch vor dem Krähen des Hahns ihre Stände aufbauen und auch die Kunden, die sich später zwischen Obst, Gemüse und Wurstwaren tummeln – verleiht diesem Ort Bestnoten in den Disziplinen Sauberkeit, Helligkeit und Sozialverhalten. Denn der Besuch dieses stillen Ortes, in den man über eine moderne Glastür vom Treppenhaus der Tiefgarage aus gelangt, geschieht immer in der Gewissheit, dass an den Markttagen (mittwochs und samstags), und in „normalen“ Jahren auch während des Weihnachtsmarktes und dem Betrieb der Eisbahn im Januar den ganzen Tag über freundliche Menschen für Hygiene und Ordnung sorgen.

Von der Treppe aus erreicht man das WC.

Dass dieses „Reich der Unterwelt“ so gar nichts Düsteres oder Schmuddeliges an sich hat, ist Salomon Nii Lante und seinen Kolleginnen zu verdanken. Der fest angestellte Mitarbeiter der mit der Reinigung betrauten Firma, den wir häufig hier antreffen, kümmert sich um diesen Ort. In dem erst 2014 im Zuge des Innenstadtumbaus an der Ostseite eingerichteten WC – früher befand es sich an der Marktplatz-Westseite – gibt es fünf Klosetts, die immer sauber sind. Nii Lante sorgt dafür, dass ausreichend Toilettenpapier zur Verfügung steht und die Spender mit Handseife oder Papiertüchern aufgefüllt sind. Für den 62-Jährigen, der aktuell mit Mund-Nasenmaske an seinem Arbeitsplatz zu finden ist, desinfiziert regelmäßig die Türklinken und Handläufe und reinigt zusätzlich die kompletten Tür- und Wandflächen, aktuell wegen der Pandemie in kürzeren Intervallen als üblich.

Sanftmütige Freundlichkeit

Mit seiner Arbeit ist Nii Lante sehr zufrieden, wie er versichert. „Irgendetwas muss der Mensch ja arbeiten. Warum also nicht das hier?“ Seit zwölf Jahren ist der gebürtige Ghanaer in Hanau beschäftigt. Zuvor hat er an anderen stillen Orten gearbeitet und kennt aus anderen Städten auch die Kehrseite dieser Tätigkeit. Hanau sei für ihn besonders sagt der Wahl-Maintaler.

Nicht nur, dass hier die Menschen sehr freundlich seien, besonders die Marktbeschicker und Stammkunden. Hier stehe er auch in engem Kontakt mit dem Ordnungsamt. Und wenn es wirklich einmal Probleme gebe, etwa mit einem alkoholisierten Obdachlosen, dann sei schnell jemand zur Stelle und unterstütze ihn. Doch meist komme er alleine mit seinen Kunden klar, versichert der 62-Jährige, der eine Ausbildung im Sicherheitsdienst gemacht hat. Die sanftmütige Freundlichkeit, die er ausstrahlt, dürfte ihm den Kontakt mit seinen Kunden erleichtern.

Diese Türen stehen den Bürgern immer offen.

Kosten: 50000 Euro jährlich

Bevor Nii Lante hier tageweise anwesend war, war die Arbeit für das Serviceunternehmen, das hier nur morgens und abends zum Putzen vor Ort war, nicht immer die reine Freude. Denn nicht jeder, der ein öffentliches Klosett benutzt, hinterlässt es so, wie er es sich von seiner eigenen Toilette wünscht.

Seit die Stadt Hanau und die Abteilung HIS, in deren Zuständigkeit die öffentlichen WCs fallen, die Reinigungsfirma Beckmann mit dem Service der etwas anderen Art beauftragt hat, funktioniert der Betrieb reibungslos. 50000 Euro jährlich gibt die Stadt dafür aus, dass die Bürger ohne Bedenken die stillen Orte nutzen können. Dass die Unterhaltung dieses so wichtigen Ortes nun seit vielen Jahren reibungslos läuft, verdanken die Nutzer auch dem besonderen Charakter des Reinigungsunternehmens. Denn hier arbeitet die Chefin selbst mit, weil sie den Job von der Pike auf gelernt hat. Wertschätzung für die Mitarbeiter und gegenüber den Kunden sei oberste Maxime, weiß sie aus Erfahrung. So ist sie auch telefonisch zu erreichen, wenn ein Toilettennutzer ein Anliegen oder Kritik hat.

OB Kaminsky gibt Trinkgeld

Für Salomon Nii Lante jedenfalls ist seine Arbeit ein Glücksfall. Er sieht in den Schattenseiten seines Jobs keinen Grund, demütig zu werden. Grund zur Freude hat er hingegen immer wieder. Dafür sorgen freundliche Menschen, schöne Begegnungen und nette Gesten. „Einmal war sogar der Oberbürgermeister bei mir und hat mir ein Trinkgeld hiergelassen. Ich wusste nicht, wer der freundliche Mann war, bis es mir hinterher andere Kunden erzählt haben“, sagt er und strahlt hinter seiner Maske übers ganze Gesicht.

Von Jutta Degen-Peters

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