Legendäre Geschichte

Mann klaut Gold im Millionenwert - dann schreitet sein Vater ein

Griff nach dem Gold: Ein 25-Jähriger hat in Hanau unbemerkt fast 25 Kilogramm reines Gold mitgehen lassen und dann doch ein schlechtes Gewissen bekommen. Symbol
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Griff nach dem Gold: Ein 25-Jähriger hat in Hanau unbemerkt fast 25 Kilogramm reines Gold mitgehen lassen und dann doch ein schlechtes Gewissen bekommen. (Symbolbild)

Unglaubliche Geschichte in Hanau. Ein junger Mann lässt Beute im Millionenwert mitgehen. Als er seinen Vater anruft, fällt dieser aus allen Wolken.

Hanau - Unvergänglich, ein Schmelzpunkt vor rund 1064 Grad, beständiger Glanz und ein enormer Wert, der aktuell bei 47 000 Euro pro Kilogramm liegt: Gold hat die Menschen seit jeher fasziniert – und immer wieder zu Straftaten verleitet. Ein Mann namens „Auric Goldfinger“ hätte es 1964 beinahe geschafft, Fort Knox zu knacken. Doch das war nur der Weltstar Gert Fröbe in der gleichnamigen James-Bond-Folge. Der 25-Jährige, der auf der Anklagebank des Hanauer Schöffengerichts sitzt, ist weder berühmt, noch hat er etwas mit der Traumfabrik Hollywood zu tun. Seine Geschichte ist schier unglaublich – dafür aber wahr.

Nennen wir den jungen Mann einfach L., oder besser: Geben wir ihm ausnahmsweise den Spitznamen „Goldjunge“. Denn er ist in einer düsteren Januarnacht plötzlich zum Millionär geworden – wenn auch nur für wenige Minuten. L. hat Nachtschicht als Chemikant in einem großen Edelmetallunternehmen, in dem es Fachbereiche gibt, die 365 Tage im Jahr rund um die Uhr arbeiten. Es ist 0.56 Uhr, als der 25-Jährige scheinbar eine Routineaufgabe übernimmt. In einem Stockwerk muss regelmäßig die Temperatur eines Trockenschranks kontrolliert werden.

Hanau: Sicherheit düpiert – Beute unter unbewachtem Tor durchgeschoben

In profanen Backblechen liegt „Goldschwamm“, das beim Recycling entsteht. Die vorletzte Stufe eines aufwendigen Prozesses, um das wertvolle Metall zurückzugewinnen. Wenn alles trocken ist, kommt dieses Pulver in die Schmelze und wird zu den bekannten Barren verarbeitet. Dieses Pulver, so bestätigen es später mehrere Zeugen, besteht aus Gold mit einem Reinheitsgehalt von 99,9 Prozent. Doch L. hat in diesem Bereich eigentlich gar nichts zu suchen. Die Karte mit der Zugangsberechtigung hat er sich offenbar „ausgeliehen“.

Und ihn interessiert auch nicht die Temperatur des Trockenschranks. Es geht ihm um den Inhalt. Er hat einen Bolzenschneider dabei. In Sekundenschnelle ist das Vorhängeschloss geknackt, dann nimmt er die Wannen an sich und verschwindet im obersten Stockwerk, das kaum jemand betritt. Der Goldsand verschwindet in einem Rucksack, den er nur wenige Minuten später im Hof unter einem Tor durchschiebt. Dann verlässt er das Gebäude durch den Vordereingang. Dort, so bestätigen es alle, die als Zeugen vor Gericht aussagen, ist für Langfinger kein Durchkommen. „100 Prozent Sicherheit.“ Jeder wird überprüft.

Hanau: „Papa, komm schnell runter, ich habe Scheiße gebaut“ – Vater reagiert schnell

L. verlässt das Gelände seines Arbeitgebers – wohl zum letzten Mal in seinem Leben – geht zum Tor, nimmt den Rucksack und verschwindet in die kalte Hanauer Nacht. Ein junger Mann mit einem Rucksack – nichts Ungewöhnliches. Bis auf den Inhalt. 26,91 Kilogramm Gold in einem Wert von über einer Million Euro. So beziffert es Dr. Alexandra Georgi, die Staatsanwältin, in der Anklageschrift. Es wäre ein krimineller Coup. Ein besonders schwerer Diebstahl, der mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden kann. Doch es kommt ganz anders. L. scheint ein schlechtes Gewissen zu haben, ruft mitten in der Nacht seinen Vater an. „Papa, komm schnell runter, ich habe Scheiße gebaut. Ich habe Gold geklaut.“ Der Vater fällt aus allen Wolken, als er seinen Filius sieht: „Das war in diesem Moment nicht mein Sohn.“

Doch der 46-Jährige ist ein redlicher Mann, liest seinem Sprössling die Leviten. Doch L. hat Muffensausen und verschwindet. Ohne die Millionenbeute, die der Vater an sich nimmt und zum Telefon greift. Er ruft die Wache des Konzerns an, schildert kurz, was vorgefallen ist: „Mein Sohn hat Blödsinn gemacht.“ Er will die Vorgesetzten seines Sohnes informieren und Schlimmeres verhindern. Doch es ist Sonntagmorgen. So dauert es noch eine Weile, noch ahnen selbst die Chefs der Abteilung Edelmetallsicherheit nicht, welches Ausmaß der Fall hat.

Hanau: Selbst Experten „überrascht, wie viel es am Ende war“

„Der Vater hat mit uns Kontakt aufgenommen, am Abend kam es dann zum Treffen“, bestätigt einer der Sicherheitsexperten als Zeuge. Als der Vater zum verabredeten Termin kommt, staunen die langjährigen Mitarbeiter. „Ich habe damit gerechnet, dass der Mann etwas aus seiner Jackentasche holt“, sagt der Augenzeuge. Doch der 46-Jährige öffnet dann den Kofferraum und holt den Rucksack hervor. „Wir waren überrascht, wie viel das am Ende war“, sagt ein anderer Verantwortlicher.

Der Vater erhält eine Quittung für die zurückgegebene Beute: „zirka 25 Kilogramm“ lautet das Gewicht, schnell gemessen mit einer Kofferwaage. Zurück bleiben drei verdutzte Mitarbeiter: „Wir wussten nicht, wie er das geschafft hat.“ Dann erst gehen sie zum leeren Trockenschrank. Ein „Edelmetallvorfall“ wird ausgelöst, die Kripo alarmiert. Die Ermittler sichten die Videoaufnahmen. Immer wieder kommt L. ins Bild. Doch vom eigentlichen Diebstahl gibt es keine Beweise. Im Januar 2019 hing dort noch keine Überwachungskamera.

Pflichtverteidiger rät Mandanten aus Hanau, sich sofort der Polizei zu stellen

Der Vater von L. greift am Montagmorgen sofort wieder zum Telefon und vereinbart einen Gesprächstermin am Ulanenplatz. Als der dort zusammen mit seinem Sohn die Kanzlei von Rechtsanwalt Matthias Reuter betritt, redet er Tacheles: „Herr Reuter, wir haben ein Problem.“

Der Strafverteidiger ist zunächst ebenfalls erstaunt. Doch Reuter weiß, was zu tun ist. Er telefoniert sofort mit der Staatsanwaltschaft und kündigt an: Er hätte da einen „Goldjungen“ in seinem Büro, der sich umgehend den Behörden stellen wird.

Hanau: Richterin hat erhebliche Zweifel an der richtigen Menge

So kommt es zu diesem Prozess vor dem Schöffengericht unter dem Vorsitz von Richterin Judith Schlootz, einer sehr gewissenhaften Juristin. Sie und ihre beiden Schöffinnen wollen es ganz genau wissen und lassen sich auch das fragliche Schichtbuch vorlegen, laden an insgesamt zwei Verhandlungstagen fast ein Dutzend Zeugen vor und fragen nach.

Zuvor hat der 25-Jährige auf den guten Rat seines Pflichtverteidigers gehört. Rechtsanwalt Reuter gibt eine Erklärung ab, in dem das kriminelle Husarenstück Punkt für Punkt eingeräumt wird. Ein umfassendes Geständnis.

Weiteren Fall kommt in Hanau im Nachhinein ans Licht

Denn es gibt noch einen angeblichen Golddiebstahl, der L. zur Last gelegt werden soll. Wenige Wochen vorher, rund um Weihnachten, soll schon jemand an diesem Trockenschrank gewesen und rund 1,4 Kilo Gold gestohlen haben. Während der Feiertage stand dann das übrig gebliebene Material auf dem Gang des Werksbereichs – weil die Schmelze nur an Werktagen arbeitet. Seltsam ist jedoch: Dieser angebliche Diebstahl ist bei der Polizei zunächst gar nicht angezeigt worden.

Im Nachhinein, als die Kriminalpolizei vor Ort ist, um Spuren sichern zu lassen und Beweise zu sammeln, kommt der Fall ans Licht. Noch seltsamer: Mehrfach nennt das Unternehmen neue, höhere Goldmengen. Angeblich sind über vier Kilogramm des edlen Materials verschwunden.

Hanau: „Wir handeln ja nicht mit Mehl und Zucker“

Die Berechnungen ändern sich im Laufe des Verfahrens mehrfach und verwundern zwischenzeitlich selbst Richterin Schlootz: „Das sind extrem unterschiedliche Mengen“, stellt sie fest und fordert die Zeugen auf, ihr diese Unterschiede zu erklären. Zwar beteuert ein Zeuge, dass es sich um exakt berechnete Mengen in einem Sicherheitsbereich handele und versteigt sich vor dem Richtertisch in der Behauptung: „Wir handeln ja nicht mit Mehl und Zucker.“

Doch am Ende scheint das im Verhandlungssaal niemand mehr zu glauben. Nicht einmal Staatsanwältin Georgi, die in ihrem Plädoyer diesen ominösen Anklagepunkt fallen lässt. „Die Fehlmenge ist nicht erklärbar und nicht nachgewiesen“, sagt sie und verweist darauf, dass nicht auszuschließen sei, dass irgendjemand anders zugegriffen haben könnte.

Staatsanwältin in Hanau: „Bedanken Sie sich bei Ihrem Vater und Ihrem Anwalt“

Auch die Differenzen beim großen Coup lässt sie nicht gelten, da erst fünf Tage nach dem eigentlichen Vorfall ganz exakt gewogen worden sein soll. „Die Beweislage reicht nicht aus.“ So geht die Staatsanwältin am Ende von 22,53 Kilogramm reinem Gold aus. Dass die Beute zurückgebracht wurde, L. sofort gestanden habe und bislang nicht vorbestraft sei, führe dazu, dass diese Geschichte für den 25-Jährigen glimpflicher ausgeht.

„Normalerweise ist das nicht ein Fall für das Schöffengericht, sondern für eine Kammer des Landgerichts. Dann reden wir von bis zu zehn Jahren Haft“, verdeutlicht Georgi und blickt zum Angeklagten: „Bedanken Sie sich bei Ihrem Vater und Ihrem Anwalt, der Sie dazu gebracht hat, sich sofort zu stellen – sonst wäre das ganz anders ausgegangen.“ Die Staatsanwältin fordert schließlich zwei Jahre Gefängnis auf Bewährung sowie eine Geldauflage.

Verteidiger spricht von Kurzschlussreaktion beim jungen Mann aus Hanau

„Es war eine Kurzschlussreaktion“, sagt Strafverteidiger Reuter und verweist darauf, dass sein Mandant seinen sicheren Arbeitsplatz aufs Spiel gesetzt und verloren hat. „Das war eine völlig unsinnige Aktion.“ Denn L. hätte wohl kaum die Möglichkeit gehabt, das Goldpulver bei 1064 Grad einzuschmelzen.

Die Differenzen bei der Menge hält er für „nicht erklärbar“. Dafür sei sein Mandant nicht verantwortlich zu machen. Angesichts eines zweistelligen Milliardenumsatzes pro Jahr sei die angebliche Fehlmenge für die Firma unbedeutend. Reuter beantragt eine Bewährungsstrafe von einem Jahr auf Bewährung und ist der Meinung, L. solle dafür zusätzlich etwas Arbeit leisten.

Zeuge in Hanau: „Mittlerweile hängen da natürlich mehr Kameras“

Richterin Schlootz verkündet ein salomonisches Urteil: L. erhält eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten sowie 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit als Auflage. „Sie hatten das Gold nur wenige Minuten im Besitz, aber Sie haben das Vertrauensverhältnis zu Ihrem Arbeitgeber ausgenutzt“, wägt sie exakt ab, ebenso das Geständnis gegen den „extrem hohen Wert“. Mehr sei nicht aufzuklären gewesen, da es die Zeugen nicht geschafft hätten, die genauen Abläufe zu klären. Es blieben „deutliche Sicherheitslücken“ und die Videoaufnahmen seien „nicht besonders gut.“ So kann L. schließlich gehen, auf seinen Coup ist er alles andere als stolz. Für die Abteilung Edelmetallsicherheit hat der Vorfall aber eine Verbesserung gebracht. Zumindest hat das ein Mitarbeiter ausgesagt: „Mittlerweile hängen da natürlich mehr Kameras.“ (Von Thorsten Becker)

„Vielleicht wollten Sie ja mal das ganz große Ding drehen . . ?“, vermutet Richter Dr. Niels Höra in Richtung des Angeklagten, der in kriminellen Hanauer Kreisen als „Matscho“ bekannt ist. Was der Richter nicht sagt, weiß aber jeder im Verhandlungssaal: Der Raub in Hanau ist voll in die Hose gegangen.

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