Türchen Nr. 2

HA-Adventskalender: Das Schneckenhaus bietet Bleibe in den Wintermonaten und ein sauberes Bett für Notfälle

Sichere Bleibe: Das Schneckenhaus der Ökumenischen Wohnungslosenhilfe bietet in der kalten Jahreszeit eine Zuflucht für alle Menschen, die kein festes Dach über dem Kopf haben. Im Bild der Leiter des Franziskushauses, Rainer Broßmann.
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Sichere Bleibe: Das Schneckenhaus der Ökumenischen Wohnungslosenhilfe bietet in der kalten Jahreszeit eine Zuflucht für alle Menschen, die kein festes Dach über dem Kopf haben. Im Bild der Leiter des Franziskushauses, Rainer Broßmann.

In diesem Jahr haben wir uns für Sie etwas ganz besonderes ausgedacht: dem HA-Adventskalender. Jeden Tag schauen wir hinter eine andere Tür, die man vielleicht so nicht kennt.

Hanau – Eine unscheinbare weiße Tür an der Ecke Leipziger Straße/Matthias-Daßbach-Straße. Sie ist einer von mehreren Eingängen zum „gelben Haus“, wie das Gebäude auch genannt wird. Eine Tür, die einzigartig ist. Denn sie steht allen Menschen offen, die in Not geraten sind und in den kalten Wintermonaten plötzlich kein Dach über dem Kopf haben.

„Das ist seit Jahren unser oberstes Ziel: Kein Mensch darf erfrieren“, sagt Rainer Broßmann, der Einrichtungsleiter der Ökumenischen Wohnungslosenhilfe – in Hanau seit Jahrzehnten als Franziskus-Haus bekannt. Wenn die Temperaturen konstant unter null Grad sinken, dann öffnet das Schneckenhaus, das in Zusammenarbeit mit der Stadt Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis eingerichtet worden ist. Am vergangenen Samstag ist die Wintersaison eröffnet worden.

Denn der Anfang dieses niedrigschwelligen Angebots hat einen traurigen Hintergrund. Ende der 1980er Jahre: Menschen, die im Winter unter Brücken „gehaust“ haben, weil sie kein eigenes Zuhause mehr hatten. Und ein Todesfall, mitten auf dem Marktplatz, als ein Mensch erfroren ist.

Vergangene Saison dauerte von November bis April

Seitdem sind Broßmann und seine Kollegen immer wieder mit den Schicksalen konfrontiert. Meistens in den Abend- und Nachtstunden. Denn es reicht, die Klingel am Eingang zu drücken. „Wir haben die Dienste aufgeteilt – es ist immer jemand aus unserem Team, der Rufbereitschaft hat.“

Dann öffnet sich die Tür zum Schneckenhaus. Es ist ein kleiner Raum mit einem sauberen Bett, einem Schrank und einer Heizung sowie Zugang zu Sanitärräumen.

Die vergangene „Saison“ dauerte von November 2019 bis in diesen April. „Es sind insgesamt 58 Menschen gewesen, denen wir eine sichere Zuflucht bieten konnten“, so Broßmann. Es sind Schicksale, die unterschiedlicher nicht sein könnten. „Es sind sehr vielfältige Geschichten, aber es verbergen sich immer wieder Schicksale dahinter.“ Beispielsweise der 46-Jährige, der plötzlich mittellos ist und in einer Tiefgarage übernachten muss. Oder eine 24-Jährige, die völlig aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Übernachtungsgäste sind ebenso Partner, die plötzlich vor die Tür gesetzt worden sind oder ein dänischer Tourist, der am Hanauer Hauptbahnhof strandet und nicht mehr weiter weiß. In kalten Nächten sind Menschen, die anderen helfen, meist rar. Letzte Anlaufstellen sind Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste. „Wir sind mit allen Stellen vernetzt“, sagt Broßmann. Und so hat eine Streife auch eine ältere Dame zum Schneckenhaus gebracht, die nicht mehr wusste, wo sie hingehört.

Schätzungsweise 30 Menschen im Kreis haben keine Unterkunft

Der Vorteil des Franziskus-Hauses: Am Morgen nach der frostsicheren Nacht sind erfahrene Sozialarbeiter zur Stelle, um sich den Fällen anzunehmen. „Bei der älteren Dame haben wir schnell ermittelt, dass sie bereits von einem Altenheim gesucht wurde.“

Wer tatsächlich von Wohnungslosigkeit betroffen ist, dem bietet die Einrichtung eine temporäre Bleibe in der Herberge. Wer nicht mehr auf der Straße leben möchte, bekommt die Chance, im Übergangswohnheim neue Perspektiven für sein Leben zu entwickeln. Wohnsitzlose gibt es viele in der Region.

Weitere Informationen

Wer das Franziskus-Haus unterstützen möchte, findet auf der Homepage weitere Informationen zu den Angeboten.

„Im Kreis sind es schätzungsweise 30 Menschen ohne Unterkunft. Einige von ihnen leben in den Wäldern. Hinzu kommen rund 100, die unser Haus als Postanschrift haben, weil sie keinen festen Wohnsitz haben“, rechnet Broßmann vor. Hinzu komme die „verdeckte Obdachlosigkeit“ – Menschen ohne eigene Wohnung, die sich ständig eine neue Bleibe suchen müssen, beispielsweise durch „Couch-Hopping“.

Täglich kommen rund 50 Menschen ins Franziskus-Haus

Die Wohnungslosenhilfe hat bislang auch der Corona-Pandemie getrotzt. Dennoch musste aus Hygienegründen die Zahl der Betten in den Unterkünften ebenso reduziert werden wie die Sitzplätze in der Tagesstätte, in der warme Getränke und Speisen ausgegeben werden. „Es klappt auch unter diesen Bedingungen.“ Selbst der „Anziehpunkt“, die ehrenamtlich geführte Kleiderkammer, war wieder unverändert in Betrieb. Seit November musste diese jedoch zum Schutz der Ehrenamtlichen geschlossen werden. Kleiderspenden werden jedoch weiterhin angenommen direkt an Wohnungsloses ausgegeben.

Ebenso werden die Tagessätze von 14,40 Euro pro Kopf von Mitarbeitern des Kreises werktäglich im Franziskus-Haus ausgegeben. „Das sind dann täglich bis zu rund 50 Menschen, die zu uns kommen“, berichtet Broßmann. Er befürchtet jedoch, dass es in der Zeit nach der Pandemie einen noch weitaus größeren Bedarf an Hilfen und Unterstützung für Menschen geben wird, die ihre Wohnung verloren haben. „Momentan greifen die Corona-Ausnahmeregeln noch.“

Daher freut sich das Team im „gelben Haus“ über die Unterstützung der Bürger. Sei es aktiv als ehrenamtliche Helfer oder als Spender, um Wohnsitzlosen gezielt helfen zu können.

Hier geht es zum vorherigen Teil des HA-Adventskalenders.

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