Türchen Nummer 3: Wenn der Bart ab ist, ist er ab

HA-ADVENTSKALENDER: Die Coronakrise verlangt dem Koch Karl-F. Wagener Ungewöhnliches ab

Hereinspaziert: Karl-F. Wagener ist seit Corona seinen Bart los.
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Hereinspaziert: Karl-F. Wagener ist seit Corona seinen Bart los.

In diesem Jahr haben wir uns für Sie etwas ganz besonderes ausgedacht: dem HA-Adventskalender. Jeden Tag schauen wir hinter eine andere Tür, die man vielleicht so nicht kennt.

Hanau – 2,10 auf einen Meter zehn, aus schwerem Metall, mit glattem, dunkelgrünem Anstrich und vier parallel verlaufenden Linien – die Haustür zum Mietshaus an der Schwalbenstraße 2 in Hanau hat alles, was eine solide Haustür braucht: Sie wirkt einladend für die, die hier willkommen sind und abweisend für jene, die sie abhalten soll. Hinter dieser Tür lebt seit 20 Jahren der Wahlhanauer Karl-F. Wagener mit seiner Frau. Und aktuell ist er sehr viel zu Hause -– wie viele, die der erneute Teillockdown aus dem gewohnten Rhythmus bringt.

Normalerweise ist der 62-Jährige fast täglich in der Herrnmühle. Denn seit Februar 2019 arbeitet er als Koch im Cafe überm Fluss. Dieses integrative Projekt des Vereins Lebensgestaltung, das vor Kurzem zwei seiner Angestellten übernommen haben, war genau das richtige für den umtriebigen Kerl, dem der Schalk im Nacken sitzt: „Ich sehe mich als gebürtiger Nordhesse hier im Rhein-Main-Gebiet als Entwicklungshelfer in Sachen Kulinarik“, sagt er und grinst. Die Ahle Worscht will er hierher gebracht haben. Und er behauptet, dass „Schepperlinge“, auf einer Gussplatte im Holzofen gebackene Reibekuchen, allen Ernstes die Griee Soß um Längen schlagen könnten.

Als Koch ist er herumgekommen. Gelernt hat er in Villingen, gearbeitet eine Weile in der Schweiz, bevor er 25 Jahre für einen Großcaterer für die Firma Siemens als Koch und Betriebsleiter tätig war. Damals ist er viel gereist, hat Messen besucht wie die Ambiente und die Tendence, und aus dieser Zeit eine besondere Leidenschaft mitgebracht: die für Weihnachtsmärkte und Weihnachtsdeko. Davon zeugen nicht nur die beleuchtbaren Rehlein, Kerzen und Sterne im Garten hinter dem Haus. Auch im Wohnzimmer verbreiten rote, kuschelige Hussen mit der Aufschrift „Frohe Weihnachten“ und kleine Sternchen am silbernen Leuchter vorweihnachtliche Stimmung.

Dieses Faible teilt er mit seiner Frau – und aktuell nur mit ihr. Denn wegen der Corona-Pandemie sind die Weihnachtsmärkte fast alle abgesagt, und Treffen im eigenen Garten mit den Nachbarn bei Glühwein und Punsch sind auch nicht möglich. Zumal Wageners Frau gesundheitlich angeschlagen ist und besonders vorsichtig sein muss. „Zu normalen Zeiten gehörte es für uns dazu, uns mit Freunden auf Weihnachtsmärkten zu treffen, Hanau, Frankfurt, Nürnberg, wo immer gerade ein Weihnachtsmarkt stattfand.“ Dem Reiz von Mandel- und Glühweinduft konnten sie sich nicht entziehen.

Auch beruflich ist Wagener ausgebremst. Denn an seiner neuen Stelle in der Herrnmühle, die er mit viele Engagement begonnen hat, ist Kurzarbeit angesagt. Das Café ist geschlossen, und keiner weiß, wann es wieder öffnen darf. Das bedauert er sehr, zumal er die Restaurantschließungen ohnehin falsch findet: „Viele Gastronomen haben sich richtig viel einfallen lassen und viel investiert in ihre Hygienekonzepte“, sagt er. Und im öffentlichen Raum lasse sich die Einhaltung der Regeln doch viel besser kontrollieren als im privaten Umfeld. Wenn er morgens hinter den vollgestopften Schulbussen herfahre, falle ihm immer wieder auf, wie wenig zu Ende gedacht die von der Regierung verfügten Maßnahmen seien.

Seine Arbeit in Hanau, wo er im Team mit psychisch gehandicapten Menschen arbeitet, hat sein Leben verändert, ist er überzeugt. „Ich bin viel positiver geworden“, sagt Wagener, dem das Miteinander von gesunden und beeinträchtigten Menschen liegt.

Dass in der Herrnmühle Frauen und Männer mit einer Krankheitsgeschichte ihre besonderen Talente entwickeln könnten und darüber Selbstbewusstsein entwickelten, findet er toll. Für ihn selbst war die Stelle in Hanau auch in anderer Hinsicht eine Zäsur. Nach Jahren des Hetzens, Stresses und Reisens, die ihn nach Jahrzehnten für einige Monate zu einer Zwangspause zwang, hat er hier geregelte Arbeitszeiten und steht nicht mehr Abend für Abend am Herd. So hat er auch mehr Zeit für seine spontanen Initiativen. Etwa die, die er entwickelte, nachdem er die Feuerwehr morgens um fünf Uhr durch die Straßen laufen sah, weil sie nach einer Windhose die Schäden in der Stadt beseitigten.

Er versorgte die Jungs nicht nur mit Kaffee. Er warb auch in der Nachbarschaft dafür zu sammeln, um mit dem Geld ein Dankeschön-Grillfest für die Feuerwehr zu veranstalten. „Seither bin ich auch Feuerwehrmitglied“, sagt Wagener. Er habe damit ein Zeichen setzen wollen. Dass er auch für den Fanclub der Offenbacher Kickers ehrenamtlich kocht, hören Hanauer und Frankfurter nicht so gerne. Aber hier zählt das soziale Engagement und nicht vorrangig der Lokalpatriotismus.

Eine große Veränderung hat die Coronakrise Wagener und seiner Frau auch noch beschert: den Bartverlust. Über 40 Jahre lang trug der 62-Jährige einen Kaiser-Wilhelm-Bart, war Mitglied im Bartclub und kultivierte seinen Bart mit Hingabe. Am Pfingstdienstag war damit Schluss: „Unter der Maske war das mit dem Bart einfach unerträglich, ich hab"s nicht mehr ausgehalten“, sagt Wagener. Da musste er auch in Kauf nehmen, dass sogar seine Frau ihn mit den Worten begrüßte: „Wie siehst du denn aus? Ich kenn" dich ja gar nicht mehr.“

Von Jutta Degen-peters

Eine besondere Leidenschaft: Weihnachtsmärkte und weihnachtliche Deko sind die Steckenpferde der Wageners.

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