Türen öffnen zu den Menschen

HA-Adventskalender: Evangelische Kirche geht mit Projektstelle Leben.feiern neue Wege

Auch im Freien sind Familienfeiern und kirchliche Feste möglich, wie dieses Beispiel zeigt.
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Auch im Freien sind Familienfeiern und kirchliche Feste möglich, wie dieses Beispiel zeigt.

Mit einer Projektstelle für Lebensbegleitung ergänzt der evangelische Kirchenkreis Hanau das Angebot der Kirchengemeinden. „Wir öffnen die Tür zu neuen Räumen und gehen zu den Menschen hin“, erläutern Pfarrerin Margit Zahn und Dekan Dr. Martin Lückhoff die Idee hinter der Neuerung. Die Projektstelle soll – zunächst für drei Jahre – als „mobile Stelle“ Menschen mit der Gestaltung von Ritualen an unterschiedlichen Orten begleiten.

Hanau – Zu Zeiten, in denen viele Menschen sich neue und zeitgemäße Formen der Begegnung wünschten, könne das beispielsweise eine besonders aufwändige Trauung sein. „Die kann dann durchaus auch im Park stattfinden“, erklärt Zahn.

Taufen haben am Taufbecken in einer Kirche ihren guten Ort. Aber sie lassen sich auch außerhalb einer Kirche gestalten. „Wir erleben da gerade einen Gestaltungsaufbruch“, sagt Dekan Lückhoff, der bei den Menschen eine Sehnsucht nach Orientierung im kreativen Gewand feststellt.

Ansprechpersonen stehen zur Verfügung

„Die Taufschale kann auch mitkommen in den Garten und an andere Orte“, ergänzt Margit Zahn, die zum Gespräch in die Alte Johanneskirche eine Taufschale und einen Wasserkrug mitgebracht hat. Eine Taufe wolle oft individuell gestaltet werden. „Wenn Corona vorbei ist, gibt es vielleicht wieder große Tauffeste, die am Main oder auf dem Grillplatz gefeiert werden“, stellt sie fest. Da in der Vorbereitung solcher Tauffeste Gespräche mit Müttern und Vätern und Kindern, bisweilen auch mit vielen weiteren Mitwirkenden, geführt werden müssten, sei die Projektstelle eine wichtige Hilfe. Sie könne hier unterstützen, betonen Lückhoff und Zahn. Unter dem Stichwort „Leben.feiern“ betritt die evangelische Kirche mit der Projektstelle Neuland. Auch in Nürnberg, München, Hamburg und Lübeck sind solche Stellen im Entstehen. Im Unterschied zum Pfarrer oder der Pfarrerin, die nach wie vor in ihren Gemeinden als Ansprechpersonen zur Verfügung stehen, soll die Projektstelle zunächst via Mail oder Telefon einen ersten Kontakt ermöglichen, Hemmschwellen überwinden helfen und Kontakte pflegen.

Hier könnten Menschen erfahren, wer für Ihr Anliegen, etwa eine Taufe, Beerdigung oder Hochzeit, zuständig ist und in welcher Form und an welchem Ort diese Zeremonie stattfinden kann.

Unsicherheit gegenüber Ritualen wachse

Auch ganz andere Dinge sind vorstellbar, zeigt Margit Zahn auf: „Der Segen steht im Zentrum von christlichen Ritualen. Aber er ist nicht an die klassischen kirchlichen Rituale gebunden.“ Auch ein Umzug oder ein beruflicher Wechsel könne das Bedürfnis nach einem Segen wecken. Zahn überlegt dann gerne mit Menschen gemeinsam, wie ein passendes Ritual gestaltet werden könne.

Die Unsicherheit gegenüber Ritualen wachse, haben Lückhoff und Zahn festgestellt. Viele Paare wollten gerne kirchlich getraut werden. Sie wüssten aber nicht, was genau in der Kirche geschehe, weil sie selbst noch nicht bei kirchlichen Trauungen dabei gewesen seien. Ähnliches sei bei Beerdigungen zu beobachten. Von Bestattern werde ihnen rückgemeldet, dass sich Hinterbliebene erkundigten, was zu tun sei, „wenn der Pfarrer kommt“.

Kirchliche Angebote für viele Menschen besonders wichtig

„Hier kann die Projektstelle ein Türöffner sein und signalisieren, dass die Kirche offen ist – auch und besonders für neue und kreative Ideen“, erklärt Margit Zahn. Sie weiß, dass viele Menschen mit Kirche ganz traditionelle Bilder verbinden.

Unter Corona zeigt sich nach Meinung von Dekan und Pfarrerin, dass kirchliche Angebote für Menschen besonders wichtig bleiben, wenn Einschneidendes in ihrem persönlichen Leben passiert – wenn das Leben sich verändert, wenn der Weg über die Schwelle in eine neue Lebensphase ansteht, Türen sich schließen und neue Türen sich öffnen. So habe die Pandemie vielen bewusst gemacht, wie wichtig ein würdevoller und persönlich gestalteter Abschied von einem Menschen sei oder dass der Dank für ein neugeborenes Leben in einer Feier mit anderen einen viel größeren Stellenwert erhalten könne. Viele Bürger hätten erlebt, dass seit dem Lockdown im Frühjahr beispielsweise Taufen unter strengen Hygienebedingungen mit genügend Abstand draußen im Garten oder zu Hause im Wohnzimmer (oder nach einem Gottesdienst im Familienkreis in der Kirche) gefeiert wurden.

Offene Haltung der Kirche würde unterschätzt werden

Zahn und Lückhoff betonen, dass den Menschen ihr christlicher Glaube immer dann wichtig werde, wenn es einen Anlass gebe und sie in eine besondere Situation kommen. „Dann entstehen Fragen. Dann gibt es etwas zu feiern“, sagt Lückhoff. Und er weiß, dass sich die Menschen für die besonderen Fälle im Leben auf die Kirche besinnen, weil sie wüssten, dass diese bei Ritualen wie Taufen und Beerdigungen einen großen Erfahrungsschatz böten.

„Wenn Sie dann hören, was Kirche alles kann, sind sie oft erstaunt“, sagt Margit Zahn, die immer wieder erlebt, dass man der Kirche eine offene Haltung gegenüber unkonventionellen Wegen nicht zutraut. In den letzten Jahren hat sie das als Pfarrerin am Stand auf der Hochzeitsmesse festgestellt. „Zwei lesbische Paare waren letztes Jahr sehr überrascht, dass ich sie gerne traue. Das hatten sie nicht vermutet. Dabei gibt es grade in unserer Landeskirche besonders gute Texte für gleichgeschlechtliche Paare“, erinnert sich Zahn. (Von Jutta Degen-Peters)

Kontakt

Wer gerne Kontakt mit Pfarrerin Margit Zahn in der Projektstelle „Leben.feiern“ aufnehmen will, kann dies unter 0 61 81/85 46 4 oder via E-Mail an die Adresse margit.zahn@ekkw.de tun.

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