Der jüdische Friedhof

HA-Adventskalender: Historischer Friedhof in Hanau gleicht aufgeschlagenem Geschichtsbuch

Zwischen alten Bäumen liegen insgesamt 1200 Gräber auf dem Areal am Rande der Innenstadt.
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Zwischen alten Bäumen liegen insgesamt 1200 Gräber auf dem Areal am Rande der Innenstadt.

In diesem Jahr haben wir uns für Sie etwas ganz besonderes ausgedacht: dem HA-Adventskalender. Jeden Tag schauen wir hinter eine andere Tür, die man vielleicht so nicht kennt.

Hanau – Knapp zwei Meter hoch ist die Mauer aus unbehauenen Basaltsteinen, die den historischen jüdischen Friedhof am Rande der Hanauer Innenstadt umschließt. Eine metallene Tür (und ein Tor) gewähren Zutritt zu diesem besonderen Ort gegenüber der Dermatologie des Hanauer Stadtkrankenhauses – vorausgesetzt, man hat sich vorher beim Tourismusbüro der Stadt oder bei der jüdischen Gemeinde Hanau angemeldet. Denn nur unter Begleitung eines Führers, der den Schlüssel zur Tür des Friedhofs besitzt, gelangt man hinter die Mauern des Friedhofs.

Als wir an einem kalten Dezembernachmittag einer kundigen Historikerin durch die graue Metalltür folgen, betreten wir einen verwunschenen Ort. Auf dem einen Hektar großen Gelände breiten sich vor unseren Augen die Kapitel von über 400 Jahren jüdischer Geschichte aus. Zwischen alten Tannen, Fichten und Ahornbäumen liegen 1200 Gräber und damit die Erinnerungen an ebenso viele gelebte Leben in der zweiten jüdischen Gemeinde Hanaus. Die erste war im Mittelalter während der Pest ausgerottet worden. Zur Jahnstraße hin liegen die alten und in Richtung der ehemaligen Hohen Landesschule und heutigen Psychiatrie die neueren Gräber.

Bräuche und Tradition des jüdischen Lebens haben sich gewandelt

Im Jahr 1605, kurz nachdem die Juden das Recht erhielten, sich außerhalb der Stadtmauer niederzulassen, wurde hier der erste Mensch jüdischen Glaubens beigesetzt. 1938 fand die letzte Beerdigung statt. Auf dem alten Teil des Friedhofs fanden unter anderem die Eltern von Moritz Daniel Oppenheim ihre letzte Ruhestätte. Simon Daniel Oppenheim, der Vater, war Bijouteriehändler und Gemeindevorsteher, seine Frau Gele erzog ihre Kinder zur Thora und guten Taten. So bietet der Friedhof einen Einblick in die reiche Kultur des jüdischen Lebens bis zur gewaltsamen Auslöschung durch das NS-System. 1942 wurden die letzten Juden aus Hanau und dem Umland in die Vernichtungslager deportiert.

Wer mit wachem Blick durch die Gräberreihen streift, dem können die Steine viel erzählen. Die Formen, die Steine und die Inschriften künden davon, wie sich das jüdische Leben mit seinen Bräuchen und Traditionen gewandelt hat. So findet man auf dem alten Teil des Friedhofs mit seinen oft schon zur Seite geneigten und teils verwitterten Gräbern aus rotem Sandstein fast ausschließlich Inschriften auf Hebräisch.

Auch lateinische Inschriften finden sich wieder

Wer die Schrift entziffern kann, erfährt, wie der Verstorbene hieß und wann er verstorben ist und begraben wurde. Da die Beisetzung früher am Tag des Todes geschehen musste, enthalten die Inschriften nur ein einziges Datum. Das Alter der Toten ist hier nicht zu erkennen, wohl aber, aus welchem Haus sie stammten. Kunstvolle Reliefs auf den Grabsteinen zeigen Weinreben, Kannen, Schiffe oder Karpfen. Dies waren die „Hauszeichen“, die die Familien vor der Einführung der Hausnummern kennzeichneten. Aus dem Schiff konnte sich später der Familienname Kahn oder Kohn entwickeln, aus der Rebe der Name Weintraub oder Weinreb. Besonders häufig taucht das Bild der beiden geöffneten Hände auf, Sinnbild für die Nachfahren von Priestern, den Kohanim. Vor allem aber schildern die Inschriften, was der oder die Verstorbene für die Gemeinschaft geleistet hat.

Wer das Vergnügen hat, sich von einem der sachkundigen Experten über den alten Friedhof führen zu lassen, erfährt auch, wie das Zeitalter der Aufklärung zu einem Wandel in der Begräbniskultur führte. Der Anspruch, nicht mehr ausschließlich jiddisch zu sprechen oder hebräisch zu schreiben, um sich nach außen zu öffnen, schlug sich in Grabinschriften in lateinischer Schrift nieder. Die tauchten zunächst nur auf den Rückseiten der Grabsteine auf. Später zierten sie die Vorderseite der neueren, aus schwarzem Basalt geformten Steine.

1940 ging der Friedhof zwangsweise an die Stadt

So erfahren die Besucher von der „anmutigen, tugendhaften und angesehenen Frau Fradle“, die ihre Hand den Armen reichte und am zweiten Pessachtag 514 (im April 1754) in gutem Ruf begraben wurde. Oder sie erfahren, dass Joseph Wiesenheim, der 1842 starb, weise und einsichtig war, was ihm offenbar zum Amt des Gemeindevorstehers verhalf. Auch der Arzt und Junggeselle Gumbrecht Wetzlar liegt hier begraben, der die Wetterauische Gesellschaft mitbegründete.

1940 wurden die Synagoge, das Gemeindehaus und der Friedhof zwangsweise an die Stadt verkauft. Diese Eigentumsübertragung wurde im Jahr 1950 mit einem zweiten Kaufvertrag und der Zahlung von 24 000 D-Mark bestätigt. Dieser Betrag schloss die Zahlung für den Friedhof mit ein.

Auch Besucher aus dem Ausland melden sich

Seither wird die Pflege des Grundstücks von der städtischen Friedhofsverwaltung übernommen. Und die meiste Zeit über liegt der historische Friedhof im Dornröschenschlaf. Dann aber, wenn Besucher kommen, erwacht er unter den Ausführungen der Friedhofsführer zu neuem Leben. Davon profitieren in erster Linie Erwachsene, die sich für die Geschichte der Stadt interessieren. Bisweilen aber auch Schüler, die sich im Geschichts- und Religionsunterricht mit dem Thema Juden in Deutschland beschäftigen.

Hin und wieder melden sich auch einzelne Besucher aus dem Ausland an, die es zu den Gräbern ihrer Vorfahren zieht. Gelegentlich bringen sie Gedenktafeln für ihre Vorfahren an, die nach der Vernichtung in Konzentrationslagern keine Grabstätten gefunden haben.

Die Formen, die Steine und die Inschriften künden vom jüdischen Leben in Hanau und davon, wie es sich gewandelt hat.

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