Türchen Nr. 1

HA-Adventskalender: Wieso im Goldschmiedehaus der Personaleingang eines Kaisers würdig wäre

Gäste betreten das Goldschmiedehaus durch den Vordereingang. Sie kennen das Seitenportal meist noch nicht einmal.
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Gäste betreten das Goldschmiedehaus durch den Vordereingang. Sie kennen das Seitenportal meist noch nicht einmal.

In diesem Jahr haben wir uns für Sie etwas ganz besonderes ausgedacht: dem HA-Adventskalender. Jeden Tag schauen wir hinter eine andere Tür, die man vielleicht so nicht kennt.

Hanau – Durch dieses Portal könnte der Kaiser schreiten: Zwei elegante Sandsteinsäulen fassen die beiden schweren Eichenholztürflügel ein, darüber sorgt die Andeutung eines Vordachs in elegantem Schwung für den Abschluss über einem gläsernen Ober-licht. Einst gewährte das barocke Portal an der Westseite des Goldschmiedehauses Juwelieren und Goldschmieden Einlass zum Haus des Juweliers und Goldschmieds Jean Daniel Wunderlich.

Der hatte 1856 im Alter von 30 Jahren in seinem schönen Barockbau an der Altstraße 2 in Hanau – dort also, wo heute eine Fahrschule untergebracht ist – eine Edelsteinschleiferei und eine Werkstatt für Schmuck- und Goldwaren eingerichtet. Von dem prächtigen Gebäude blieben nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch Trümmer übrig. Einzig das Portal überstand den Feuersturm.

Portal ist für Besucher tabu

Damals kamen die Stadtväter auf die geniale Idee, dem Portal dort einen neuen Platz zu geben, wo der Schmuck zu Hause ist, und bauten es beim Wiederaufbau des im Krieg ebenfalls zerstörten Goldschmiedehauses dort ein. Wenn die Leiterin des Goldschmiedehauses, in dem die Gesellschaft für Goldschmiedekunst ihren Sitz hat, Christianne Weber-Stöber, morgens zur Arbeit kommt, benutzt sie den Seiteneingang, der so gar nichts von einem „Personaleingang“ an sich hat, genauso wie alle anderen Mitarbeiter.

Dr. Christianne Weber-Stöber nutzt den Seiteneingang.

Für Besucher des markanten Fachwerkbaus auf dem Altstädter Markt bleibt das Portal tabu. Sie betreten das Goldschmiedehaus immer durch den Haupteingang, der über eine Sandsteintreppe zu erreichen ist. In der Regel gehen sie achtlos an dem Seitenportal vorbei, das nur als Personaleingang und allenfalls als Notausgang dient. Eine Bronzetafel rechts neben dem Portal weist auf Jean Wunderlich hin und erinnert somit auch an seine Nachfahren, die die Familientradition des Schmucks unter dem Namen Neumetzger weiterführten.

Trotz Beschränkungen wird versucht Künstlern eine Bühne zu geben

Wunderlich, dessen Geschäfte im 19. Jahrhundert florierten, würde Augen machen, wenn er heute das Hanauer Wahrzeichen beträte, das die Schmuckgestaltung repräsentiert wie sonst in der Stadt nur noch die Zeichenakademie: Denn im Goldschmiedehaus ruht aktuell der Betrieb, es gibt anders als sonst keine Ausstellungen, keine Führungen und keine Workshops, in denen bereits Kinder beim Arbeiten mit Silber und Steinen ihre Fingerfertigkeit ausprobieren können. Die Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass hier das Leben fast zum Erliegen gekommen ist.

Neben dem Portal werden die Besucher mit dieser Info-Tafel über den Hintergrund des Tores aufgeklärt.

Fast – denn Christianne Weber-Stöber erdenkt mit ihrem Team immer wieder neue Möglichkeiten, wie den Künstlern trotz aller Beschränkungen dennoch eine Bühne geboten und den Besuchern die Chance zur Teilhabe und zur Bildung gewährt werden kann. „Das Kulturdinner im März konnte gerade noch stattfinden“, erinnert sich die Leiterin des Hauses, danach kam der Lockdown, das Haus musste schließen.

Halbjahresprogramm für 2021 steht bereits grob fest

Später ließen die Vorsichtsmaßnahmen nur einen reduzierten Betrieb zu, womit die Anforderungen an das Team wuchsen. „Wir müssen das Haus im Gespräch halten“, betont Weber-Stöber, die sonntags zu jeder vollen Stunde Führungen mit maximal sechs Teilnehmern anbot und das Goldschmiedehaus „auf allen Kanälen“ präsent hielt. Über Podcasts, auf Facebook, Instagram und Twitter wurden besondere Künstler vorgestellt. Zu jeder Ausstellung gibt es eine digitale Präsentation.

Auch, wenn noch niemand vorhersagen kann, wann die Krise ausgestanden ist, steht das Halbjahresprogramm für 2021 bereits in groben Zügen fest. Weber-Stöber begreift sich aktuell als Einzelkämpferin für das Goldschmiedehaus, die den Laden mit ihrem Miniteam aufrecht hält. „Ohne Zuversicht kommen wir nicht weiter“, sagt sie, „wir können schließlich nicht den Abgesang der Kunst anstimmen.“

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