Quartier droht zu kippen

Häuser in Hanau-Nordwest werden gezielt weggekauft – Stadt prüft mögliche semikriminelle Strukturen

Auch in der Ostheimer Straße wurden Immobilien aufgekauft.
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Auch in der Ostheimer Straße wurden Immobilien aufgekauft.

Im Stadtteil Hanau Nordwest liegt zwischen Bruchköbeler Landstraße und Fallbach ein Quartier mit klassischen Ein- bis Zweifamilienhäusern. Ein Viertel aus der Nachkriegszeit. Jetzt ist das Quartier im Umbruch.

Hanau – Viele der Bewohner sind in einem Alter, in dem es nicht mehr leicht fällt, sich um Haus und Garten zu kümmern. Manche vererben ihre Häuser an die Kinder, andere wollen verkaufen. Oder haben schon verkauft. Bisweilen tun diese Verkäufe dem Viertel nicht gut. Bewohner sprechen von einem bundesweit zu beobachtenden Phänomen des gezielten Ankaufs, um die Immobilienpreise in Stadtvierteln finanziell zu drücken. Jetzt schaltet sich die Stadt ein und ist in Alarmstellung.

„Wir haben Angst bei jedem Haus, das zum Verkauf steht“, sagt eine Anwohnerin. Sie will anonym bleiben. Gemeinsam mit ihrem Mann lebt sie von Kindesbeinen an hier. „Vor zwei Jahren hat es angefangen. Da hat sich hier vieles geändert. Auch in unserer Straße“, erzählt sie. Von neun Häusern wisse sie, die im Viertel verkauft worden seien – an immer den gleichen Käufer, oder Mitglieder seiner Familie. Das wisse man nicht so genau. In ganz Hanau soll der Mann inzwischen 20 Häuser besitzen.

In den Häusern, manche davon sind Zwei-, vielleicht auch Dreifamilienhäuser, wohnten jetzt „sehr viele Menschen“, sagt der Ehemann der Seniorin. Was er damit meint, macht ein Blick auf die Briefkästen deutlich, die an besagten Häusern hängen. Acht Briefkästen sind es, auf fast jedem davon stehen mehrere Namen. 19 will der Mann gezählt haben. Das dürfte hinkommen. Diese Situation ist an mehreren Häusern des besagten Immobilienbesitzers zu beobachten.

Hanau: Fluktuation sei sehr hoch in dem Gebiet

Die Bewohner verortet das Ehepaar als von osteuropäischer Abstammung, betonen dabei aber, dass sie in keinem Fall ausländerfeindlich seien, ganz im Gegenteil, sie hätten selbst ausländische Mieter. Vielmehr sagen sie, dass diese Menschen ihnen leidtun. „In diesem Spiel gibt es nur einen Gewinner“, bringt es der Rentner auf den Punkt.

400 Euro sollen sie für ein Bett in dem Haus zahlen müssen, will ein anderer Anwohner, auch er möchte seinen Namen nicht öffentlich machen, wissen. Oft seien auch viele Kinder da, sagt er. „Und dann, von einem auf den anderen Tag, sind die wieder verschwunden.“

Das Wort „Kindergeldnomaden“ fällt. Und auch das Wort Clan. Und ein Vergleich mit Gegebenheiten im Ruhrgebiet. Dort ist es in manchen Vierteln so, dass möglichst viele Häuser in einem eng beieinanderliegenden Umkreis aufgekauft werden. Der Käufer gibt zu Beginn viel Geld dafür aus. Irgendwann landet das Viertel dann in einem bestimmten Niveau. Dadurch sinken die Kaufpreise für die umliegenden Immobilien. Dann kann der Käufer die anderen Häuser günstig kaufen und noch mehr Leute hineinsetzen. Und das Viertel ist kaputt.

Genau davor haben die Quartiers-Bewohner Angst. „Es ist eine schwierige Geschichte, auch für die Stadt“, sagen sie.

Claus Kaminsky, Oberbürgermeister von Hanau, will sich dem Thema annehmen

Die ist inzwischen mehr als hellhörig, was das Geschehen in Nordwest betrifft. OB Claus Kaminsky (SPD) sagt in einem Telefonat mit unserer Zeitung, dass er die Thematik „zur Chefsache“ erklärt habe. Man wolle prüfen, ob es sich „bei Teilen der Entwicklung um semi-kriminelle Strukturen“ handle. Diese, so der OB, werde man in dem Quartier nicht akzeptieren. Er spricht von dem bereits beschriebenen „bundesweit beobachtbaren Geschäftsmodell“.

Darüber, dass sich nun die Stadt einschaltet, ist der Ortsvorsteher von Nordwest, Reiner Wegener (SPD) sehr froh. „Es sind so viele Anwohner mit Beschwerden an mich herangetreten“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Bedrohungen, Vermüllung, zugeparkte Straßen, Kinder, die nach 22 Uhr noch draußen spielen“, zählt er die Vorfälle auf. Auch er bewertet die Situation so, dass hier Häuser gezielt aufgekauft, mit Mietern vollgestopft und diese Mieter vom Immobilienbesitzer ausgenutzt werden. „Ich empfinde es als Sauerei, was da hinten passiert“, so der Ortsvorsteher. „Die Leute tun mir leid. Wer zieht denn freiwillig mit so vielen Personen in so kleine Wohneinheiten“, fragt Wegener. In Nordwest sei immer alles harmonisch gewesen. „Hier leben schon immer unterschiedliche Nationen; und alle kommen gut miteinander aus. Jetzt herrscht hier eine große Unruhe. Die Bewohner gehen auf die Barrikaden.“

Stadt Hanau entscheidet in der Stadtverordnetenversammlung über ein Vorkaufsrecht

Das nun zum Einsatz kommende Instrument des städtischen Vorkaufsrechts, mit dem sich die Stadt die Möglichkeit offen halten will, Immobilien selbst zu erwerben, soll auf der nächsten Stadtverordnetenversammlung am Montag per Satzung beschlossen werden. Allerdings ist es für die Bewohner, mit denen der HA gesprochen hat, nur ein „Tropfen auf den heißen Stein“. Die Gesprächspartner sagen, an Stelle der Stadt würden sie „alle Institutionen ins Boot holen und auch überprüfen, wo überhaupt das Kapital zum Erwerb der Immobilien herkommt.“

Dass hier mehr passieren muss, scheint auch die Stadt zu wissen. Kaminsky beteuert, die Bürger in Nordwest nicht alleine stehen zu lassen. „Wir haben uns in Form eines Projekts mit anderen zusammengetan, weil hier vieles auch über die Zuständigkeiten der Stadt hinaus geht“, so das Stadtoberhaupt. Er bittet um Verständnis, dass er dies, wegen des Abstimmungsbedarfs der verschiedenen Akteure, noch nicht konkreter formulieren könne. „Fest steht, dass diese Fehlentwicklung in dem Quartier nicht akzeptabel ist.“

Auch Stadtentwickler Martin Bieberle bestätigt, dass wenn die Stadt merke, dass Personen oder Institutionen im Markt ganze Immobilienzüge oder Quartiere aufkauften, „und das nehmen wir gerade in Nordwest wahr“, das Vorkaufsrecht ein probates Mittel sei, um das Marktgeschehen zu beeinflussen. Bieberle spricht von teils überteuerten Aufkäufen von Häusern. „In dem Quartier werden im Moment sehr, sehr gehäuft Immobilien weggekauft, und das führt im Sinne von Mischung und Vielfalt zu keiner gesunden Entwicklung.“

Bleibt zu hoffen, dass mit den geplanten Maßnahmen die Negativentwicklung in Nordwest zum Stillstand kommt und, wie es der OB visioniert, wieder zum Guten entwickeln kann. Für das Quartier, seine Bewohner und für Hanau.  

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