NS-Zeit 

Gesellschaft für Goldschmiedekunst: Verstrickungen in allerhöchste Nazi-Kreise 

Mit Sonderpostkarten und Sonderbriefmarken wurde 1942 für das Deutsche Goldschmiedehaus geworben.
+
Mit Sonderpostkarten und Sonderbriefmarken wurde 1942 für das Deutsche Goldschmiedehaus geworben.

Die Gesellschaft für Goldschmiedekunst mit Sitz in Hanau hat ihre unrühmliche Geschichte während der NS-Zeit erstmals wissenschaftlich aufarbeiten lassen. 

Hanau – Die Gesellschaft für Goldschmiedekunst in Hanau hat ihre unrühmliche Geschichte während der NS-Zeit aufarbeiten lassen. Entstanden ist die Studie „Das goldene Netzwerk“, die Verstrickungen der 1932 in Berlin gegründeten Gesellschaft bis in allerhöchste Nazi-Kreise eindrucksvoll belegt. 

Als der Schweizer Schmuckgestalter Bernhard Schobinger 2016 den ihm von der Gesellschaft für Goldschmiedekunst angetragenen „Goldenen Ehrenring“ unter Verweis auf eine unheilvolle Verstrickung der 1932 als Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst gegründeten Vereinigung mit dem NS-Regime ausschlug, machte das international Schlagzeilen. Denn schließlich gilt der „Goldene Ehrenring“ als so etwas wie der Nobelpreis in der Branche. Diese Auszeichnung abzulehnen, war also durchaus ein bemerkenswertes Statement des Schweizers.

Doch Schobingers damalige Vorhersage, dass mit der Kürung eines anderen Ehrenringträgers „die peinliche Angelegenheit wohl unter den Teppich gekehrt wird - und dann war‘s das“, bewahrheitete sich nicht. Vielmehr gab der Vorfall der Gesellschaft für Goldschmiedekunst unter ihrem Präsidenten Hartwig Rohde den letzten Anstoß, die Geschichte der Vereinigung in der Zeit von 1933 bis 1945 und ihr Verhältnis zum Nazi-Regime endlich wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen.

Hanau: Goldschmiede-Gesellschaft hatte gute Nazi-Kontakte 

Damit beauftragt wurde die unabhängige Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GUG), eine international anerkannte wissenschaftliche Vereinigung, die sich auf unternehmenshistorische Forschungen spezialisiert hat. Deren Historiker Andrea Schneider-Braunberger und Michael Bermejo haben in zahlreichen Archiven in Berlin, Hamburg, Bremen, Marburg und Hanau Hunderte von Dokumenten gesichtet, um die Anfangsjahre der Vereinigung zu erforschen. 

Richard Friedrich Wilm: Strippenzieher mit besten Nazi-Kontakten

Was dabei zutage trat, haben sie in der Publikation „Das goldene Netzwerk - Die Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst in der Zeit des Nationalsozialismus“ zusammengetragen, die am Dienstagabend im Deutschen Goldschmiedehaus öffentlich präsentiert wurde und die demnächst im Buchhandel erhältlich ist.

Am Anfang der Forschungen der beiden Historiker stand eine „dünne Quellenlage“, denn das eigene Archiv der Gesellschaft für Goldschmiedekunst gab zu den Anfangsjahren wenig her. Viele Dokumenten mögen bei Bombenangriffen auf Berlin zerstört worden sein, wo die damalige Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst ihren Sitz hatte. Aber manches könnten die ehemaligen Protagonisten später auch bewusst vernichtet haben, um die enge Verstrickung der Gesellschaft, die sich 1950 unter dem Namen „Gesellschaft für Goldschmiedekunst“ in Hamburg neu gründete, mit dem Nazi-Regime vergessen zu machen.

Am 3. August 1932, nur wenige Monate vor Hitlers Machtübernahme, wurde die Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst im Alten Museum zu Berlin gegründet. Initiator der Vereinigung und über viele Jahre deren „Strippenzieher“ im Hintergrund war der Berliner Hofjuwelier Ferdinand Richard Wilm (1880-1971), der mit der Gründung der Gesellschaft offensichtlich nicht nur ganz eigene geschäftliche Interessen verfolgte, sondern von Beginn an, so belegen es viele Dokumente, auch den Kontakt zu höchsten NS-Kreisen suchte. Dazu trat er auch zum 1. Mai 1933 bereitwillig in die NSDAP ein. Obschon seine Mitgliedschaft einwandfrei belegt ist, hat Wilm dies später stets bestritten.

Auch mit persönlichen Geschenken und Ehrungen versuchten Wilm und das Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst von Beginn an, sich Nazi-Größen gewogen zu machen. So verlieh die Vereinigung bereits 1933 Adolf Hitler zu dessen Geburtstag am 20. April die erste „Goldene Medaille“ für Förderer der Gesellschaft und würdigte ihn als „den Schirmherrn Deutscher Kunst und Deutschen Handwerks“. Nur wenige Wochen später überreichte Wilm diese Auszeichnung übrigens auch anlässlich eines Internationalen Juwelierkongresses in Rom persönlich an den „Duce“ Benito Mussolini.

Goebbels und Göring wurden ausgezeichnet 

Unter anderem auch Reichsmarschall Hermann Göring und Reichspropagandaminister Joseph Goebbels kamen in den Folgejahren in den Genuss hoher Auszeichnungen und teurer Geschenke der Gesellschaft, die ihre eigenen Insignien wie Präsidentenstab, Präsidentenkette und Wappen bereitwillig mit Hakenkreuzen und anderer Nazi-Symbolik ausstaffierte.

Am 18. Oktober 1942 wurde das Deutsche Goldschmiedehaus eingeweiht. Zum Festakt kamen auch Staatssekretär Hermann Esser, damaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst (weißer Mantel), und der Gauleiter von Hessen-Nassau, Jakob Sprenger (2. v. r.). 

Mit Hermann Esser, Staatssekretär im Reichspropagandaministerium, übernahm 1938 ein glühender Antisemit und fanatischer NSDAP-Anhänger der ersten Stunde die Präsidentschaft der Deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst. Damit hatte die Gesellschaft endgültig direkten Zugriff zu höchsten Regierungskreisen.

1942 wurde das Goldschmiedehaus in Hanau gegründet

Das sollte sich nicht nur bei der Gründung des Deutschen Goldschmiedehauses im Jahr 1942 in Hanau im zehnten Jahr des Bestehens der Deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst auszahlen. Und wieder war es Ferdinand Richard Wilm, der dabei die richtigen Strippen zog.

Lesen Sie auch: Nichtstun ist gut für die Ökologie im heimischen Garten*

Wilm, der 1903 und 1904 zwei Jahre lang an der Staatlichen Zeichenakademie Hanau ausgebildet worden war, kam bei einem Besuch seiner alten Ausbildungsstadt im Frühjahr 1942 auf die Idee, im ehemaligen Altstädter Rathaus, das damals als Heimatmuseum genutzt wurde und reichlich renovierungsbedürftig war, das „Deutsche Goldschmiedehaus“ einzurichten. Mit dieser Idee lief Wilm nicht nur beim damaligen Hanauer NS-Bürgermeister Friedrich Müller-Starke offene Türen ein, er bekam dafür auch trotz Kriegswirren die nötige finanzielle und personelle Unterstützung aus Berlin. Binnen weniger Wochen wurden Umbau und Renovierung des Altstädter Rathauses zum Deutschen Goldschmiedehaus realisiert, auch indem auf Weisung Berlins vom Arbeitsamt Hanau die dafür nötigen Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt wurden.

„Inmitten des Zweiten Weltkrieges für Restaurationsarbeiten Arbeitskräfte zu erhalten, die sonst ausschließlich kriegsrelevanten Produktionen vorbehalten waren, zeigt die enge Verbindung von Wilm, der Deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst und der NS-Führung“, meint Historiker Michael Bermejo. Bereits am 18. Oktober 1942, mitten in den Kriegswirren, wurde das Deutsche Goldschmiedehaus mit einem großen Festakt eingeweiht.

Lesen Sie auch: Retourenstandort Hanau wird aufgelöst*

Dass vonseiten der Gesellschaft für Goldschmiedekunst bei ihrer Neugründung im Jahr 1950 viel dafür getan wurde, die unheilvolle Verstrickungen mit dem NS-Regime zu vertuschen, belegt ein Blick in die 1952 publizierte Jubiläumsschrift „Die Gesellschaft für Goldschmiedekunst, ihre Geschichte und ihre Bedeutung“: Sämtliche Hakenkreuze auf den in dieser Festschrift abgebildeten alten Insignien der Gesellschaft, wie Präsidentenstab und Präsidentenkette, hatte man wegretuschiert, auch die Verleihung der Goldenen Medaillen an Adolf Hitler und Benito Mussolini wurden nicht erwähnt. „Alles in allem eine Verleumdungsstrategie, die sich damals nahtlos in das kollektive Verdrängungsbedürfnis der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft einfügte“, wie Bermejo urteilt.

*op-online.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare