Kampf ums Wohnen

Sportsfield Housing: Hanau will Blocks unbedingt erhalten

Wohnen oder Gewerbegebiet? Von den 22 Blocks auf der 13,5 Hektar großen Sportsfield Housing stehen mittlerweile neun leer. Um die Wohnungen weiter nutzen zu können, wäre eine Baugesetzbuch-Änderung notwendig. Foto: Häsler
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Wohnen oder Gewerbegebiet? Von den 22 Blocks auf der 13,5 Hektar großen Sportsfield Housing stehen mittlerweile neun leer. Um die Wohnungen weiter nutzen zu können, wäre eine Baugesetzbuch-Änderung notwendig. Foto:

Sechs Millionen Euro an öffentlichen Geldern sind aufgewendet worden, um fast alle der 22 Blocks von Sportsfield Housing in Wolfgang für die Flüchtlingsunterbringung herzurichten.

Hanau – Wenn das einträfe, was die Stadt Hanau hängeringend verhindern will, wäre ein Gutteil des Geldes verloren: Wenn die 400 Wohnungen nämlich abgerissen werden müssten. Dann würde dort, wo jahrzehntelang US-Familien gewohnt haben, ein Gewerbegebiet entstehen. Nicht nur im Rathaus drängt man aber darauf, dass die Gebäude weiter dafür genutzt werden können, wofür sie gebaut wurden: fürs Wohnen.

Nach derzeitigem Stand ist das planungs- und immissionsschutzrechtlich nicht möglich. „Die Vorschriften laufen aber gegen den gesunden Menschenverstand“, meint Oberbürgermeister Claus Kaminsky. Die Stadt will daher um das Wohnquartier kämpfen, hat auf Landes- und Bundesebene eine breite Initiative gestartet. Ziel: Eine Änderung des Baugesetzbuchs (BauGB). Die Hanauer Hoffnung: Eine ohnehin dieses Jahr anstehende Novellierung des BauGB. Die Beratungen dazu laufen. Von Stadtplanern des Frankfurter Büros AS+P Albert Speer + Partner GmbH und Juristen von Allen & Overy (Frankfurt) hat die Stadt „Planungsrechtliche Denkstöße aus Hanau“ erarbeiten lassen. Das 36-seitige Papier wurde nun an die Bundes- und Landesregierung geschickt. Zugleich will man Verbände, aber auch Landes- und Bundestagsabgeordnete mobilisieren – und die Medien. Zu einer Pressekonferenz gestern waren bereits mehrere TV-Teams, Radio- und Zeitungsleute vor Ort.

Hanau: Bemühungen da, das Wohngebiet zu erhalten

Seit Jahren laufen im Rathaus Bemühungen, das Wohngebiet zu erhalten. Zwar wurden viele Gespräche mit dem benachbarten Reifenhersteller Goodyear Dunlop und mit dem Regierungspräsidium geführt – „offen und konstruktiv“, wie der Rathauschef betont. Ergebnis jedes Mal: Nach geltendem Recht, ist dort ein Wohngebiet nicht möglich. Hintergrund: Rechtlich wird das frühere Kasernenareal wie eine „grüne Wiese“ eingestuft. Es gelten damit die immissionsschutz- und planungsrechtlichen Vorgaben wie für ein Neubaugebiet. Heißt: Aufgrund der Nähe zum Industriebetrieb, von dem Gerüche und Lärm ausgehen, darf kein Wohngebiet ausgewiesen werden – ungeachtet dessen, dass hier jahrzehntelang US-Familien gewohnt haben und ungeachtet dessen, dass auf der anderen Seite des Dunlop-Areals im Freigerichtviertel seit Langem viele Menschen leben.

Allein, dass Lärm und vor allem Gerüche wahrnehmbar seien, verhindere eine Wohnnutzung, zumal die Werte laut Jurist Dr. Olaf Otting von Allen & Obery, „um 50 Prozent, zum Teil sogar um das Zwei- oder Dreifache“ über den Grenzwerten der Immissionsrichtlinien lägen. Gesundheitliche Gefahren gehen von den Gerüchen freilich nicht aus, unterstreicht Stadtentwickler Martin Bieberle. Und es gebe praktisch auch keine Beschwerden der Bürger. Zudem könnten die Wohnungen mit relativ geringem Aufwand saniert und so dringend benötigter Wohnraum geschaffen werden. Aber es hilft nichts. Es gebe auch keinen Bestandsschutz, sagt Jurist Dr. Otting. „Es ist derzeit nicht möglich, einen notwendigen Bebauungsplan rechtssicher aufzustellen.“

Die Wohnungen sind in einem guten Zustand, zum Teil sind sogar Küchen eingerichtet.

Nicht nur Hanau steckt in einer juristischen Zwickmühle. „Es gibt vergleichbare Fälle quer durch die Republik“, sagt OB Kaminsky. Betroffen seien alle Städte, die in Ballungsräumen Wohngebiete in der Nähe von Industriebetrieben ausweisen wollten.

Bebauungspläne auch bei einer Überschreitung von Grenzwerten

Zwar betont man in Hanau die Bedeutung des Planungsrechts und des Immissionsschutzes. In ihren „Denkanstößen“ sprechen sich die Fachleute aber für eine „Experimentierklausel“ aus. Diese sollte es Städten in Ballungsgebieten ermöglichen, Bebauungspläne auch bei einer Überschreitung von Grenzwerten aufzustellen, wenn bezahlbarer Wohnraum fehlt. Neben einer Flexibilisierung des Immissionsschutzes sei auch eine neue Baugebietskategorie sinnvoll: „Urbane Wohngebiete“. Immerhin befürworte die Baulandkommission die Einführung „Dörflicher Wohngebiete“, damit Wohnquartiere neben landwirtschaftlichen Betrieben leichter ausgewiesen werden können, so Dr. Otting, Das „Urbane Wohngebiet“ sei als Pendant für Ballungsräume angebracht.

Für sechs Millionen Euro wurden zuletzt die Wohnblocks hergerichtet. Bei einem Abriss wären zwar die neuen Versorgungsleitungen weiter nutzbar, der Rest ginge verloren.

Fest steht: Die Stadt will Sportsfield Housing von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben kaufen. Der Erstzugriff, so erwartet Stadtentwickler Bieberle, könnte im ersten Quartal 2020 wirksam werden. Und dann? Entweder wird durch gesetzliche Änderungen das Wohngebiet doch noch möglich. Oder es wird die Alternativplanung mit dem Abriss der ersten Blocks realisiert: Ein Gewerbegebiet. Optionen: Die Ansiedlung städtischer Betriebe und eines Nahversorgungszentrums.

Kein Abriss der gut erhaltenen 400 Wohnungen

Ein Abriss der gut erhaltenen 400 Wohnungen, so OB Kaminsky, sei den Bürgern indes kaum vermittelbar – erst recht angesichts des akuten Bedarfs an bezahlbarem Wohnraum in Ballungszentren. „Und bei diesem Problem stehen wir erst am Anfang“, so Kaminsky, „das birgt sozialen Sprengstoff.“

VON CHRISTIAN SPINDLER

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